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13.12.2021

04:00

Francesco Bonfiglio

Wie der Chef von Gaia-X das Cloud-Projekt doch noch zum Erfolg machen will

Von: Christof Kerkmann, Teresa Stiens

Schlagzeilen macht Gaia-X bisher nur mit Bürokratie und Streit – konkrete Produkte sind noch nicht entstanden. Der Chef des Cloud-Projekts verspricht: Jetzt geht es los.

„2022 ist das Jahr, in dem die ersten Initiativen auf den Markt kommen.“ Foto: Gaia-X

Francesco Bonfiglio

„2022 ist das Jahr, in dem die ersten Initiativen auf den Markt kommen.“

Foto: Gaia-X

Düsseldorf Die Konferenz sollte ein Aufbruchssignal sein – doch schon bevor es losging, waren Störgeräusche zu hören. Im November lud Gaia-X, die Organisation hinter dem gleichnamigen Cloud-Projekt, zum virtuellen Gipfeltreffen. Das Motto: „Here to deliver!“ Kurz zuvor kündigte jedoch mit Scaleway ein Gründungsmitglied den Rückzug an. Der französische Cloud-Anbieter begründete das mit der Beteiligung US-amerikanischer Konzerne wie Amazon, Google und Microsoft.

Einmal mehr zeigt sich: Die Ambitionen von Gaia-X sind groß, doch die Mitglieder können sich nicht einmal bei grundsätzlichen Fragen einigen. Das, was das Projekt bisher vornehmlich liefert, ist Streit.

Ist Gaia-X am Ende, bevor es richtig gestartet ist? Derartige Schlagzeilen ärgern Francesco Bonfiglio, den Chef der nichtkommerziellen Organisation, die ihren Sitz – typisch für Europa – in Brüssel hat.

Der Aufbau des Projekts habe Zeit gebraucht, sagte er dem Handelsblatt. 2022 werde es aber erste Dienste geben, und 2023 werde das Projekt die „kritische Masse“ erreichen. Das Ziel sei, dass jeder Cloud-Dienstleister den Standard unterstützt. Das Konsortium will eine Grundlage schaffen für eine „europäische Dateninfrastruktur“, für ein „offenes digitales Ökosystem“, in dem Unternehmen Daten „zusammenführen, vertrauensvoll teilen und nutzen können“.

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    Damit das funktioniert, definiert das Konsortium Standards, beispielsweise für den Datenaustausch. Und es entwickelt mehrere Services, die die Vernetzung verschiedener Produkte und Plattformen erleichtern, etwa einen Identifikationsdienst, Datenschutzmechanismen und einen Katalog mit den verfügbaren Angeboten.

    Im Cloud-Markt sei nicht die Herkunft der dominanten Anbieter das Problem, sondern die Konzentration von Macht in den Händen weniger, sagt Bonfiglio. „Europa fehlt die kritische Masse und Sichtbarkeit.“ Gaia-X sorge für Transparenz, Kontrolle und Interoperabilität – und helfe so kleineren Unternehmen.

    Die Hoffnung: Wenn Technologieanbieter ihre digitalen Dienste miteinander verknüpfen, können sie eine Alternative zu den Cloud-Konzernen Amazon Web Services, Microsoft und Google bieten. Und wenn Anwenderunternehmen die Daten über standardisierte Schnittstellen von einem Dienst zum anderen übertragen können, entfällt der sogenannte Lock-in-Effekt. Dieser beschreibt das Phänomen, dass Nutzer dauerhaft bei nur einem Anbieter bleiben, weil die Wechselhürden zu hoch sind.

    „Große und bürokratische Struktur“

    Die Realität dürfte auf Außenstehende indes ernüchternd wirken. Zwei Jahre nach der Ankündigung ist Gaia-X wenig mehr als ein theoretisches Konstrukt. So beginnt die Entwicklung der Dienste zur Vernetzung verschiedener Plattformen, im Projektjargon Federated Services genannt, erst in diesen Wochen unter der Federführung des Verbands der Internetwirtschaft Eco.

    Konkrete Produkte auf Grundlage der Standards fehlen ebenso, von einigen staatlich geförderten Leuchtturmprojekten abgesehen. So will ein Konsortium eine Plattform für Meeresdaten aufbauen, ein anderes den Informationsaustausch im Gesundheitswesen erleichtern. Eine weitere Gruppe arbeitet an großen Sprachmodellen, wie sie bislang nur Firmen in den USA und China entwickeln.

    „Nach zwei Jahren ist Gaia-X im Prinzip eine große und bürokratische Struktur“, kritisiert Paul McKay, Analyst bei Forrester. Das bremse die Entwicklung von Produkten erheblich. Der Marktbeobachter warnt daher: „IT-Chefs werden nicht zu irgendwelchen Gaia-X-Angeboten wechseln, bis sie nicht die Funktionen geboten bekommen, die sie benötigen.“

    Gaia-X-Chef Bonfiglio, der seit März im Amt ist, will dagegen keinen Verzug sehen. Zunächst sei es darum gegangen, die Organisation aufzubauen und die internen Abläufe zu klären – immerhin sei das Konsortium von 22 auf mehr als 300 Mitglieder angewachsen. Zudem habe man für die vielen Projekte, die Gaia-X zusammenfasst, einen einheitlichen Produktplan schreiben müssen.

    „2022 ist das Jahr, in dem die ersten Initiativen auf den Markt kommen“, verspricht der Manager, der früher unter anderem bei Hewlett Packard und Unisys tätig war. 2023 werde das technische Gerüst mit den Services und der Infrastruktur vollständig fertig sein. Der Italiener hofft, dass dann die Mitgliedsunternehmen auf dieser Grundlage Produkte entwickeln und eine Sogwirkung entsteht.

    Das ist allerdings viel Zeit, gerade in einem Markt, der sich so schnell entwickelt. Die Ausgaben für Cloud-Dienste wachsen kräftig, der Marktforscher Gartner erwartet für das kommende Jahr ein Plus von 22 Prozent auf 482 Milliarden Dollar. Die Pandemie sei ein Katalysator für die Digitalisierung und damit auch für die Einführung von Cloud-Diensten, heißt es in einem Report.

    „Keinen Burggraben um Europa ziehen“

    Das wirft die Frage auf: Ist Gaia-X zu langsam? Bonfiglio gibt sich unbesorgt: „Wenn es sich dabei um das Projekt eines einzelnen Unternehmens handeln würde, wären wir wahrscheinlich schneller“, sagt er. Innerhalb von Gaia-X habe es allerdings den Bedarf an Grundsatzdebatten und Konsensfindung gegeben – das sei sehr wichtig gewesen, brauche aber auch seine Zeit.

    Eine besondere Herausforderung habe darin bestanden, abstrakte Konzepte wie Souveränität und Transparenz in konkrete Technologie umzuwandeln, erklärt Bonfiglio. Die Erwartungen diesbezüglich seien am Anfang sehr hoch und gleichzeitig nicht klar definiert gewesen. Mittlerweile gebe es mehr Klarheit, man könne die Prinzipien nun technisch abbilden.

    In den Projekten, die auf der Gaia-X-Technologie aufbauen, wird die Geschwindigkeit nach Ansicht des Managers ohnehin deutlich höher sein: Die Unternehmen müssen, anders als in der Non-Profit-Organisation, nicht auf 300 andere Mitglieder Rücksicht nehmen.

    Als Positivbeispiel nennt er Catena-X, den Zusammenschluss der deutschen Autoindustrie mit Technologiefirmen wie SAP und Telekom, der die Wertschöpfungskette der Industrie digital abbilden will.

    Bonfiglio betont zudem, dass Unternehmen bestehende Services nachträglich mit Gaia-X kompatibel machen können. Eine Neuentwicklung sei nicht notwendig. Seine Hoffnung: Anbieter, die die Standards des Projekts einhalten, gewinnen an Wettbewerbsfähigkeit – und setzen so die übrigen unter Druck.

    Ein Streitpunkt ist und bleibt die Beteiligung von Unternehmen außerhalb Europas, wie die Schlagzeilen vor dem Gaia-X-Gipfel zeigten. Bonfiglio hält die Diskussion für überflüssig. Man könne nicht einen Burggraben um Europa ziehen, argumentiert er. „Wer glaubt, dass wir ausschließlich mit europäischen Daten arbeiten können, ignoriert das Wesen der digitalen Ökonomie.“

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