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18.09.2021

09:57

Innovationen

Diese Zukunftstechnologien wollen die Parteien nach der Wahl antreiben

Von: Melanie Raidl, Britta Rybicki

Für internationalen Wettbewerb sind innovative Technologien unabdingbar. Auch im Wahlkampf finden sie Aufmerksamkeit. Allerdings zu wenig, wie Experten sagen.

Ohne Technologie und Digitalisierung werden sich einige der wichtigsten Zukunftsthemen nicht lösen lassen. dpa

Forschungsfabrik am KIT

Ohne Technologie und Digitalisierung werden sich einige der wichtigsten Zukunftsthemen nicht lösen lassen.

Düsseldorf Die Erderwärmung bekämpfen, die Wirtschaftskraft erhalten, bei der Verteidigung unabhängig von den USA und China bleiben: Ohne Technologie und Digitalisierung werden sich einige der wichtigsten Zukunftsthemen nicht lösen lassen. Trotzdem hat keine der großen Parteien Künstliche Intelligenz, Quantencomputing oder Blockchaintechnologie zu ihrem Kernthema gemacht.

„Bislang hat die Digitalisierung im Wahlkampf noch keine zentrale Rolle gespielt, obwohl sie für unser Land eine fundamentale Bedeutung hat“, sagt etwa der Präsident von Bitkom, Achim Berg. Wer wissen will, wie die einzelnen Parteien diese riesigen Herausforderungen angehen wollen, muss selbst in den Programmen recherchieren – und findet vor allem Kleinteiliges.

Das kritisiert Stefan Heumann von der Stiftung Neue Verantwortung: „Das Problem ist, dass alle bereits über Blockchain, Künstliche Intelligenz und andere neue Technologien reden wollen, obwohl die Grundlagen dafür oft noch gar nicht da sind.“ Es müsse jetzt darum gehen, zu definieren, welche Innovationen interessant für den Wirtschaftsstandort seien und welche Technologien man fördern wolle.

Das Handelsblatt hat in den Wahlprogrammen und bei den Parteien recherchiert, um die Technologieziele der Parteien zu vergleichen. Ein Überblick:

CDU/CSU

Künstliche Intelligenz
Innerhalb von sogenannten KI-Kompetenzzentren will die CDU die Anwendungsforschung zur Künstlichen Intelligenz fördern. Der Sprecher für die Digitale Agenda der CDU/CSU, Tankred Schipanski, verrät im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Wir wollen nun vor allem, dass die Künstliche Intelligenz in mittelständischen Unternehmen vorangetrieben wird.“

Bisher habe die CDU Künstliche Intelligenz vor allem im Verkehr, in der Umwelt und in der Landwirtschaft vorangetrieben. Besonders in den Bereichen autonomes Fahren oder beim Sparen von Ressourcen der Umwelt soll KI zum Einsatz kommen.

„Wir wollen dies in der nächsten Legislaturperiode in einem Digitalministerium bündeln und Themen wie die Smart City und Smart Farming in diesem federführend voranbringen“, sagt Schipanski.

Blockchaintechnologie
Vor allem in der Digitalverwaltung soll die Blockchaintechnologie laut CDU Abhilfe schaffen. Bürger sollten, so Schipanski, alle ihre Daten auf einem Datensatz bündeln können, auf den die Behörde leicht und sicher zugreifen kann.

Weil eine Blockchain dezentral und pseudonym funktioniere, könne man Daten wie Aufenthaltsbewilligung, Geburts- und Sterbedatum, Krankenversicherungsnummer und andere sicher hinterlegen und müsse nicht bei jedem Behördengang erneut Dokumente ausfüllen. „Die Steuer-ID könnte dann als einheitlicher Indikator zur Identifikation herangezogen werden“, erklärt Schipanski.

Quantencomputing
Insgesamt will die CDU drei Quantencomputer aufbauen. Etwa in der Medikamentenentwicklung, so Schipanski, könne man Simulationen und Berechnungen mithilfe eines Quantencomputers optimiert gestalten. Auch im Verkehr, etwa bei der Verkehrssteuerung oder beim autonomen Fahren, wäre ein Supercomputer mit hoher Rechenleistung von Vorteil. „Wir können mit dessen Technologie außerdem mehr digitale Sicherheit gewährleisten durch neue Verschlüsselungsmethoden“, ist Schipanski überzeugt.

Klimatechnologien
Digitalsprecher Schipanski spricht im Kontext der Klimatechnologien vor allem die Mikroelektronikinitiative an. Sogenannte neuromorphe Mikrochips sollen den Energieaufwand von Halbleitern minimieren und so Ressourcen sparen. „Neuromorphe Systeme in Chips sollen so funktionieren wie etwa unser Gehirn“, erklärt er dazu, „denn dieses hat mit relativ wenig Energiezufuhr eine große Leistung.“ So könne man durch Digitalisierung enorm viel Energie sparen.

Digitale Gesundheit
In ihrem Programm kündigen CDU und CSU an, das virtuelle Krankenhaus zu stärken. Über sogenannte Telekonsile sollen sich Ärzte über besonders schwierige Operationen im Videochat austauschen können. Alexander Beyer, stellvertretender Geschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), wünscht sich einen rechtlichen Rahmen für die Finanzierung des Wahlversprechens: „Hier brauchen Kliniken einen Zuschlag.“ Teil des virtuellen Krankenhauses sind auch Therapien mit der Virtual-Reality-Brille. CDU und CSU wollen die Technologie in der Behandlung von Menschen mit Depressionen etablieren.

Mit einem Förderprogramm von 500 Millionen Euro sollen außerdem Roboter auf Pflegestationen gebracht werden, um Mitarbeiter zu entlasten. Angedacht sind datengetriebene Roboter für Demenzpatienten, die Warnsignale geben.

Künstliche Intelligenz
In ihrem Wahlprogramm spricht die SPD über den Einsatz Künstlicher Intelligenz vor allem in der Rüstungskontrolle. Mit dem Ziel, Atomwaffen abzusetzen und zu vernichten, und zur generellen Abrüstung will die Partei nicht ausschließen, Künstliche Intelligenz heranzuziehen. Wie genau, ist in ihrem Programm nicht näher erläutert.

Auch in der Rekrutierung von Personal kann sich die SPD den Einsatz Künstlicher Intelligenz vorstellen, betont allerdings im Wahlprogramm, dass diese nicht diskriminieren dürfe. Algorithmen sollten vorurteilsfrei und diskriminierungsfrei programmiert sein.

Quantencomputing
Um die deutsche und europäische Wirtschaft zu stärken, plant die SPD eine Förderung von Quantentechnik. Allerdings ist diese nicht näher definiert.

Blockchain
Zu dem Thema finden sich keine Angaben im SPD-Parteiprogramm.

Mehr zum Thema:

Klimatechnologien
Um den CO2-Ausstoß zu verringern, will die SPD in Projekte mit umweltfreundlicher Wasserstofftechnologie investieren. Dabei soll geforscht werden, inwiefern Schiffe, Flugzeuge und Laster mit grünem Wasserstoff angetrieben werden können.

Im Schwerlastverkehr will die SPD auch mehr in die Entwicklung von Wasserstoff-Brennstoffzellen investieren. Auch wasserstoffbetriebene Züge der Deutschen Bahn denkt die SPD an.

Bis 2030 will die Partei von Olaf Scholz Deutschland zu einem „Leitmarkt für Wasserstofftechnologie“ machen und Stahl CO2-neutral erzeugen.

Digitale Gesundheit
In ihrem Programm schreibt die SPD: „Wir wollen die Potenziale der Digitalisierung für die Verbesserung von Diagnosen und für die flächendeckende gesundheitliche Versorgung entschlossener nutzen“ und spielt damit auf die Förderung von Künstlicher Intelligenz an.

Ihren Schwerpunkt legen die Sozialdemokraten allerdings auf Mitarbeiter und Ärzte, die die Digitalisierung des Gesundheitswesens bewältigen müssen, und fordern flächendeckende Weiterbildungs- und Unterstützungsangebote etwa für die elektronische Patientenakte.

Darin sollen ab dem kommenden Jahr Gesundheitsdaten aller gesetzlich Versicherten in Deutschland abgelegt werden.

Bündnis 90/Die Grünen

Künstliche Intelligenz
Im Mobilitätssektor wolle man mehr Effizienz schaffen, erklärt der Bundestagssprecher der Grünen für Industriepolitik und digitale Wirtschaft, Dieter Janecek, dem Handelsblatt. „In der Schweiz etwa versucht man, durch Künstliche Intelligenz mehr Züge auf die Gleise zu bringen und effizientere Fahrpläne zu gestalten.“

Das könnte in Deutschland auch gut umgesetzt werden, ist er überzeugt. Eine bessere Auslastung der Schienennetze wäre mit Daten, die eine KI auswertet, möglich. Auch im Voraussagen des Wetters wäre Künstliche Intelligenz gut brauchbar, meint der Sprecher der Grünen. Man könne sich besser auf extreme Wetterereignisse einstellen, und auch die Landwirtschaft wäre besser auf das Wetter vorbereitet.

In der Logistik und beim autonomen Fahren wollen die Grünen auch Künstliche Intelligenz einsetzen können. „Etwa Lieferdienste mit Kleinstfahrzeugen können mit einer KI betrieben werden“, erklärt Janecek.

Außerdem wollen die Grünen eine europäische Cloud-Infrastruktur fördern auf Basis von Open-Source-Technologien. „Europa muss in eigene Expertise im Bereich der Verarbeitung großer Datenmengen für Künstliche Intelligenz investieren“, liest man im Wahlprogramm.

Quantencomputing
Für intelligente Verschlüsselungstechnologie und die digitale Sicherheit wollen die Grünen Quantentechnologie fördern.

Blockchain
Bestehende Kooperationspflichten von Kryptotauschbörsen wollen die Grünen erweitern und Ermittlungsbehörden in diesem Bereich schulen. „Wir wollen den rasanten Entwicklungen im Bereich dezentraler Finanzanwendungen gerecht werden und die Chancen und Risiken von Kryptowährungen und Blockchains differenziert ausloten“, schreibt die Partei in ihrem Wahlprogramm.

Klimatechnologien
Wasserstoff spiele eine wichtige Rolle, wo der Brennstoff ersetzt werden könne, sagt Janecek. Aber auch das sogenannte Carbon Capture Storage (CCS) würde die Partei fördern wollen. Mittels dieser Technologie wird CO2 etwa aus Abgasen von Kraftwerken oder der Industrie abgeschieden und dann in geologischen Formationen oder festen Karbonaten eingelagert.

Außerdem wollen sich die Grünen für eine „eigene, nachhaltige Batteriezellenproduktion“ einsetzen, inklusive eines dazugehörenden Recyclingsystems.

Dieter Janecek erklärt dazu, dass ein staatlicher Wagniskapitalfonds helfen soll, innovative Technologien zu fördern und deren Finanzierung sicherzustellen. „Wir Grünen treten deshalb nicht mit der schwarzen Null an.“

Digitale Gesundheit
Zur Förderung der digitalen Ausstattung von Krankenhäusern und ihrer Vernetzung haben die Grünen bereits im Jahr 2019 einen Digitalpakt von Bund und Ländern zur Anschubfinanzierung einer Ausstattung gefordert. Eine langfristig stabile Krankenhausfinanzierung fehle aber noch immer, sagt Maria Klein-Schmeink, die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion. „Zudem hat die Bundesregierung auf ganzer Linie dabei versagt, den Breitbandausbau voranzutreiben“, ergänzt sie. Dabei sei der Breitbandausbau laut Klein-Schmeink eine „essenzielle Voraussetzung“ für virtuelle Krankenhäuser.

Um den Nutzen von digitalen Innovationen in der Pflege sicherzustellen, wollen die Grünen vor allem die Erforschung von Technologien und Robotik stärken. „Zur Finanzierung haben wir einen Innovationsfonds für die Pflege und einen Digitalpakt für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen vorgeschlagen“, sagt Klein-Schmeink.

Künstliche Intelligenz
Mit einer sogenannten KI-Roadmap will die FDP bis 2025 zehn konkrete Anwendungsfälle der KI umsetzen. Es soll außerdem einen Standard für Learning Analytics an Schulen mit KI geben. Daniela Kluckert, Abgeordnete und im Ausschuss für digitale Infrastruktur, erklärt dazu im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Für zeitgemäße pädagogische Konzepte bietet gerade der Einsatz von Künstlicher Intelligenz die Möglichkeit zur Individualisierung des Lernens und damit die bestmögliche Förderung jedes Kindes.“

In der digitalen Verwaltung will die FDP außerdem Augmented und Virtual Reality zur Identitätsprüfung einsetzen.

Blockchain
„Die FDP begrüßt alternative Tauschmittel wie Kryptowährungen auf Blockchain und will einen verlässlichen rechtlichen Rahmen schaffen sowie diese weiterentwickeln“, sagt Kluckert.

Quantencomputing
Zu dem Thema finden sich keine Angaben im FDP-Parteiprogramm.

Klimatechnologien
Die Freien Demokraten wollen etwa Geo-Engineering oder auch die Technologien Carbon Capture Storage und Carbon Dioxide Removal (CDR) fördern. Beim CDR etwa wird CO2 der Atmosphäre direkt entzogen. „Weiterhin wollen wir außerdem die Entwicklung von Stromspeichern vorantreiben“, erklärt Daniela Kluckert.

Digitale Gesundheit
Die FDP fordert Standards für die Speicherung von Gesundheitsdaten. Nur auf dieser Basis könnten Technologien wie etwa KI-Modelle sinnvoll zum Einsatz kommen. Die digitale Infrastruktur einschließlich robotischer Einsatzsysteme solle gezielt gefördert werden.

Künstliche Intelligenz
In einem Papier zu ihrer digitalen Agenda schreibt die AfD allgemein über das Beleben der „Entwicklung und Anwendung von KI“. Sie will eine nationale KI-Forschungsförderung durchsetzen und sich dabei auf etwa drei Leuchtturmprojekte mit Künstlicher Intelligenz fokussieren. Näher definiert sind diese jedoch nicht.

Blockchaintechnologie
Die Technologie rund um Blockchains will die AfD näher erforschen lassen. Für die Nutzung von Kryptowährungen, die teils auch auf Blockchaintechnologie basieren, will sie einen Rechtsrahmen schaffen.

Quantencomputing
Vor allem in die Quanten-Kryptografie, also die Verschlüsselungstechnik und Datensicherung, will die AfD mehr investieren.

Klimatechnologie
Zu dem Thema finden sich keine Angaben im AfD-Parteiprogramm.

Digitale Gesundheit
„Unserer Ansicht nach sollte erst dann, wenn die notwendigen flächendeckenden Infrastrukturen, der umfassende Schutz von Patienten und ihren sensiblen Daten sowie die Sicherung von digitalen Kompetenzen von Personal im Gesundheitswesen als wichtige Voraussetzungen geschaffen sind, der konkrete Einsatz von Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz oder Virtual Reality vorangetrieben werden“, teilt die AfD auf Anfrage des Handelsblatts mit.

Künstliche Intelligenz
In ihrem Wahlprogramm sprechen Die Linken vor allem davon, Künstliche Intelligenz gesetzlich zu regulieren, „um gemeinwohlorientierte Anwendung sicherzustellen“. Für Entscheidungen eingesetzte Algorithmen sollten von unabhängigen Stellen auf Diskriminierung geprüft werden. Vor allem solle KI sozialer Spaltung, Monopolisierung in der Wirtschaft durch wenige Technologiekonzerne und Überwachung entgegenwirken.

Blockchain
Zu dem Thema finden sich keine Angaben im Linken-Parteiprogramm.

Quantencomputing
Zu dem Thema finden sich keine Angaben im Linken-Parteiprogramm.

Klimatechnologien
Die Linken wollen vor allem die Produktion von klimaneutralem Stahl und Grundstoff unter anderem mit Einsatz von grünem Wasserstoff fördern.

Digitale Gesundheit
Die Linke unterstützt eine neue Versorgungsform: die Behandlung mit einer Gesundheits-App. Im Rahmen des bereits verabschiedeten Digitale-Versorgung-Gesetzes können Apps durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zertifiziert werden, um von allen gesetzlichen Krankenversicherungen erstattet zu werden. Die Linke fordert, alle vergleichbaren digitalen Therapien durch den Staat zertifizieren zu lassen.

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