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19.04.2022

12:29

Hawa Dawa

Überwachung der Luftreinheit: Dieses Start-up will eine Alternative zum Messcontainer schaffen

Von: Axel Höpner

Die Münchener Firma arbeitet an einem digitalen Messnetzwerk, das mit Wetter-, Verkehrs- und Satellitendaten verknüpft wird. Erste Großstädte sind bereits Kunden.

Verkehr in Berlin imago images/photothek

Verkehr in Berlin

Das Problem hoher Schadstoffwerte ist angesichts der Coronakrise und des Ukrainekriegs in den Hintergrund getreten, bleibts aber bestehen.

München Immer wenn es um Schadstoffbelastung an Straßen oder mögliche Diesel-Fahrverbote geht, rücken sie in den Mittelpunkt des Interesses: große Messcontainer an Verkehrsknotenpunkten der Städte. „Doch damit kann nur für viel Geld an wenigen Punkten die Luftqualität ermittelt werden“, sagt Gründer Karim Tarraf.

Mit ihrem Start-up Hawa Dawa – was auf Arabisch und in anderen Sprachen „gesunde Luft“ bedeutet – bauen Tarraf und seine Mitgründer gerade in vielen Städten ein flächendeckendes digitales Messnetzwerk mit günstiger Sensorik für Umweltdaten in Echtzeit auf. Die Messwerte werden mithilfe von Algorithmen mit anderen Daten wie Wetter, Verkehrsflüssen und Satelliten-Messungen kombiniert und Stadtplanern und kommerziellen Kunden zur Verfügung gestellt.

„Da entsteht ein ganz neuer Markt mit einem enormen Potenzial“, ist Tarraf überzeugt. Die Messungen an den Containern seien zwar sehr genau, aber eben auf wenige Punkte beschränkt. Dies könne zu massiven, aber wenig wirksamen Gegenmaßnahmen führen, die das Problem nicht wirklich lösen, sondern nur in andere, nicht überwachte Bereiche verlagern.

Bei dem Geschäftsmodell des Start-ups geht es nicht um den Verkauf der Messstationen, sondern um die Daten. Mithilfe Künstlicher Intelligenz sollen zum Beispiel Prognosen erstellt werden, wann sich die Luftqualität wo verschlechtern könnte. Dann können etwa Verkehrsflüsse rechtzeitig umgeleitet werden, bevor Grenzwerte überschritten werden.

Einsatzbereiche gibt es viele. Gerade erst erhielt Hawa Dawa den Auftrag von zwei europäischen Hauptstädten für den Aufbau eines cloudbasierten, intelligenten Messnetzwerks. So wollen Städte wissen, wann und wo zu hohe Feinstaubwerte drohen und wie die Luftqualität in Kindergärten und auf Spielplätzen ist. Im kommerziellen Bereich könnten zum Beispiel Lauf-Apps den Sportlern Routen vorschlagen, an denen die Luft möglichst sauber ist.

Start-up-Gründer Yvonne Rusche, Matthew Fullerton, Karim Tarraf und Birgit Fullerton Hawa Dawa

Hawa-Dawa-Gründer Yvonne Rusche, Matthew Fullerton, Karim Tarraf und Birgit Fullerton (von links)

Das Start-up baut in vielen Städten ein flächendeckendes digitales Messnetzwerk mit günstiger Sensorik für Umweltdaten in Echtzeit auf.

Besonders akut war das Thema vor drei Jahren, als in einigen deutschen Großstädten wie Stuttgart zeitweise großflächige Diesel-Fahrverbote drohten. Inzwischen ist es hierzulande zwar etwas ruhiger um das Thema geworden. Das liegt zum einen daran, dass andere Themen wie die Coronapandemie und der Ukrainekrieg die Nachrichten dominieren. Zudem hat sich die Luftqualität vielerorts verbessert, auch, weil örtliche Maßnahmen Wirkung zeigten.

Doch sind sie bei Hawa Dawa überzeugt, dass das Problem noch lange bestehen bleiben wird. Das zeigen auch Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO. Im vergangenen Jahr konnte demnach kein einziges Land die internationalen Grenzwerte für Luftqualität einhalten.

Markt ist mehrere Milliarden Dollar schwer

Die WHO empfiehlt, dass die Konzentration von kleinen und gefährlichen Luftpartikeln nicht fünf Mikrogramm pro Kubikmeter überschreiten sollte. Nur 3,4 Prozent der untersuchten Städte erfüllten die Norm im Jahr 2021. In 93 Städten wurden Luftverschmutzungen gemessen, die das Zehnfache der empfohlenen Höchstwerte betrugen.

Hawa-Dawa-Chef Tarraf hatte für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen gearbeitet, bevor er mit seiner Frau Yvonne Rusche sowie Matthew und Birgit Fullerton die Idee für das Unternehmen entwickelte. Wie wichtig saubere Luft für die Lebensqualität ist, weiß er aus eigener Erfahrung. Tarraf ist in Kairo aufgewachsen, sein Bruder leidet an Asthma, die Eltern sind Lungenfachärzte.

Messgerät von Hawa Dawa Hawa Dawa

Messgerät von Hawa Dawa

Bei dem Geschäftsmodell des Start-ups geht es nicht um den Verkauf der Messstationen, sondern um die Daten.

Der Markt für Messstationen ist laut Branchenschätzungen weltweit mehrere Milliarden Dollar schwer und wird von den Anbietern großer Container wie Thermo Fisher dominiert. Ein Container könne 150.000 Euro kosten, inklusive Wartung über den Lebenszyklus eine siebenstellige Summe, sagt Tarraf. Damit lasse sich dann aber nur die Luftqualität an genau dieser Stelle bestimmen.

„Für das Geld können wir eine komplette Stadt mit einem Netz von digitalen Messstationen ausrüsten“, erklärt Tarraf. Die Messgenauigkeit genüge auch den regulatorischen Standards, das habe der Tüv bestätigt.

Aufgrund ihrer extrem hohen Genauigkeit gelten die großen Anlagen als Standard. Doch ist es wirtschaftlich nicht darstellbar, die Luftqualität damit flächendeckend zu erfassen. Vorstellbar seien hybride Netzwerke, also eine Kombination aus einem Messcontainer und einem flächendeckenden System aus digitalen Sensoren, erklärt Tarraf. Die Container könnten nicht nur die Daten für ihre Standorte liefern, sondern auch als Referenz die Messgenauigkeit der anderen Sensoren verifizieren. Die digitalen Netze könnten zudem Messungen auch in der Fläche ermöglichen.

Aktuell hat Hawa Dawa eine mittlere dreistellige Zahl von Messstationen im Einsatz. Kunden sind in Deutschland unter anderem Mainz, Ulm und Berlin. Mit 1500 Messpunkten in Deutschland ließe sich laut Unternehmen etwa ein Drittel der Bevölkerung abdecken.

Aktuell steuert Hawa Dawa auf siebenstellige Umsätze zu. Das soll erst der Anfang sein. „Wir wollen den Markt befeuern“, sagt Tarraf. Auch im Hinblick auf die Klimakrise dürften Luftschadstoffe nicht übersehen werden. „Wenn man das 1,5-Grad-Ziel ernst nimmt, kommt man an diesen nicht vorbei“, erklärt der Gründer.

In der zweiten Jahreshälfte werde die EU die Richtwerte für die Luftqualität verschärfen. „Ohne ein flächendeckendes Mess-Netzwerk werden die Städte das Problem nicht in den Griff bekommen.“

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