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17.09.2021

04:00

Insight Innovation

Sprind-Chef Laguna: „Airbnb, Uber und Lieferando machen das Leben der Menschen nicht besser“

Von: Barbara Gillmann

Der Chef der Agentur für Sprunginnovationen, Rafael Laguna, fordert eine gezieltere Forschungsförderung in Deutschland – und spricht sich für Kernkraft aus.

„Mit Türeci und Sahin von Biontech und Hoerr von Curevac haben wir unsere Elon Musks gefunden.“ Credits: Klawe Rzeczy, Getty Images, Reuters

Rafael Laguna

„Mit Türeci und Sahin von Biontech und Hoerr von Curevac haben wir unsere Elon Musks gefunden.“

Credits: Klawe Rzeczy, Getty Images, Reuters

Berlin Der Chef der Bundesagentur für Sprunginnovationen Sprind, Rafael Laguna, ist eine Schlüsselfigur in der deutschen Innovationsszene. Der frühere Unternehmer unterscheidet im Gespräch mit dem Handelsblatt zwischen „guten“ und „schlechten“ Innovationen. Zu letzteren zählt er neue Dienstleistungen wie die von Airbnb oder Lieferando. Diese Unternehmen würden lediglich anstreben, als Plattformen eine mächtige und lukrative Marktstellung zu erlangen. Gute Innovationen hingegen würden menschliche Grundbedürfnisse befriedigen.

Das System der Innovationsförderung in Deutschland kritisiert der 57-Jährige. Es gebe genug Geld und Ideen, aber an der Umsetzung hapere es. Die langfristige Finanzierung von außeruniversitären Forschungseinrichtungen würde zur „Behäbigkeit einladen“. Die Förderung müsse sich mehr an Unternehmen orientieren, flexibler gestaltet sein und Innovationsergebnisse nicht vorwegnehmen. So nennt er die Festlegung auf Wasserstoff als grünen Energieträger „crazy“. Als Vorbild könne die Innovationsagentur der US-Streitkräfte, Darpa, dienen: „Die setzen nicht auf einzelne Pferde, sondern auf das Rennen“, sagt Laguna.

Für die nächste Bundesregierung wünscht sich der Chefinnovator entweder eine Ampelkoalition (also eine Koalition aus SPD, FDP und den Grünen) oder Jamaika (also eine Koalition aus CDU, FDP und den Grünen). Es brauche „eine Mischung aus erfahrenen und frischen Leuten, damit die Greenhorns von den Erfahrenen lernen können“.

Union und SPD seien schon lange dabei und „sind in der Regel viel mehr der Vergangenheit verhaftet – ähnlich wie die Autobauer dem Benzinmotor zu lange verhaftet waren“, sagt Laguna. Und: „Wer immer nur in dem bestehenden System denkt, verbessert auch nur innerhalb des Systems.“ Schließlich seien „auch die Digitalkameras nicht von Kodak oder Fuji erfunden worden, die haben den Trend verpennt“.

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    Mehr Risiko eingehen

    Außerdem fordert Laguna eine „radikal vereinfachte Zulassung von Medikamenten“. Denn diese koste pro Arznei oft mehr als 500 Millionen Euro. „Überall dort, wo Menschen akut vom Tod bedroht sind, wie bei Krebs oder Alzheimer im Endstadium, braucht es keine jahrelangen Giftigkeitsstudien“, sagt er. „Sobald klar ist, dass Mäuse und Hunde nicht daran sterben, sollte man sie bei Erkrankten mit deren Einwilligung auf ihre Wirksamkeit testen.“ Denn jeder Monat, der bei der Zulassung verloren gehe, töte Menschen.

    Vita

    Der Gründer

    Der gebürtige Leipziger (57) gründete mit 16 sein erstes Start-up „Elephantsoftware“. Es folgten zahlreiche weitere Technologie-Unternehmen, darunter Dicomputer, micado und die Open-Xchange AG, einen heutigen Marktführer im Software-as-a-Service-Umfeld. Die Open-Xchange AG – und SUSE Linux – verschafften dem Unternehmer den Ruf als Open-Source-Pionier und Kämpfer für das offene Internet.

    Der Politiker

    Im Mai 2020 gab er den Posten als CEO der Open-Xchange AG ab, um sich als Gründungsdirektor in Vollzeit der neuen Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) zu widmen. Neben seiner fachlichen Expertise bringe er aber auch sein Wesen als „Menschenfreund und Humanist“ mit „tief verankerten europäischen Werten“ in die Agentur ein. 

    Um die Wohnungsnot zu lindern und das ökologische Bauen zu fördern, müsse der Staat selbst aktiv werden: „Der deutsche Staat kauft jährlich für rund 500 Milliarden Euro ein, das ist ein extremer Hebel. Warum nicht 250.000 Sozialwohnungen in zehn Ballungszentren mit harten Ökostandards zu einem Fixpreis ausschreiben – und auf Wettbewerb setzen?“ Der Bund könnte zehn bis 20 Anbieter bauen lassen, Standards überprüfen, weiter aussieben – „und am Ende hat man die Top-Performer“, die günstige und zugleich nachhaltige Wohnungen bauen könnten.

    Lesen Sie hier das gesamte Interview:

    Herr Laguna, die Botschaft Ihres Buches ist: Wir können mit Innovation die Welt retten und haben in zehn bis 20 Jahren so viel saubere Energie, dass es sich nicht mehr lohnt, sie abzurechnen. Im Ernst? 
    Klar – wenn wir uns von einigen Denkfesseln befreien, ist das so. Wir schwimmen in einem Meer von Energie, auch wenn die Nutzung bisher nicht sehr sauber ist. Solarpanels sind schon sehr günstig – das müssen wir jetzt noch für Speicher und Transport hinkriegen. Das ist alles lösbar. Und mit genug Investitionen machen wir auch die Kernkraft sicher.

    Kernkraft?
    Natürlich. Wasser, Sonne und Wind allein reichen nicht für den gigantischen Energiebedarf und vor allem nicht für die industrielle Grundversorgung. Technisch gesehen ist Kernkraft ziemlich „grüne“ Energie. Anstatt sie sicher zu machen, haben wir die Weiterentwicklung dieser Technologie abgebrochen. Beispielsweise hat der Müll der Schnellen Brüter nur eine Halbwertszeit von 20 bis 200 Jahren, statt der furchtbaren 24.000 – damit kann man umgehen. Statt Uran könnte man Tritium-Reaktoren oder andere, sauberere Technologien für die Kernspaltung nutzen und darüber hinaus die Kernfusion weiterentwickeln, auch wenn das viele Milliarden kostet. Wir schauen bislang sehr angstvoll auf die Nutzung der Kernkraft, die – anders als Öl – bei nüchterner Betrachtung bislang so gut wie keine Menschenleben gekostet hat.

    Sie kritisieren das „Innovationstheater“ ... 
    Wir müssen endlich gute von schlechten Innovationen unterscheiden. Gute erfüllen menschliche Grundbedürfnisse – vom Essen bis zur Selbstverwirklichung – und mindern so Umweltvernichtung und Kriege. Innovationen wie Airbnb, Uber und Lieferando sind in diesem Sinne schlecht, weil sie in Summe das Leben der Menschen nicht besser machen. Die Plattformen dringen über Preisdumping in Märkte ein. Am Ende wird es für fast alle teurer, nur das Plattformmonopol profitiert.

    Das autonome Auto dient unserer Bequemlichkeit – keine gute Innovation?
    Es wäre gut, weil es Menschenleben rettet. Denn Menschen fahren nicht besonders gut Auto und oft noch betrunken dazu. Zudem kann man autonome Autos zum Parken vor die Stadt schicken – und innerstädtische Flächen weit besser gemeinsam nutzen. Auch müssten nicht mehr 95 Prozent der Autos ungenutzt rumstehen, was nicht nur Fläche, sondern auch Rohstoffe spart. Ich bezweifle aber, dass das autonome Auto bald kommt – vielleicht in zehn bis 20 Jahren.

    Wie kriegen wir mehr gute Innovationen?
    Es fehlt weder an Ideen noch an Geld, sondern am richtigen System. Wir müssen uns an Unternehmen orientieren, die ihre Planung ständig anpassen: langfristige Programme in kleine Teile zerlegen, ständig den Fortschritt messen, nachsteuern und Wettbewerb erhalten – also immer mehrere Teams am Problem arbeiten lassen.

    Unsere Mega-Strategien für KI und Wasserstoff sind auf viele Jahre angelegt ...
    Das ist crazy. Wir wissen doch gar nicht, wann der nächste Technologieschwenk kommt, was bei KI das nächste große Ding ist. Roadmaps für viele Jahre lassen uns wichtige Abzweigungen verpassen, während andere abbiegen. Die Darpa, die große Innovationsagentur der USA, sagt: „Wir wetten nicht auf einzelne Pferde, sondern auf das Rennen.“ Dan Wattendorf, der dort schon 2011 in mRNA-Technologie investiert hat, hat zehn Teams gleichzeitig Geld gegeben: Bei dreien – Biontech, Curevac und Moderna – hat es geklappt. Das Prinzip müssen wir von der Sprind auf Forschungsorganisationen und Unis ausweiten.

    Der Liberale Thomas Sattelberger nennt unsere großen Forschungsorganisationen „fette Katzen“ ...
    Die gesamte Forschungsfinanzierung ist im Vergleich zu Unternehmen wenig agil. Da werden Projekte aufwendig beantragt und dann für drei bis fünf Jahre genehmigt, während dieser Laufzeit wird aber nicht mehr nachgesteuert. Das ist anreiztechnisch zumindest unglücklich. Zudem kriegen die außeruniversitären Forschungseinrichtungen bis 2030 jährlich drei Prozent mehr Budget – egal, was sie tun. Das lädt zu Behäbigkeit ein. Natürlich muss man Grundlagenforschung langfristig finanzieren. Wir sollten aber kurz- und mittelfristige Ziele vorgeben – und jeden auskömmlich bezahlen, der sich dem Ziel nähert.

    Und wie messen wir den Forschungs-Output?
    Aktuell messen wir das anhand von Publikationen und Zitierungen. Künftig müssen Ausgründungen, Patente, Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, Börsenwert etc. zumindest ebenso wichtig sein. In den USA und China ist das schon Standard. Nicht wenige unserer Forscher empfinden sich als Gefangene des bestehenden Systems, weil sie den Sinn ihrer Forschung eigentlich in der praktischen Anwendung sehen, wir aber einen künstlichen Widerspruch zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung konstruiert haben.

    Beflügelt die Pandemie die Innovation?
    Mit Türeci und Sahin von Biontech und Hoerr von Curevac haben wir unsere Elon Musks gefunden – Biontech hat ökonomisch mal eben Bayer Leverkusen links überholt. Was für eine Wahnsinnsstory! Was Besseres konnte uns Innovationsförderern nicht passieren. Der Impact ist gigantisch – trotz des kleinen Hakens, dass deren Börsengang nicht in Deutschland, sondern an der US-Techbörse Nasdaq war. Ansonsten hat die Pandemie auch technikfernen Menschen die Abhängigkeit von der Digitalisierung klargemacht. Heute wollen drei Viertel der Bürger digitale Methoden an Schulen – vor Corona undenkbar.

    Brauchen wir eine europäische Nasdaq?
    Am Ende ja. Vorher müssen wir aber den Finanzierungskreislauf für Innovationen reparieren, der vor 20 Jahren mit dem Neuen Markt kaputtgegangen ist. Wir haben jetzt Sprind und ein gutes Ökosystem für die erste Finanzierungsphase. Aber danach, wenn Start-ups 50, 100 oder auch mal 300 Millionen Euro brauchen, gibt es nichts. Da steigen dann Asiaten oder Amerikaner ein.

    Der Bund hat dafür doch den zehn Milliarden Euro schweren Zukunftsfonds gegründet ...
    Das ist super. Aber auch das fließt bisher nicht in die Spätphasenfinanzierung. Nötig ist entweder ein Staatsfonds à la Norwegen oder ein staatlich angestoßener Privatfonds, der langfristig in disruptive Deep-Tech-Lösungen investiert. Dazu bräuchte er mittelfristig 100 Milliarden Euro. Nur dann kann er auch mal eine halbe Milliarde in eine Firma stecken oder 15 Jahre auf so was wie Biontech warten. Die nächste Regierung muss da klotzen. 

    Als Geldquelle werden immer wieder private Rentenversicherer genannt ...
    Da liegen in der Tat ungenutzte Billionen. Die USA haben vor Jahrzehnten mit einem sogenannten „Wasserfallmodell“, das durch staatliche Absicherung Privatkapital anzieht, das Tech-Biotop in Israel im Aufbau unterstützt – heute eine der führenden Tech-Nationen der Welt.

    Als Zaubermittel, um Innovationen zu fördern, gilt auch die öffentliche Beschaffung ...
    Der deutsche Staat kauft jährlich für rund 500 Milliarden Euro ein, das ist ein extremer Hebel. Warum nicht 250.000 Sozialwohnungen in zehn Ballungszentren mit harten Ökostandards zu einem Fixpreis ausschreiben – und auf Wettbewerb setzen? Zehn bis zwanzig Anbieter bauen lassen, Standards überprüfen, weiter aussieben – am Ende hat man die Top-Performer. Das kann man auch auf Cybersicherheit anwenden. Vielleicht erfindet dann endlich jemand eine ganz neue Chip-Architektur. Alle heutigen Chips basieren auf der 75 Jahre alten Von-Neumann-Architektur. Doch damit wird die IT nie sicher, weil sie „genetisch versaut" ist. 

    Seit Corona wird diskutiert, ob man Pharma-Patente knacken soll, um Innovation zu beflügeln ...
    Schlechte Idee. Dann gäbe es für Entwicklungen wie mRNA-Impfstoffe noch weniger Geld. Stattdessen müssen wir die Zulassung von Medikamenten radikal vereinfachen, denn die kostet schnell 500 Millionen oder mehr. Überall dort, wo Menschen akut vom Tod bedroht sind wie bei Krebs oder Alzheimer im Endstadium, braucht es keine jahrelangen Giftigkeitsstudien. Sobald klar ist, dass Mäuse und Hunde nicht daran sterben, sollte man sie sofort bei Erkrankten mit deren Einwilligung auf ihre Wirksamkeit testen. Jeder Monat, den wir verlieren, tötet Menschen.

    Patente sind also kein Problem?
    Doch, wenn sie für Industriepolitik missbraucht werden. In den USA gibt es massenhaft Trivialpatente für Software, die für neue Anbieter wie ein Minenfeld wirken. Europa hat das bisher abgewehrt und muss unbedingt standhaft bleiben. Auch dürfen keine Naturentdeckungen mehr patentiert werden wie die Funktionsweise eines Enzyms. Das muss frei bleiben, damit jeder es nutzen kann.

    All das klingt, als ob Ihnen eine grün-gelbe Bundesregierung am liebsten wäre. 
    Na ja, die, die schon lange dabei sind, sind in der Regel viel mehr der Vergangenheit verhaftet – ähnlich wie die Autobauer zu lange dem Benzinmotor verhaftet waren. Wer immer nur im System denkt, verbessert auch nur innerhalb des Systems. Auch die Digitalkameras sind nicht von Kodak oder Fuji erfunden worden, die haben den Trend verpennt. Andererseits haben neue Köpfe weniger oder keine Erfahrung. Ich war auch ein Bundesverwaltungs-Greenhorn, als ich vor zwei Jahren bei Sprind anfing – und habe mir einige unnötige Beulen geholt. So gesehen wäre eine Mischung aus erfahrenen und frischen Leuten – wie bei einer Ampelkoalition oder Jamaika – vielleicht ganz gut, damit die Greenhorns von den Erfahrenen lernen können. Denn wir haben keine Zeit zu verlieren.
    Herr Laguna, vielen Dank für das Interview.

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