Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

13.05.2022

18:56

Kurznachrichtendienst

Elon Musk legt Twitter-Übernahme vorläufig auf Eis – Twitter-Aktie bricht ein

Von: Felix Holtermann, Thomas Jahn

Tesla-Chef Elon Musk verlangt von Twitter Details zum Umfang von Spam- und Fake-Accounts. Sonst könnte der Deal platzen. Die Aktie reagiert deutlich.

Eine Nachricht des Tesla-Chefs schickt die Aktie von Twitter auf Talfahrt Reuters

Elon Musk auf Twitter

Eine Nachricht des Tesla-Chefs schickt die Aktie von Twitter auf Talfahrt

New York, Düsseldorf Die 44 Milliarden Dollar schwere Übernahme von Twitter durch Elon Musk liegt auf Eis. Das teilte der Tesla-Chef am Freitag auf der Kurznachrichtenplattform Twitter mit. Musk begründete das mit ausstehenden Informationen zur Zahl der Spam- und Falschkonten bei dem Kurznachrichtendienst aus den USA. Es müsse erst nachgewiesen werden, dass diese weniger als fünf Prozent der Nutzer ausmachten. Das Unternehmen selbst war bisher nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Nur wenige Stunden nach seinem Tweet ruderte Musk schon wieder zurück: „Stehe immer noch hinter der Übernahme“, schrieb er als Antwort auf seinen Ausgangstweet. Die Reaktion der Märkte war zu diesem Zeitpunkt bereits turbulent. Die Twitter-Aktie verlor rund zehn Prozent.

„Elon Musk verwandelt den Deal in eine Zirkusshow“, echauffierte sich Dan Ives, Analyst von Wedbush Securities. Er kritisierte vor allem, dass Musk „so viel Unsicherheit mit einem Tweet“ verursache. Der korrekte Weg wäre eine Pflichtmitteilung an die Börsenaufsicht gewesen.

Es passt zu Musk, dass er sich als erstes auf Twitter äußert. Der Unternehmer war schon in der Vergangenheit des Öfteren sehr locker mit der Veröffentlichung wichtiger Geschäftsdetails umgegangen. Das hat ihm bereits Ärger mit den US-Aufsichtsbehörden SEC und FTC eingebracht.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Was steckt hinter der Ankündigung?

    An der Wall Street wurde lebhaft diskutiert, was hinter Musks überraschender Ankündigung steckt – und welches strategische Ziel er verfolgt. Denn die Existenz gefälschter Konten bei Twitter ist keine Neuigkeit. Und auch deren Anzahl nicht. Laut Twitter sind weniger als elf Millionen der insgesamt 229 Millionen Nutzern zweifelhaft. Die Zahl veröffentlichte das Unternehmen vor knapp zwei Wochen in einer Börsenpflichtmitteilung. Musk will allerdings vor der groß angekündigten Übernahme nun womöglich Beweise, dass diese Zahlen stimmen. Bereits mit seinem Übernahmeangebot hatte Musk das Ziel ausgegeben, mutmaßliche Spam-Konten von der Plattform zu verbannen.

    Möglich, dass Musk sich die Sache seitdem genauer angeschaut hat. Und es sich nun rächt, dass er den Deal schnell durchziehen wollte und auf eine übliche Bilanzprüfung verzichtet hat. Womöglich hat Musk auch Hinweise erhalten, dass die Zahl der Spam- und Falschkonten höher sein könnte. Zuletzt hatte Twitter einräumen müssen, wegen eines Fehlers seit 2019 leicht überhöhte Nutzerzahlen gemeldet zu haben. Die Abweichung soll sich aber auf maximal zwei Millionen Konten beschränkt haben.

    Möglich ist aber auch, dass Musk die Sorge um Fake-Konten nur vorschiebt, um einen Ausstieg aus dem Deal vorzubereiten. So spekulierten Marktteilnehmer, dass der Unternehmer den Übernahmepreis drücken wolle. „44 Milliarden Dollar sind sehr viel Geld“, sagte Susannah Streeter, Analystin von Hargreaves Lansdown, „es kann eine Strategie sein, die Summe zu senken.“

    Auch Mark Spiegel, einer der bekanntesten Tesla-Kritiker, glaubt nicht, dass Musk – wenn überhaupt – aufgrund der Fake-Konten vom Deal zurücktritt. „Musk wusste bereits, dass Twitter ein ,Bot-Problem' hat - er hat selbst mehrfach darüber getwittert“, sagte Spiegel dem Handelsblatt.

    Er glaubt, dass Musk schlicht „Schwierigkeiten hatte, das Geld aufzubringen, weil die Übernahme wirtschaftlich keinen Sinn ergibt“. Hätte er durch den Verkauf von Tesla-Aktien selbst mehr Geld zur Verfügung gestellt, hätte dies den Kurs des eigenen Unternehmens gedrückt, so Spiegel. „Daher könnte er die Sache hinauszögern, während er nach weiteren Geldgebern sucht, die ihm beim Kauf helfen.“

    Schwierige Finanzierung

    Musk hatte sich mit dem Twitter-Verwaltungsrat auf einen komplexen Deal verständigt. Seit Jahresbeginn hatte er bereits neun Prozent der Twitter-Anteile an der Börse erworben. Nun ist er darauf angewiesen, dass ihm genug Aktionäre ihre Anteile abtreten. Twitter und Musk wollten die Übernahme eigentlich bis zum Jahresende abschließen.

    Handelsblatt Live

    Wall-Street-Experte Koch: „Will Elon Musk beim Twitter-Deal neu verhandeln?“

    Handelsblatt Live: Wall-Street-Experte Koch: „Will Elon Musk beim Twitter-Deal neu verhandeln?“

    Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

    Um die Gunst der Aktionäre zu gewinnen, hatte Musk ihnen 54,20 Dollar geboten, deutlich mehr als der aktuelle Kurs. Die Gesamtsumme von 44 Milliarden Dollar stellt dabei selbst für den reichsten Mensch der Welt eine Herausforderung dar: Das von Musk vorgeschlagene Barangebot zum Kauf von Twitter macht etwa ein Sechstel seines mehr als 250 Milliarden Dollar umfassenden Vermögens aus. Der Großteil davon ist in Tesla-Aktien gebunden, deren Wert in den vergangenen zwei Jahren stark gestiegen ist.

    Um den Kauf des nur schwach wachsenden sozialen Netzwerks zu finanzieren, setzte Musk auf drei Wege der Geldbeschaffung. Alle kommen mit einem Nachteil einher:

    1. Musk griff auf Kreditlinien zurück - was teuer ist. Musk wollte ursprünglich in Höhe von rund zwölf Milliarden Dollar Kredite aufnehmen, die mit seinen Tesla-Aktie besichert wären. Hierfür hätte er Anteile im Wert von 62,5 Milliarden Dollar hinterlegen müssen, ein Drittel seines Bestands. Der Deal enthält ein Risiko für Tesla: Fällt der Aktienkurs um 40 Prozent, können die Banker die Aktien verkaufen, bis sie ihr Geld haben. Schon nach dem jüngsten Kursverfall von rund 1000 auf 728 Dollar hätte Musk weitere Aktien hinterlegen müssen.
    2. Musk verkaufte Tesla-Aktien - was den Kurs drückte. Ende April trennte sich Musk von rund 9,6 Millionen Anteilsscheinen und nahm damit ungefähr 8,4 Milliarden Dollar ein. Danach seien vorerst keine weiteren Verkäufe geplant, erklärte Musk. Dennoch ging es für den Kurs des Autobauers an der Börse weiter abwärts.
    3. Musk suchte nach weiteren Investoren - was sich problematischer gestaltete als gedacht. Erst am Donnerstag berichtete der Finanzdienst Bloomberg, Musk suche nach anderen Finanzierungswegen. So war der Vermögensverwalter Apollo im Gespräch, mithilfe von Morgan Stanley eine externe Finanzierungsrunde anzuführen, etwa inklusive Sixth Street Partners. Die Runde könnte demnach eine Milliarde Dollar umfassen. Die Summe klinge hoch, stellt aber nur einen Bruchteil des Kaufpreises dar.

    Deal mit Ausstiegsklausel

    Laut Erik Dörnenburg, Technikchef beim US-Beratungshaus Thoughtworks, könnte der jüngste Kursverfall am Kryptomarkt eine Rolle beim Aussetzten des Verkaufsprozesses spielen: „Musk ist ein überzeugter Anhänger von Bitcoin und Co. Durch den Kursrutsch dürfte er viel Geld verloren haben, was seine Kriegskasse für die Übernahme schmälert.“

    Auch der Druck von Tesla-Investoren könnte eine Rolle gespielt haben. „Dieser Mann hat so viele kontroverse Dinge gesagt“, zitiert die Zeitung New York Times Kristin Hull, Gründerin des Investmentfonds Nia Impact Capital, der zuletzt den größten Teil seiner Tesla-Aktien verkauft hat. „Hat er den Aktienwert durch seine Tweets beeinflusst? Auf jeden Fall.“ Würde Musk Eigentümer von Twitter und öffne er die Plattform noch weiter für extreme Kommentatoren, würde dieses Problem „nur noch größer“, so Hull.

    Die ersten Aktionäre gehen bereits rechtlich gegen Musk vor. So wirft ihm eine Klage der Bostoner Kanzlei Block & Leviton vor, die behördliche Frist für die Meldung seiner Twitter-Beteiligung um sechs Tage versäumt zu haben, um dadurch Dutzende von Millionen Dollar zu sparen. Musk habe durch den geheimen Einstieg Twitter-Aktien billiger kaufen können, heißt es darin.

    Tatsächlich könnte Musk zu vergleichsweise geringen Kosten vom Kaufvertrag zurücktreten. Twitter und Musk haben eine Strafe von jeweils einer Milliarde Dollar für den Fall vereinbart, dass eine der Seiten den Deal aufkündigen sollte.

    Womöglich käme Musk sogar kostenfrei aus dem Übernahmevertrag heraus. Gibt es deutlich mehr Spam-Konten als fünf Prozent, könnte Musk auf die eine „Adverse Effect“ genannte Klausel verweisen, die es ihm ermöglicht, ohne Strafzahlung auszusteigen. Experten sind sich aber nicht sicher, ob die Anzahl falscher Konten eine ausreichende „nachteilige Auswirkung“ für den Käufer darstellt. Womöglich schlösse sich ein längerer Rechtsstreit an, so eine Sicht an der Wall Street.

    Tesla-Aktie deutlich im Plus

    Nicht nur bei Twitter sorgte die Nachricht für Börsenbewegung: Bei Tesla setzte eine Erleichterungsrally ein. Die Papiere stieg im laufenden Handel um fast 5,5 Prozent und steuern auf den größten Tagesgewinn seit fast zwei Monaten zu. Börsianer hoffen, dass die Gefahr, dass Musk einen erheblichen Teil seiner Tesla-Anteile zur Finanzierung der Twitter-Übernahme verkaufen müsste, mit der Meldung von heute erledigt ist.

    Sei Tagen war die Skepsis unter Händlern gewachsen, dass Musk den Kauf durchzieht. Twitter-Chef Parag Agrawal, den Musk auf dem Kieker hat, hatte am Donnerstag einen sofortigen Einstellungsstopp, Kostensenkungsmaßnahmen und das Ausscheiden zweier Top-Manager angekündigt. Twitter steht wegen seines langsamen Wachstums im Vergleich zu Konkurrenten wie Meta und TikTok in der Kritik. Einige Beobachter werteten Agrawals Schritt daher als Signal, das Heft des Handelns noch nicht aus der Hand gegeben zu haben.

    Möglich bleibt sogar, dass der jüngste Tweet nur ein weiterer Scherz des reichsten Menschen der Welt ist. Denn Musk neigt zu Zahlenspielen. Der Übernahmepreis von 54,20 Dollar je Aktie etwa trägt den Zahlencode „420“ – eine Referenz auf Marihuana – in sich. Der Tweet kam um 3 Uhr nachts kalifornischer Zeit – zu Tagesbeginn eines Freitags, den 13. „Ich denke, er versucht nur, im Rampenlicht zu bleiben und Aufmerksamkeit zu erlangen“, schrieb Alyssa Altman vom Beratungshaus Publicis Sapient. Sie vermutet einen „typischen Schachzug des stets publicity-hungrigen Musk“.

    Dagegen spricht, dass Musk es sich mit einem solchen Scherz endgültigen mit den zuständigen Aufsehern verderben dürfte. Den US-Beamten ist Musks erratisches Handeln seit langem ein Dorn im Auge. Erst am Mittwoch hatte das „Wall Street Journal“ berichtet, dass nun auch die US-Aufsicht SEC Musks Einstieg bei Twitter untersucht. Zuvor hatten sich hier bereits die Aufseher der STC eingeschaltet.

    Musk hatte seine Twitter-Beteiligung zu Jahresbeginn zunächst im geheimen aufgebaut, verspätet gemeldet und als „passives Investment“ deklariert. Am 14. April kündigte er dann an, Twitter übernehmen zu wollen – natürlich per Tweet.

    Mit Agenturmaterial

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×