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25.02.2021

04:00

Gründer und Sportler

Sorare, Vejo, Vaha: Wenn Fußball-Profis wie Götze oder Neuer in Start-ups investieren

Von: Christoph Kapalschinski, Diana Fröhlich

Mario Götze investiert in einen Smoothie-Mixer, Manuel Neuer in einen Fitnessspiegel-Anbieter. Was sich Sportler und Start-ups von solchen Kooperationen versprechen.

Der Fußballer investiert ins Smoothie-Start-up Vejo. dpa

Mario Götze

Der Fußballer investiert ins Smoothie-Start-up Vejo.

Hamburg, Düsseldorf Das Verhältnis von Profi-Fußballern zum Geld ist kompliziert. In den 1980er-Jahren fiel die halbe Mannschaft von Eintracht Frankfurt auf dubiose Bauherrenmodelle herein, ein Jahrzehnt später galten Ost-Immobilien als Steuersparmodell – immerhin stieg Franz Beckenbauer noch rechtzeitig aus. Zuletzt fiel Uli Hoeneß, der langjährige Präsident des FC Bayern, dem Börsenfieber zum Opfer und anschließend dem Finanzamt.

Die neue Generation der deutschen Spitzensportler hofft auf eine neue Form der Geldanlage: Immer mehr Athleten investieren in Start-ups. Im besten Fall können sie dabei ihre Prominenz und ihre Erfahrungen aus dem Sport einbringen, um das jeweilige Unternehmen voranzubringen.

Das Abenteuer Gründung scheint Sportler anzuziehen, in deren Leben es meist ausschließlich um Wettbewerb geht. „Ein Start-up ist eine kleine Spielwiese, auf der sich erfolgsverwöhnte Athleten im Wirtschaftsleben ausprobieren können“, sagt Sportmarketingexperte Peter Rohlmann.

Gleich zwei Start-ups, bei denen die Beteiligung von Fußballern zur Strategie gehört, melden jetzt Verstärkung im Investorenkreis. In einer Finanzierungsrunde von 40 Millionen Euro steigen unter anderem Oliver Bierhoff, Ex-Profi und heute Direktor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), sowie der französische Nationalstürmer Antoine Griezmann bei der Fantasy-Fußball-Plattform Sorare ein.

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    Der zweite Deal ist kleiner: Der Fußball-Weltmeister von 2014, Mario Götze, hat in das amerikanisch-deutsche Start-up Vejo investiert. Es bietet einen akkubetriebenen Smoothie-Mixer an, in den keine frischen Früchte, sondern Kapseln mit gefriergetrocknetem Pulver kommen.

    Unterschiedliche Geschäftsmodelle, unterschiedliche Größen – und eine Gemeinsamkeit: „Sportler lenken im besten Fall die Aufmerksamkeit auf ein neues Produkt, das dadurch schneller bekannt wird“, sagt Christoph Breuer, Sportökonom an der Deutschen Sporthochschule Köln. „Zudem locken die Sportler auch weitere Geldgeber an.“

    Sammelkarten-Start-up zieht Investoren an

    Letzteres zeigt besonders das Beispiel Sorare. Das Geschäftsmodell ist neu: Nutzer können digitale Spielersammelkarten kaufen, die durch Blockchain-Technik begrenzt sind. Anschließend lassen sie ihre virtuellen Mannschaften gegeneinander antreten. Zu den frühen Investoren gehören Christian Miele, Präsident des Start-up-Verbands, und Fußball-Weltmeister André Schürrle. Ihr Engagement schafft Vertrauen in der Gründerszene und in der Sportlerwelt.

    Das zieht nun weitere Investoren an. Miele ist besonders stolz auf die Beteiligung von Benchmark Capital. Die Firma des US-Investors Peter Fenton hat früh etwa in Twitter, Uber und WeWork investiert. Auch ein Mitgründer von Reddit, Alexis Ohanian, ist als neuer Angelinvestor dabei.

    Offenbar geht das Konzept bislang auf: Sorare meldet 80.000 Nutzer und einen Monatsumsatz von 750.000 Euro. Für das Unternehmen ist es dabei wichtig, Lizenzen von Klubs und Spielern zu bekommen. Auch hierzu ist es hilfreich, Sportler an Bord zu haben.

    Vejo-Europachef Sebastian Wirtz setzt ebenfalls auf die Zugkraft seines prominenten Investors: „Über die Partnerschaft mit Mario Götze können wir unsere Bekanntheit steigern und eine große Zielgruppe aus dem Sportsektor ansprechen. Außerdem schafft Marios Name Glaubwürdigkeit und überzeugt mögliche Kunden von der hervorragenden Qualität unserer Produkte“, sagt er.

    Über den US-Vermarkter des FC Bayern München gibt es bereits eine Werbepartnerschaft mit dem Klub, künftig soll auch Götze für das Produkt stehen. „Vejo passt für mich perfekt, weil ich mich als Athlet in den vergangenen Jahren sehr viel mit den Themen Performance, Recovery und Ernährung beschäftigt habe“, sagte Götze im Gespräch mit dem Handelsblatt. Konkret könne er etwa Wissen um pflanzenbasiertes Protein einbringen.

    So untersuche Vejo künftig vierteljährlich das Blut des Fußballers, um ihm speziell abgestimmte Mischungen anzubieten, die auch auf den Markt kommen könnten, sagt Wirtz. Im Gegenzug für die Beratung und Promotion erhält Götze einen größeren Anteil am Unternehmen, als ihm durch sein finanzielles Investment eigentlich zustehen würde.

    Wie erfolgreich Vejo wird, ist noch offen. Bislang gibt es das Produkt nur im eigenen Onlineshop, der Schritt in die Läden ist erst in Planung. 2020 habe Vejo mit 25 Mitarbeitern einen siebenstelligen Umsatz erzielt, sagt Wirtz.

    „Sportler sind es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Sportmarketingexperte Rohlmann. „Von daher passt ein Engagement in einem Start-up sehr viel besser als die Tätigkeit in einem Großkonzern.“ Flache Hierarchien sowie die Möglichkeit, sich aktiv einzubringen – und nicht nur Geld mitzubringen –, machten ein junges Unternehmen interessant für Sportler.

    Neuer wirbt für elektronischen Fitnessspiegel

    Das zeigt auch Nationaltorhüter Manuel Neuer. Er hat sich an Vaha beteiligt. Das ist das jüngste Projekt der Gründerin der Sportkette Mrs. Sporty, Valerie Bures-Bönström. Kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie brachte sie einen elektronischen Fitnessspiegel auf den Markt. Das Gerät zeigt Übungsvideos mit Trainern, zeichnet Erfolge auf und macht Verbesserungsvorschläge.

    Seit wenigen Wochen ist Neuer offiziell an Vaha beteiligt – und taucht prominent etwa in der Facebook-Werbung oder in Youtube-Videos des Unternehmens auf. „Zunächst war nur eine Marketingkooperation geplant. Daraus ist eine Beteiligung geworden“, sagt Bures-Bönström. Denkbar sei auch, dass Neuer einen Sportkurs für die Vaha-Nutzer zusammenstellt. Im Gegenzug erhält der hochbezahlte Sportler die Chance, dass seine Start-up-Anteile künftig deutlich an Wert gewinnen.

    Die Gründerin sieht klare Parallelen zwischen Sport und Unternehmertum: „In beiden Fällen ist eine enorm hohe Disziplin nötig, die durch das Gefühl belohnt wird, auf dem Platz gewinnen zu können – auch wenn es nicht garantiert ist“, sagt sie. Darüber entscheide nicht nur das Talent, sondern auch der Durchhaltewillen. „Daher erfordern Leistungssport und Unternehmertum dasselbe Mindset.“ Auch bei Mrs. Sporty hat sie bereits mit einer Sportlerin zusammengearbeitet – der Tennislegende Steffi Graf.

    Die großen Vorbilder für die Sportinvestoren finden sich in den USA. Dort sind auch die Geldgeber der Vereine aktiv – so sind etwa die Käufer der Münchener Sport-App Freeletics mit NFL- und NBA-Teams verbunden. Ein Fonds der US-Familie York, der das Football-Team San Francisco 49ers gehört, stieg zudem im Herbst beim Düsseldorfer Ticketing-Start-up Vivenu ein. Das Know-how des Fonds soll die Expansion in die USA unterstützen.

    Bei Sorare sind die Klubs zwar nicht als Investoren, wohl aber als Lizenzgeber dabei. 126 Vereine, darunter der FC Bayern München, der FC Liverpool, Paris Saint-Germain, Real Madrid und Juventus Turin, haben weltweit Lizenzen vergeben. Trotz der Kosten dafür sei Sorare bereits profitabel, meldet das Start-up – schließlich sind die teils teuer gehandelten Karten selbst geschaffen. „Die Digitalisierung berührt wesentliche Bereiche unseres Lebens, so auch immer mehr den Fußballsport. Sorare ist ein spannendes Projekt dafür, wie Fußballfans, Profisportler und Gründer zusammenspielen“, meint Investor Bierhoff.

    Götze: „Ich finde es interessant, wie andere Spieler Geld anlegen“

    In den Vereinskabinen seien Start-ups trotzdem ein Randthema, berichtet Götze: „Ab und an spricht man darüber, aber es ist kein konstantes Gesprächsthema. Ich finde es interessant, wie andere Spieler Geld anlegen – mit verschiedenen Schwerpunkten. Bei manchen sind’s Immobilien, bei anderen Direktbeteiligungen.“

    Der exponierteste Start-up-Investor stammt denn auch nicht aus dem Fußball: Ex-Rennfahrer Nico Rosberg, der regelmäßig bei Start-up-Konferenzen auftritt. Am Berliner „Greentech Festival“ ist er sogar beteiligt. „Ich verbinde immer das Business mit dem guten Zweck. Das ist ganz wichtig für mich. Sonst bin ich nicht dabei“, sagte er dazu in einem Handelsblatt-Interview.

    Er beschäftige 18 Mitarbeiter in seinem Family Office in Monaco, um die Marke Nico Rosberg zu pflegen, für Sponsoren- und Pressearbeit – und um Investments in junge Technologieunternehmen zu tätigen. So ist er am Berliner E-Roller-Anbieter Tier beteiligt, darüber hinaus am Geotagging-Anbieter What3Words und an den Flugtaxi-Entwicklern Lilium und Volocopter.

    Götze lässt sich seinen weiteren Karriereweg noch offen. Neben Training und Spielplan bleibe wenig Zeit, sagt der Spieler, der derzeit beim niederländischen Klub PSV Eindhoven unter Vertrag steht. Aber auch unter seinen rund zehn Beteiligungen finden sich viele aus dem Technologiebereich – von RFID-Funkchips bis hin zu Medizinprodukten. Wichtigster Austauschpartner für Götze zu dem Thema ist sein Vater. Jürgen Götze ist Professor für Elektrotechnik an der TU Dortmund.

    Auch die Sport-Institutionen fördern Sportler als Gründer. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe lässt derzeit sieben aktive und frühere Leistungssportler zu einem Start-up-Wettbewerb antreten. „Die ‚Sporthilfe Start-up Academy‘ ist ein Förderbaustein zur dualen Karriere und richtet sich an jene Athleten, die nach ihrer sportlichen Laufbahn ein Start-up gründen wollen oder den Berufswunsch haben, Unternehmer zu werden“, sagt Thomas Gutekunst, Mitglied des Vorstands der Stiftung Deutsche Sporthilfe.

    So will etwa der Rennrodler Julian von Schleinitz „Bavarian AI“-Unternehmen beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz unterstützen. Zehnkämpfer Andreas Bechmann setzt mit seinem Start-up Preventio diese Technologie ein, um Wasserrohrbrüche vorauszusagen.

    Die Erfolgsaussichten von Sportlern, die an einem Start-up nicht nur finanziell beteiligt sind, sondern auch aktiv mitarbeiten, seien gut, meint Experte Breuer: „Beide, der Sportler und der Gründer eines Unternehmens, investieren im Normalfall viele Jahre harter Arbeit, sie haben am Ende ein großes Ziel: den Erfolg.“ Was nicht minder wichtig sei, ist die Fähigkeit zur Eigenmotivation. Doch es funktioniere eben nicht immer. Sportler, die während ihrer Karriere schon „über den Tellerrand hinausgeschaut“ haben, sich weitergebildet oder gar studiert haben, eignen sich laut Breuer jedenfalls besser dazu, in einem Start-up auch operativ mitzuarbeiten.

    Ein weiteres Beispiel ist der ehemalige Fußballnationalspieler Dennis Aogo, der sich gerade an einer zehn Millionen Euro schweren Finanzierungsrunde der Berliner Arbeitnehmer-Lernplattform Sharpist beteiligt hat. „Dennis passt gut zu uns, denn er kann seine Coaching-Erfahrungen aus dem Spitzensport in die Corporate-Welt mitbringen“, sagte Gründer Fabian Niedballa dem „Tagesspiegel“. Aogo wolle dazu beitragen, Unternehmen aus dem Sportbereich für das Angebot zu begeistern.

    Götze will über solche Kontakte zu den Teams wie bei Vejo auch das eigene Risiko senken. „Ich finde es sehr wichtig, die Ideen und die Gründerteams selbst zu kennen und auf dem Laufenden zu bleiben. In anderen Anlageklassen habe ich gemanagte Fonds gezeichnet, um meine Geldanlage zu diversifizieren. Da lasse ich mich auch beraten“, sagt er.

    Daher legt er nur einen kleinen Teil seines Vermögens in Start-ups an. Das Risiko, als Prominenter an die falschen Leute zu geraten, schätzt er niedrig ein: „Ich habe die richtigen Leute an meiner Seite, um gute Entscheidungen zu treffen.“

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