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10.05.2022

12:06

Halbleiter-Engpässe

Bis zu zwei Jahre: Kunden müssen immer länger auf Chips warten

Von: Joachim Hofer

Die Halbleiterhersteller erhöhen die Preise kräftig und können trotzdem nicht wie gewünscht liefern. China verschärft die Lage – nicht nur wegen der Lockdowns.

Die Halbleiterhersteller sind voll ausgelastet: Die Preise steigen, und die Lieferfristen werden immer länger. Sven Döring für Bosch

Chipproduktion

Die Halbleiterhersteller sind voll ausgelastet: Die Preise steigen, und die Lieferfristen werden immer länger.

München Die Kunden der Chipindustrie brauchen weiter starke Nerven. Die Nachfrage steigt stärker als die Produktionskapazitäten. Für 85 Prozent der Bauelemente dürften die Preise in den kommenden zwölf Monaten daher steigen, zeigen aktuelle Zahlen des Lieferkettenspezialisten Supplyframe. Bei 83 Prozent der Bauteile müssten die Käufer zudem noch länger auf die Lieferung warten als bisher, sagt Supplyframe-Experte Sascha Bütterling.

Dass sich die Lage zwei Jahre nach Beginn der Chipkrise immer weiter verschärft, liegt unter anderem an China. Dort verzeichnete Supplyframe im April 48 Prozent mehr Designentwürfe für elektronische Geräte als im Vorjahr. Das heißt: Es werden in großem Stil neue Produkte entwickelt, die in den nächsten Monaten auf den Markt kommen sollen. Und dafür benötigen die Hersteller Komponenten.

In Europa sei die Zahl der neuen Designs im April zwar nur um fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, so Supplyframe, Doch auch die Europäer brauchen damit bald noch mehr Halbleiter.

Es sieht über die gesamte Produktpalette der Chipindustrie nicht gut aus – von der analogen Stromversorgung über Standard-Logikbausteine bis hin zu anwendungsspezifischen Chips, den sogenannten ASICs, und Sensoren. Wer jetzt mit innovativen Angeboten auf den Markt kommen will und die Chips noch nicht bestellt hat, der muss sich auf lange Wartezeiten einstellen. „Bei manchen Baugruppen reden wir von zwei Jahren“, sagt Bütterling.

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    Supplyframe besitzt einen tiefen Einblick in das Geschäft: Das Unternehmen, das im vergangenen Jahr von Siemens übernommen wurde, betreibt eigene Marktplätze für Elektronikkomponenten und analysiert zudem die Entwicklungsaktivitäten von Firmen weltweit.

    Beim größten deutschen Chiphersteller, Infineon, müssen die Kunden Supplyframe zufolge auf Leistungshalbleiter, die sogenannten Mosfets, zwischen 52 und 80 Wochen warten. Die begehrten Bauteile für die Stromversorgung werden den Kunden regelrecht zugeteilt, die Branche spricht von Allokation. Zudem müssen die Käufer tiefer in die Tasche greifen: „Wir profitieren von einem positiven Preisumfeld“, sagt Sven Schneider, Finanzvorstand von Infineon.

    Die Chiphersteller investieren derzeit zwar massiv. Dem Branchenverband Semi zufolge wollen die Produzenten 446 Milliarden Dollar in den Neubau von Werken und zusätzlichen Produktionslinien stecken. Die Industrievereinigung bezieht sich dabei auf das Volumen von Vorhaben, die in den Jahren 2021 bis 2023 starten. Bis die neuen Produktionslinien aber mit der Massenfertigung starten, vergehen zum Teil noch mehrere Jahre.

    STMicroelectronics hat keine Kapazitäten mehr für 2023

    „Wir sind für 2023 fast ausverkauft“, sagt Jean-Marc Chery, Chef von STMicroelectronics. „Die Nachfrage übersteigt das Angebot um 30 bis 40 Prozent“, so der Vorstandschef des größten europäischen Halbleiterproduzenten. „In unserem Kerngeschäft sind keine Anzeichen von Schwäche zu erkennen“, ergänzt Helmut Gassel, Vertriebsvorstand von Infineon. Der Dax-Konzern verdient das meiste Geld mit der Autobranche und mit Industriekunden.

    Supplyframe zufolge haben die Chiphersteller die Preise zuletzt um bis zu 25 Prozent angehoben. Sie verlangen von ihren Kunden zudem verbindliche Bestellungen und Vorauszahlungen. Die Corona-Lockdowns in China sorgen ebenfalls dafür, dass die Chips knapp bleiben. STMicroelectronics etwa musste im ersten Quartal zwei Wochen Produktionsausfall in Shenzen hinnehmen.

    Entspannung ist nur in wenigen ausgewählten Bereichen zu erwarten. So dürften die Bestellfristen für LEDs im ersten Quartal 2023 sinken, sagt Supplyframe voraus. Derzeit müssen die Kunden viele optoelektronische Produkte ein Jahr im Voraus ordern. Auch bei Sensoren dürfte sich die Lage Anfang kommenden Jahres leicht verbessern. Derzeit beträgt die Lieferfrist für mehr als die Hälfte aller Sensortypen über ein Jahr.

    Die Chipkunden rechnen im Gegensatz zu Supplyframe damit, dass sie bald besser bedient werden mit Halbleitern. VW etwa geht davon aus, dass sich der Halbleitermangel in der zweiten Jahreshälfte entspannen und zu einem Produktionsanstieg beitragen wird, der die monatelangen Kürzungen ausgleicht. Einen Durchbruch erwartet die Autoindustrie aber nicht. Grundsätzlich blieben Halbleiter auch im kommenden Jahr noch knapp, sagte BMW-Chef Oliver Zipse kürzlich.

    Supplyframe-Manager Bütterling macht den Firmen unterdessen wenig Hoffnung: „Krieg, Inflation und die anhaltende Pandemie verschärfen die Situation weiter“, sagte er. Frühestens Mitte 2024 könnte das Chipangebot die Nachfrage wieder überschreiten.

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