Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

02.04.2021

10:04

Digitale Revolution

Richtige Absichten, falsche Anreize: Die Krux mit Wagniskapitalinvestments

Von: Larissa Holzki

Viele junge Unternehmer wollen mit ihren Firmen die Welt besser machen. Doch sie sind uneins, ob Wagniskapital dafür ein Hebel ist – oder eine Gefahr.

Die Unternehmer sind alle zwischen 1982 und 1984 geboren und wollen positive gesellschaftliche und ökologische Veränderungen bewirken.

Waldemar Zeiler (oben links), Fabian Heilemann (oben rechts), Christian Kroll und Anna Alex

Die Unternehmer sind alle zwischen 1982 und 1984 geboren und wollen positive gesellschaftliche und ökologische Veränderungen bewirken.

Düsseldorf Waldemar Zeiler war selbst mal einer von denen, die er jetzt zum Umdenken zwingen will. „Ich wollte auf jeden Fall Millionär werden“, sagt Zeiler. „Das war für mich unternehmerischer Erfolg, das haben mir das BWL-Studium und all die Bücher der großen Ökonomen so suggeriert.“ Sieben Unternehmen hat er gestartet, ist mit den meisten gescheitert, hat wieder von vorne angefangen. Dann stürzte 2013 in Bangladesch die Textilfabrik Rana Plaza ein – und Zeiler in eine Sinnkrise.

Das für 1136 Menschen tödliche Unglück hat seine unternehmerischen Erfolgskriterien grundlegend verändert. Bei Einhorn, dem von ihm gegründeten Hersteller für Kondome und Periodenprodukte, sorgen etwa ein Fünftel der Mitarbeiter in ihrer Haupttätigkeit dafür, dass alle Menschen in der Lieferkette zu sicheren und fairen Bedingungen arbeiten und die Produkte nachhaltig sind. Der Gründer selbst nennt es, die Wirtschaft „unfucken“.

Zeiler ist heute Teil einer neuen Unternehmergeneration, die mit ihren Firmen die Welt besser machen wollen. Sie stellen sich damit gegen etablierte Unternehmen, die sie für den Klimawandel und soziale Ungerechtigkeit verantwortlich machen, aber auch gegen manche Akteure der Start-up-Welt.

Die Internetszene, wie er sie kennen gelernt habe, sagt Zeiler, kenne nur Finanzierungsrunden und profitable Firmenverkäufe als Erfolgswährung. Bei rasant wachsenden Firmen mit globalen Ambitionen kann diese Konditionierung im Auge der Klimakrise dramatische Folgen haben.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Zeiler hat in seinen eigenen und anderen Start-ups beobachtet, dass es oft die Wagniskapitalgeber sind, die den Fokus der Gründer vor allem auf die Profitmaximierung lenken. „Das Geschäftsmodell von Venture-Capital und Investoren ist, aus einem Euro zehn Euro zu machen“, sagt Zeiler. Das könne man ihnen nicht mal vorwerfen. Nur gehe das im Zweifel auf Kosten von Gesellschaft und Umwelt. Bei Einhorn gibt es keine Investoren.

    Indoktriniert mit einem einseitigen Erfolgsbegriff

    Start-up-Investor Fabian Heilemann ist in der Start-up-Szene ähnlich sozialisiert worden wie Waldemar Zeiler. Als Absolvent der privaten Wirtschaftshochschule WHU sei er „in seiner Anfangszeit als Unternehmer stark geprägt gewesen vom rein finanziellen Erfolgsbegriff, der an vielen Business-Schools gepredigt wird“, sagt er selbst. Und es hat bei ihm auch funktioniert. Sein Vermögen hat er vor zehn Jahren beim Verkauf seines Gutschein-Start-ups DailyDeal an Google gemacht – damals noch ohne Kritik an den Spielregeln des Finanzmarktes.

    Inzwischen hat sich Heilemanns Perspektive auf die Wirtschaft geändert. Mit seinen Investments will er eine grünere Ökonomie aufbauen. Und er ist nicht der Einzige. Immer mehr Wagniskapitalgeber bezeichnen sich als „Impact“-Investoren, die ausschließlich Unternehmen mit nachhaltigen Geschäftsmodellen finanzieren wollen.

    Die Idee: Vor allem Internetfirmen lassen sich mit Kapitalspritzen schnell zu globalen Unternehmen aufbauen. Mit der Finanzierung der richtigen Start-ups kann ein ökonomischer Wandel rasant beschleunigt werden. Die große Frage aber ist: Lässt sich mit kapitalistischen Werkzeugen tatsächlich nicht nur Geld vermehren, sondern auch der Klimaschutz vorantreiben und soziale Ungerechtigkeit eindämmen? Oder ist der Kapitalismus am Ende doch der Feind aller guten Absichten?

    Um diese Fragen zu erörtern, hat sich das Handelsblatt mit vier Unternehmern zur Onlinekonferenz verabredet. Einhorn-Gründer Waldemar Zeiler, Investor Fabian Heilemann, Planetly-Gründerin Anna Alex und Christian Kroll von der Internetsuchmaschine Ecosia sind alle zwischen 1982 und 1984 geboren und wollen gewissermaßen das Gleiche - mit unternehmerischen Mitteln positive gesellschaftliche und ökologische Veränderungen bewirken.

    Für sie hat die Pandemie nichts an der Dringlichkeit geändert, mit der sie eine Kehrtwende beim Klimawandel herbeiführen wollen. „Ich habe Bedenken, dass uns ein Momentum verloren geht, wenn das Thema Klimawandel durch Corona noch eine Weile abgelöst wird“, sagt Christian Kroll. Die digitale Zusammenkunft hat deshalb auch etwas von einer Krisensitzung.

    Tatsächlich sind in der Coronakrise zur Entlastung der Wirtschaft schon politische Klimaziele aufgeschoben worden. „Wir brauchen jetzt Unternehmen, die nicht noch mehr kaputtmachen, sondern idealerweise regenerieren“, fordert Kroll.

    Seine Internetfirma ist bekannt als „Suchmaschine, die Bäume pflanzt“. Wer - statt etwa Google zu nutzen - über Ecosia im Internet nach Informationen sucht, trägt dazu bei, dass vertrocknete Regionen wieder aufgeforstet werden und regenerative Energie gefördert wird. Das Unternehmen investiert etwa 80 Prozent seines Gewinns in entsprechende Projekte. Der Rest verbleibt im Unternehmen und wird reinvestiert.

    Grafik

    Den ökologischen Fußabdruck messen, Treibhausgase mit Zahlungen an soziale Projekte begleichen und damit am Ende bloß dafür sorgen, dass Umwelt und Gesellschaft durch ein Unternehmen nicht leiden müssen – das reicht Christian Kroll alles nicht mehr. „In den 80er-Jahren hätten wir nachhaltig sein können“, sagt er. „Dafür ist es jetzt leider zu spät, wir müssen schon lange in regenerativen Systemen denken.“ Gesucht sind Unternehmen, die der Welt nicht nur nicht schaden, sondern einen positiven Einfluss haben.

    Mithilfe von Wagniskapital hätte Kroll seine Suchmaschine schnell bekannter machen und damit vielleicht auch mehr Bäume pflanzen können. Aber: „Wenn wir Geld aufgenommen hätten, hätten wir uns automatisch an Profitmaximierung ausrichten müssen“, sagt der Gründer – ein Widerspruch für jemanden, der nicht das finanzielle Ergebnis für sich und seine Geldgeber, sondern den Gewinn für alle maximieren will.

    Wie auch Waldemar Zeiler hat Kroll sein Unternehmen über ein Rechtskonstrukt inzwischen unveräußerlich gemacht. Er kann es nicht mehr verkaufen, keine Gewinne mehr entnehmen. Fehlanreize sind ausgeschlossen.

    Auf der anderen Seite steht Investor Fabian Heilemann. Bei Earlybird hat er eine Klimaklausel eingeführt, nach der sich jede Portfoliofirma verpflichten muss, klimaverträglich zu wirtschaften. Die Idee stammt von der Initiative „Leaders for Climate Action“.

    Heilemann sieht Wagniskapitalinvestitionen gar als Hebel, die Wirtschaft möglichst schnell auf Grün zu schalten – und nachhaltige Unternehmen auch für Gründer attraktiver zu machen. Er glaubt an die Vereinbarkeit von „for profit" und „for purpose“, also an Unternehmen, die einen klaren Anspruch an Profitmaximierung formulieren und trotzdem einen guten Zweck erfüllen können.

    Ein Beispiel ist die Firma Planetly von Anna Alex. Mit Mitgründer Benedikt Franke entwickelt und vertreibt sie eine Software, die beim Berechnen der CO2-Emissionen von Unternehmen hilft und damit auch Anstrengungen unterstützt, ihre Klimaverträglichkeit zu steigern.

    Kein Wagniskapital, keine Wirkungskraft?

    Auch Alex zeigt sich überzeugt, dass Wagniskapital im richtigen Geschäftsmodell mehr als nur den Umsatz skalieren kann: „Man muss beim Geschäftsmodell anfangen und schauen, dass alle Anreize in die richtige und gleiche Richtung deuten“, sagt die Unternehmerin. Je größer das Unternehmen, desto erfolgreicher in wirtschaftlicher Hinsicht als auch in seinen Auswirkungen müsse das Unternehmen sein. Im Fall von Planetly hieße das: „Je größer wir werden, desto mehr Firmen messen ihren CO2-Fußabdruck, reduzieren ihn und bremsen den Klimawandel.“

    Für ihre und andere Firmen sei Wagniskapital überhaupt erst das Mittel, Wirkungskraft entfalten zu können. Man könne den besten Zweck der Welt verfolgen. „Wenn das Ganze nicht skaliert und eine Drei-Mann-Bude bleibt, hat man damit auch keinen Impact.“

    Allerdings sind solche Firmen – noch dazu mit großen Gewinnaussichten - viel zu selten, um all das Kapital aufzunehmen, das mit Aussicht auf attraktive Renditen angelegt werden will. Im Alltag ist Fabian Heilemann darum dem gleichen Konflikt zwischen Rentabilität und guten Absichten ausgesetzt, wie ihn die Gründer Kroll und Zeiler beschreiben.

    Bei Earlybird steht Heilemann wie viele andere Wagniskapitalunternehmer unter dem Druck der Limited Partner. Diese Investoren hinter den Investoren sind Pensionsfonds, Staatsfonds, Family-Offices und Unternehmen, die zuallererst mit der Erwartung zu dem Start-up-Investor kommen, ihr Kapital zu mehren.

    Und deshalb teilt er auch den Ärger der Gründer über das System und seine Folgen. Der klassisch-liberale Finanzkapitalismus sei vor allem auf die monetäre Profitmaximierung im Sinne des Shareholder-Value-Gedankens ausgelegt, kritisiert Heilemann: „Dieses Wirtschaftssystem führt zu einem permanenten Zielkonflikt zwischen Profitmaximierung einerseits und der Berücksichtigung von Umwelt und Gesellschaft andererseits.“

    Die drängenden Probleme könnten so nicht gelöst werden: „Die Probleme nehmen immer stärker zu und werden letztlich dazu führen, dass wir künftigen Generationen keine steigende Lebensqualität mehr hinterlassen, sondern eine sinkende.“

    Vom Finanzkapitalismus zum Impact-Kapitalismus

    Der Investor drängt deshalb auf einen radikalen Systemwandel, der das Spannungsverhältnis aufhebt, neue Anreizstrukturen setzt und vor allem für junge, technologiegetriebene Unternehmen eine positive Lenkungswirkung hat. „Das treibt mich den ganzen Tag um: Das Instrument Venture-Capital muss transformiert werden“, sagt Heilemann. „Wir müssen letztlich flächendeckend dazu kommen, dass der Kapitalmarkt nicht nur nach der finanziellen Performance, sondern auch nach dem CO2-Ausstoß pro Dollar Umsatz und nach dem Umgang mit beispielsweise Zulieferern und Mitarbeitern fragt.“

    Doch mit Idealismus allein wird sich das nicht bewirken lassen. Auch da sind sich die jungen Unternehmer einig. Sie fordern radikale politische Lenkungsentscheidungen. „Wenn Unternehmen heute planetare Grenzen sprengen, werden sie finanziell belohnt und nicht bestraft“, sagt Waldemar Zeiler. „Das lässt einen verzweifeln." Wer dagegen nach nachhaltigen Prinzipien wirtschaften wolle, müsse es freiwillig tun und begebe sich sofort in einen Wettbewerbsnachteil.

    In seinem jüngst erschienenen Buch „Unfuck the Economy“ fordert er Strafen für die „Schadschöpfung“ von Unternehmen, die mit dem Ausstoß von Treibhausgasen den Klimawandel anheizen, die Weltmeere mit Verpackungsmüll verschmutzen und lebensgefährliche Arbeitsbedingungen bei ihren Zulieferern in Kauf nehmen.

    Christian Kroll stimmt dem zu: „Wenn Unternehmen die Umwelt zerstören oder Menschenleben in Gefahr bringen, müssen sie dafür sehr, sehr stark in Verantwortung gezogen werden – so weit, dass Geschäftsführer dafür ins Gefängnis gehen“, sagt der Ecosia-Gründer.

    Seine Hoffnung ist, dass politisch neue Anreize gesetzt werden, wie durch das Lieferkettengesetz, höhere CO2-Preise und neue Umweltstandards. Dann würden die richtigen Unternehmen Wettbewerbsvorteile erleben. „Mit den heutigen Anreizen ist man als regeneratives oder nachhaltiges Unternehmen schon irgendwie immer wieder der oder die Doofe.“

    Heilemann sieht vor allem seine eigene Generation in der Pflicht: „Meine Generation muss diese systemische Transformation angehen und durchziehen – die Zeit läuft gegen uns“, sagt er. Die heute 50- bis 60-Jährigen hätten das Problem, sich zunächst eingestehen zu müssen, die Notwendigkeit des Wandels über viele Jahre nicht erkannt zu haben.

    Heilemanns Appell: „Wir müssen von einem Finanzkapitalismus zu einem Impact-Kapitalismus kommen, auf Basis eines erweiterten Erfolgsbegriffs.“ Er lässt keinen Zweifel daran, dass es ihm um einen Stopp des Klimawandels geht.

    Klar ist aber auch: Unter neuen Rahmenbedingungen könnte das Geschäftsmodell Wagniskapital zu einem konfliktfreien, verlässlichen und letztlich profitableren Instrument dafür werden.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×