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18.11.2020

08:00

Gründerszene

Fortsetzung der Finanzierungsrunden: Start-ups kommen gestärkt aus der Krise

Von: Christoph Kapalschinski

Investoren schauen wieder auf die Nach-Coronazeit – und nehmen Kostensenkungen in der Krise erfreut auf. Für Gründer heißt das: Es fließt wieder Geld.

Die Frischepost-Gründerinnen konnten die Phase ausbleibender Investorengelder überbrücken und expandieren mit Kapitalgebern in neue Städte. Frischepost

Eva Neugebauer und Juliane Willing

Die Frischepost-Gründerinnen konnten die Phase ausbleibender Investorengelder überbrücken und expandieren mit Kapitalgebern in neue Städte.

Hamburg Eva Neugebauer gehört zu den Gründerinnen, die sich in der Coronakrise schnell etwas einfallen lassen mussten. Im ersten Shutdown brach ihrem Online-Hofladen Frischepost das wichtige Geschäft mit Büros und anderen Firmenkunden fast komplett weg. Doch ein anderer Bereich hat angefangen zu boomen: Privatkunden bestellen deutlich mehr nach Hause.

Neugebauer kann so den Umsatz mit regionalen Lebensmitteln 2020 wohl, wie bereits im Vorjahr, verdoppeln – und hat so einen Investor für die erste größere Wachstumsrunde gefunden. Einen „siebenstelligen Betrag“ stecke Bonventure in den Hamburger Obst- und Gemüselieferanten, sagte Neugebauer dem Handelsblatt. Doch bei der Geldsuche sei es trotz des zweiten Shutdowns weniger auf die aktuelle Situation angekommen, sagt Neugebauer: „Die Investoren gucken inzwischen extrem stark auf das Nach-Corona-Geschäft“, sagt sie.

Nach dem ersten Coronaschock orientieren sich die Risikokapitalgeber neu. Es geht nun nicht mehr in erster Linie darum, welche Start-ups digitale Pandemie-Lösungen anbieten. Der Blick geht spätestens seit den positiven Meldungen der Impfstoffhersteller nach vorn.

Jetzt profitieren diejenigen Gründer, die die Krise genutzt haben, um ihre Geschäftsmodelle wetterfest zu machen. Es könnte wieder mehr Kapital in Start-ups fließen, die in der Coronazeit ihre Chancen auch für den Normalbetrieb verbessert haben.

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    Denn die Kassen der Geldgeber sind voll: Die Silicon Valley Bank beobachtet in ihrem aktuellen Marktbericht, dass die globalen Risikokapitalgeber im laufenden Jahr viel Geld aufgenommen haben. Mit 72 Milliarden Dollar liege die Summe so hoch wie seit dem New-Economy-Jahr 2000 nicht mehr. Das habe drei Ursachen: Die Staaten pumpten zum einen viel Geld in die Finanzmärkte, um die Coronakrise abzufedern. In Deutschland kommen dazu großzügige KfW-Hilfen in Form von Co-Investmentzusagen für Risikokapitalfonds. Zum Zweiten blieben die Zinsen niedrig – und Anleger suchten zum Dritten Alternativen zu schwankenden Aktienkursen.

    Dem zum Trotz haben sich die Risikokapitalgeber bei Investments wegen der Corona-Unsicherheit im laufenden Jahr bislang zurückgehalten, vor allem wenn es um neue Investitionen ging. Wenig geblieben ist von der Euphorie des Frühjahrs, in der Coronakrise schnell ganz neue Geschäftsmodelle und technische Lösungen für den Kampf gegen das Virus zu finden – trotz zahlreicher Hackathons und Initiativen der Start-up-Szene.

    Besonders machte sich die Vorsicht der Geldgeber bei den ersten Wachstumsrunden, der Serie A, bemerkbar. Solche Runden, bei denen wie im Fall Frischepost nach einem erfolgreichen Start oft neue Investoren hinzukommen, gingen laut der Studie seit März 2020 weltweit um ein Viertel zurück. Die Folge: Die Investoren haben so viel „trockenes Pulver“ wie nie zuvor. 152 Milliarden Dollar warten allein in den USA auf ihren Einsatz.

    Profitabilität wird wichtiger

    Der Investitionsstau im Frühjahr hatte Folgen. So hat die Silicon Valley Bank beobachtet, dass die Verschuldung der Start-ups zunächst deutlich anstieg. Auch Frischepost-Gründerin Neugebauer überbrückte die Phase, in der Investoren die Gespräche vorübergehend auf Eis legten, bis zur jetzigen Runde. Sie sammelte knapp eine halbe Million Euro per Crowdfunding-Anleihe ein.

    Doch der Trend kehrt sich um. Global sinkt die Verschuldung bei den Start-ups wieder, denn es gibt wieder Eigenkapitalinfusionen von Kapitalgebern. Außerdem brauchen Gründer oft weniger Notfallgeld als zunächst gedacht, können also Kredite wieder reduzieren.

    Besonders Gründer, die schon vor der Krise Kontakte geknüpft haben, bekommen nun wieder Geld. Jan Marquardt etwa meldet einen „zweistelligen Millionenbetrag“ für sein Unternehmen Coyo – die erste externe Finanzierungsrunde des Start-ups, zehn Jahre nach der Gründung.

    Grafik

    Das Geld des US-Investors Marlin Equity Partners soll dem Hamburger bei der Internationalisierung helfen. Bereits vor einem Jahr hat Marquardt die Investorensuche gestartet, der erste Lockdown unterbrach sie. Gründer und Investoren müssten sich im realen Leben kennen lernen, findet Marquardt – zumal das Gründerteam in der Wachstumsrunde die Mehrheit abgibt. Erst nachdem wieder Interkontinentalreisen möglich waren, kam es zum Abschluss.

    In der Coronazeit hat sich bei den Geldgebern etwas verändert, beobachtet Marquardt: „Bei fast allen Investoren ist die Option, schnell profitabel werden zu können, signifikant wichtiger geworden“, sagt der 31-Jährige dem Handelsblatt. Das könnte auch ein Grund dafür sein, dass vor allem schon zuvor etablierte Unternehmen gestärkt aus der Krise hervorgehen. „Diejenigen, die von der Krise profitieren konnten, waren diejenigen, die schon ein fertiges Produkt hatten und sich schnell anpassen konnten“, sagt Marquardt.

    Sein Unternehmen war dabei gut positioniert: Die 140 Mitarbeiter versorgen Unternehmen wie Metro und Vorwerk mit einer Art Intranet 2.0 – passend auf die Unternehmensbedürfnisse vom virtuellen Schwarzen Brett bis zur Kommunikationsplattform. In der Coronakrise ist das für virtuelle Teams noch wichtiger geworden. Die Erfahrung soll auch bei der Expansion innerhalb Europas in der Post-Corona-Zeit helfen.

    Heilsamer Schock

    Der Schock war für viele Start-ups eine heilsame Gelegenheit, an den Kosten zu arbeiten. Der Gründer des Mobilitätssoftware-Anbieters Wunder Mobility, Gunnar Froh, hat etwa seine Pläne für neue Büros aufgegeben, um die flexiblen und günstigen alten Mietverträge beibehalten zu können – neben anderen Sparmaßnahmen. „Wir haben so die Profitabilität stark verbessert“, sagt der Hamburger. Das soll 2021 bei einer weiteren Finanzierungsrunde helfen.

    Finanzielle Solidität ist wichtig – gerade bei schwer getroffenen Geschäftsfeldern. Der E-Roller-Anbieter Tier beweist, dass Investoren wieder bereit sind, für gut aufgestellte Geschäftsmodelle Geld zu geben, die aber stark unter den Reisebeschränkungen leiden. In ihrer dritten größeren Wachstumsrunde sammelten die Berliner 250 Millionen Euro ein. Hauptinvestor ist Softbank aus Japan.

    Auch Tier hat stark an den Kosten gearbeitet: Die neueste Rollergeneration verfügt über besonders große Akkus, die die Nutzer selbst an Ladestationen nachfüllen sollen. Das senkt die Betriebskosten – und weckt Hoffnungen, dass nach den Corona-Einschränkungen ein tragfähiges Geschäftsmodell steht.

    Ähnlich ist es bei der Berliner Digitalspedition Forto. Sie meldete diese Woche eine Finanzierungsrunde über 42 Millionen Euro, angeführt vom Risikokapitalarm des tschechischen Energieversorgers CEZ. In der Coronazeit habe Forto beweisen können, dass seine Lösung für Schiffstransporte zwischen Asien und Europa auch in der Krise mehr Transparenz und Planbarkeit bringe, hieß es zur Begründung.

    Dank der Staatshilfen lassen Bestandsinvestoren auch schwer getroffene Unternehmen wie den Berliner Reiseevent-Anbieter Getyourguide nicht fallen. So hat sich der Investor Softbank an einer Wandelanleihe über 114 Millionen Euro beteiligt, die dem Start-up Luft verschafft. „Diese Finanzierung ist ein Vertrauensbeweis, dass Getyourguide die Erholung des globalen Tourismus anführen kann“, erklärt Gründer Johannes Reck. Nach dem Ende der Pandemie sei für 2021 und 2022 mit einem „zweistelligen Aufschwung“ des globalen Tourismus zu rechnen. Allerdings regiert bis dahin auch hier der Rotstift. Nachdem Kurzarbeit allein nicht ausreicht, streicht Getyourguide Stellen – wie zuvor schon Airbnb.

    Deutschland bleibt attraktiv

    Die deutschen Unternehmen haben einen Vorteil: Das Interesse der Investoren an der Szene bleibt intakt. Weiterhin sind Anteile an deutschen und europäischen Start-ups für Investoren aus den USA und Asien finanziell vergleichsweise günstig, während es für Investoren global auch 2020 für mehr Geld weniger Firmenanteile als in den Vorjahren gab.

    Auch die einheimischen Investoren finden daher auf den globalen Finanzmärkten Geld für ihre Deals. Zuletzt meldete etwa der wichtige deutsche Investor HV Capital einen neuen, 535 Millionen Euro schweren Fonds, der verstärkt in europäische Start-ups in Wachstumsphasen investieren soll. Erstes Geld daraus floss bereits, etwa an das Berliner E-Bike-Abo Dance.

    Neugebauer will dank das Geldes des sozial orientierten Investors Bonventure ihre Frischepost-Lieferfahrzeuge bald in weiteren Städten sehen. In den nächsten drei Jahren sollen Lizenznehmer in 25 europäischen Städten Lebensmittel aus dem Umland liefern. Auf Hamburg, Rhein-Main und Berlin folgen Anfang Dezember München und im Februar Köln. Der Optimismus ist zurück.

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