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06.07.2022

11:32

Lieferengpässe

Die Schattenseite der Subventionen: Chipindustrie fürchtet Planwirtschaft

Von: Joachim Hofer

Im Gegenzug für Milliardenhilfen plant die Europäische Union massive Eingriffe in das Geschäft der Hersteller. Experten halten die Maßnahmen für Unfug.

In einer Krise will die EU künftig vorschreiben, was in europäischen Chipfabriken hergestellt wird. dpa

Chipproduktion

In einer Krise will die EU künftig vorschreiben, was in europäischen Chipfabriken hergestellt wird.

München. Staatshilfe ja, aber nicht zu diesen Bedingungen: Die geplanten Milliardensubventionen der Europäischen Union (EU) sind in der Chipindustrie willkommen. Die damit einhergehenden Eingriffe ins Geschäft hingegen stoßen auf Ablehnung. Hinter vorgehaltener Hand warnen Firmenvertreter vor „Planwirtschaft“.

Subventionen gibt es für Investitionen in neue, hoch moderne Fabriken oder auch in fortschrittliche Produktionsverfahren. Bekanntester Investor ist Intel. Die Amerikaner sollen fast sieben Milliarden Euro für zwei Fabriken in Magdeburg bekommen. Um den Verpflichtungen nachzukommen, wird Intel nicht nur auf eigene Rechnung produzieren, sondern auch als Auftragsfertiger für Wettbewerber tätig sein.

Gleichzeitig will die Kommission die Lieferkette überwachen. Damit sollen Störungen künftig frühzeitig erkannt und ein Chipmangel wie in den vergangenen zwei Jahren verhindert werden. Brüssel will zudem eingreifen, wenn die Chips auszugehen drohen. Die EU könnte Chipfirmen künftig anweisen, welche Bauelemente sie in welchen Mengen und in welchem Zeitraum zu produzieren haben – und zu welchem Preis.

Für Experte Kleinhans ist das Unfug. „Der Fokus liegt darauf, kurzfristige Lieferengpässe zu beseitigen. Das aber ist unmöglich. Denn die Fertigung dauert viel zu lange.“ Es braucht in der Regel zwischen vier und sechs Monate, um einen Halbleiter herzustellen.

EU will ein Röntgenbild der Chipindustrie

Die Pläne sind Teil des Chips Acts, den Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Anfang des Jahres vorgestellt hat. Über das Gesetz berät derzeit das EU-Parlament. Ziel ist es, den Anteil Europas an der weltweiten Chip-Produktion von unter 10 auf 20 Prozent zu verdoppeln – und zwar bis Ende des Jahrzehnts. Gleichzeitig soll Europa mehr Chips entwickeln und die Versorgung der einheimischen Industrie gesichert werden.

Die EU plant, umfangreich Daten zu sammeln. Dazu gehört, ob Rohmaterialien, Chipmaschinen und Arbeitskräfte in der Halbleiterbranche ausreichend verfügbar sind. Die Bürokraten wollen den Bedarf der Abnehmer aufgeschlüsselt nach Chiptypen bestimmen. Starke Preisausschläge will die Gemeinschaft erfassen sowie die Auswirkungen von Naturkatastrophen, von Zöllen oder Übernahmen abschätzen.

Die einzelnen Staaten sollen die Informationen zusammentragen und an ein neu geschaffenes European Semiconductor Board weiterleiten. Es untersteht der Kommission.

Dahinter stecke die Annahme, Nachfrageschwankungen und bevorstehende Knappheiten besser als die Industrie vorhersagen zu können, glaubt Kleinhans. Es sei aber kaum zu erwarten, dass die Chiphersteller sensible Daten herausgeben. Sie hätten keine Garantie, dass diese nicht in die Hände der Konkurrenz fallen.

Die EU sieht das anders. „Wir fragen nicht nach vertraulichen Daten“, so Thomas Skordas, stellvertretender Direktor der Generaldirektion Connect. Deren Chef, Kommissar Thierry Breton, hat den Chips Act vorangetrieben. Skordas: „Vielmehr wollen wir wissen, wenn es Probleme gibt.“ Der Elektroingenieur warnt: Sollte die Chipförderung der EU scheitern, werde der Anteil an der globalen Produktion bis 2030 „auf vier bis fünf Prozent sinken – im besten Fall“.

Industrie lehnt Exportkontrollen ab

Es sei unrealistisch, dass die EU die Nachfrage verlässlicher voraussage als die Firmen oder Marktforscher, glaubt dagegen Kleinhans. Das ist noch nicht alles. Es gibt viele tausend verschiedene Chiptypen. Ein Bauteil, der für eine Branche entwickelt wurde, könne eine andere nicht so einfach verwenden, heißt es in einer Stellungnahme des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) zum Chips Act.

„Darüber hinaus sind Chipfabriken nur in der Lage, eine bestimmte Reihe von Knotengrößen und Transistortechnologien herzustellen.“ Daher sei es schwierig, eine Fabrik von einer Art Halbleiter auf eine andere zwangsweise umzustellen. Es sei zudem inakzeptabel, Geldbußen gegen Unternehmen zu verhängen, die unvollständige oder keine Antworten auf das Auskunftsersuchen der Kommission geben.

Auf die von der EU vorgesehenen Exportkontrollen sei ebenfalls zu verzichten, so der BDI. Der europäischen Chipbranche und deren Kunden sei mehr gedient, wenn die Politik für offene Märkte sorge – und damit für besseren Zugang zu kritischen Materialien aus Übersee. Außerdem sei es erstrebenswert, wenn Politik und Industrie in Europa gemeinsam eine möglichst lückenlose Lieferkette anstreben.

Chipexperte Peter Fintl von der Beratungsgesellschaft Capgemini dagegen hält die Pläne der EU für nachvollziehbar. „Die EU bereitet sich darauf vor, falls es einmal hart auf hart kommt. Im Notfall ist so Handlungsfähigkeit sichergestellt.“

Konzerne, die keine Subventionen annehmen, müssen sich wenig Sorgen machen, dass ihnen jemand reinredet. Zwangsverpflichtet würden im Krisenfall laut EU vor allem jene Hersteller, die von Staatshilfe profitieren.

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