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04.09.2022

16:02

Elektronikmesse Ifa

Warum der Kamerahersteller Leica jetzt Fernseher baut

Von: Christof Kerkmann

Leica ist weltbekannt für seine Kameras. Jetzt will das Unternehmen gemeinsam mit Hisense einen Luxusfernseher auf den Markt bringen. Der TV-Markt ist hart umkämpft – kann das gut gehen?

Das Gerät hat ein Objektiv von Leica – für den Kamerahersteller ein neues Geschäftsfeld. Leica

Leica Cine 1

Das Gerät hat ein Objektiv von Leica – für den Kamerahersteller ein neues Geschäftsfeld.

Berlin Leica zeigt auf der Elektronikmesse Ifa in Berlin keine Kamera, sondern einen Fernseher – das Modell Cine 1. Entstanden ist es in Kooperation mit dem chinesischen Elektronikkonzern Hisense, einem der fünf größten TV-Hersteller.

Ein klassischer Fernseher ist das Gerät allerdings nicht, weder technisch noch preislich. Leica selbst spricht von einem „Heimkino-Produkt“, was sich am Preis von 6900 Euro aufwärts ablesen lässt. Weitere Modelle sollen in den nächsten Jahren folgen – in einer längerfristigen Kooperation wollen sich die Unternehmen in diesem Segment „verstärkt positionieren“.

Es ist das jüngste Beispiel dafür, wie das Traditionsunternehmen, das mit seinen Kameras Kultstatus erlangt hat, neue Produktsegmente erschließen will. „Die Kernkompetenz des Unternehmens besteht darin, das Beste aus einem Bild herauszuholen“, sagte Konzernchef Matthias Harsch dem Handelsblatt. Auch in Smartphones kommt die Technologie bereits zum Einsatz.

Der TV-Markt ist allerdings brutal umkämpft. Nach der Coronapandemie, in der sich viele Verbraucher mit neuen Fernsehern das Leben zu Hause gemütlich machten, sei die Nachfrage unerwartet plötzlich weggebrochen, beobachtet Paul Gray, der beim Marktforscher Omdia den Bereich Heimelektronik leitet. „Wir befinden uns mitten in einer schmerzhaften Bestandsanpassung.“

Die Diversifizierung ist keine Abkehr von der Kamera an sich. Bis heute sind Leica-Modelle gefragt, trotz des Smartphone-Booms, der viele Produkte vom Markt verdrängt hat. Der Hersteller verkauft Premiumprodukte an Liebhaber, die exzellente Technik schätzen und dafür durchaus mehrere Tausend Euro bezahlen.

Die Kameras sind gefragter denn je

Für das Premiumsegment im Kameramarkt sei die Handyfotografie sogar förderlich, sagt Vorstandschef Harsch: „Dadurch entdecken viele Menschen ihre Leidenschaft für das Thema.“ Fünf bis zehn Prozent Wachstum peilt der Elektronikhersteller in diesem Segment an – und das in einem Markt, der innerhalb von zehn Jahren kollabiert ist.

Die Not nach der Jahrtausendwende, als Leica die Umstellung auf die Digitalfotografie verpasst hatte und daran fast zugrunde ging, ist fast vergessen. Mehrheitseigentümer und Aufsichtsratschef Andreas Kaufmann rettete das Unternehmen, bis heute bestimmt er maßgeblich die Strategie.

In neue Geschäftsfelder gehen, das bewährt sich bislang für das Unternehmen mit einer mehr als 100-jährigen Geschichte. Vor wenigen Wochen verkündete es ein Rekordergebnis für das gerade abgelaufene Geschäftsjahr, der Umsatz stieg um 16 Prozent auf 450 Millionen Euro.

Mit Panasonic entwickelt Leica Kameras, den Drohnenhersteller Yuneec und den Smartphone-Fabrikanten Xiaomi beliefert es mit Bildtechnologien. Zwischenzeitlich erhielt auch Huawei-Technologie durch Leica das Siegel „made in Germany“, bis die Sanktionen der USA dem chinesischen Konzern zusetzten. Die Partnerschaften seien wichtig, sagt Harsch: „Als Mittelständler können wir nicht alles komplett selbst entwickeln.“

Dieses Prinzip gilt auch bei der Entwicklung des Cine 1. Das Laser-TV-Gerät ist ein Projektor, der aus kurzer Distanz ein 80 oder 100 Zoll großes Bild an die Leinwand wirft. Hisense, einer der großen fünf im TV-Markt, liefert zahlreiche Komponenten, von den Chips über die Smart-TV-Plattform bis zum Lautsprecher. Leica beteiligt sich mit dem Objektiv – und der Bekanntheit, die in China bei der Vermarktung helfen dürfte. Gerade dort sind die Superbeamer gefragt.

Klumpenrisiko China?

Bisher machen Laserprojektoren weniger als ein Prozent im TV-Markt aus, der Umsatz mit diesen Geräten liegt nach Einschätzung von Marktforschern bei nur einer Milliarde Dollar – wenn auch mit steigender Tendenz.

Für Leica sei das eine attraktive Nische, betont Harsch, der zuvor beim Fernsehhersteller Loewe Vorstandschef war. „Bei Kameras haben wir zwei Prozent Marktanteil – wenn wir bei den High-End-Laser-Fernsehern in dieser Größenordnung ankommen, wäre das gigantisch.“ Eine konkrete Umsatzprognose nennt er nicht.

Allerdings muss sich die neue Technik durchsetzen: Wollen Heimkinofans das Wohnzimmer abdunkeln, damit das Bild klar zu erkennen ist? Wie gut ist die Qualität im Vergleich zu anderen Technologien? Und ist der Preis konkurrenzfähig, wo doch die Kosten für Paneele deutlich sinken?

Der Plan ist ambitioniert, das weiß Leica-Chef Harsch. „Bei jeder neuen Technologie ist die Frage, wie schnell sie sich durchsetzt. Das müssen wir noch sehen“, sagt er.

Bei der Suche nach Kooperationspartnern wird Leica immer wieder in China fündig. Das ist angesichts der geopolitischen Spannungen ein Risiko, wie der Fall Huawei zeigt: Wegen der Sanktionen der US-Regierung ist das Geschäft des chinesischen Technologiekonzerns im Westen eingebrochen – auch die Smartphones, die Leica-Technologie nutzten, waren mit einem Mal praktisch unverkäuflich. Inzwischen ist die Partnerschaft beendet.

Ein Problem sieht Harsch darin nicht. „Unser Geschäft ist global, Deutschland steht für weniger als fünf Prozent des Gesamtumsatzes, China für 15 Prozent, die USA für 20 Prozent“, sagt der Manager. „Wir haben daher im Vertrieb kein Klumpenrisiko.“

Er weiß indes auch: „Die Gefahr geopolitischer Konflikte wird allerdings zunehmen, jedoch besitzen wir aufgrund unserer Historie eine Menge Erfahrung, diese zu managen.“

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