Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

31.10.2022

15:09

Logistik-IT

Ebay für Logistiker: Deutsche Plattform Transporeon steht zum Verkauf

Von: Arno Schütze, Christoph Schlautmann

Bei den Frachtbörsen bahnt sich eine Konsolidierungswelle an. Transporeon könnte bei einem Deal mit bis zu 1,7 Milliarden Euro bewertet werden.

Europaweit vernetzt Transporeon mit mehr als 600 Mitarbeitern Industrie- und Handelsfirmen mit Lkw-Speditionen. imago images/Arnulf Hettrich

Containerverladung im Hafen von Mannheim

Europaweit vernetzt Transporeon mit mehr als 600 Mitarbeitern Industrie- und Handelsfirmen mit Lkw-Speditionen.

Frankfurt, Düsseldorf Nach dem Vorbild von Ebay betreibt die deutsche Logistik-IT-Firma Transporeon einen cloudbasierten Onlinemarktplatz. Statt Hausrat werden dort allerdings Transportleistungen gehandelt.

Drei Jahre nach dem Einstieg hat nun hat der Eigentümer Hg – früher als Hg Capital bekannt – einen Verkaufsprozess gestartet, wie mit der Transaktion vertraute Personen sagten. Dabei könne die Firma mit 1,3 bis 1,7 Milliarden Euro bewertet werden. Hg lehnte eine Stellungnahme ab.

Der Deal könnte Experten zufolge eine der ersten größeren Transaktionen in einer sich anbahnenden Konsolidierungswelle unter den Frachtbörsen werden. Neben Transporeon zählen in Deutschland etwa die Rocket-Internet-Beteiligung Instafreight, die von den Heilemann-Brüdern geführte Forto, das Berliner Start-up Sennder oder die familiengeführte Erkrather Frachtbörse Timocom zu den Marktführern – allerdings zum Teil mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen.

350 Logistik-Start-ups bieten inzwischen nach Daten von Fraunhofer SCS im deutschsprachigen Raum ihre Leistungen an. Nur wenige der Anbieter schreiben bis heute schwarze Zahlen.

Angesichts des Einbruchs der Bewertungen von Technologieunternehmen tun sich die Jungfirmen mittlerweile deutlich schwerer als vor einem Jahr, wenn es darum geht, für ihre Expansion neues Risikokapital aufzutreiben. In anderen Sektoren zeigen erste Beispiele, dass Unternehmen kein frisches Investorengeld mehr bekommen, sondern aufgekauft werden. So ist der Lebensmittel-Schnelllieferdienst Gorillas derzeit in Verhandlungen, vom Rivalen Getir übernommen zu werden.

Frachtbörsen haben zwar kein volatiles Endkundengeschäft, sondern ein als stabil geltendes Geschäft mit anderen Firmen. Allerdings erwarten Experten, dass sich langfristig einige wenige große Plattformen durchsetzen werden und die kleineren Anbieter von den großen aufgekauft werden.

Logistiker, Softwarefirmen und Investoren interessiert

Transporeon ist anders als Gorillas kein Krisenfall, sondern eine Firma, die einen steigenden Betriebsgewinn vorweisen kann. Finanzkreisen zufolge rechnet das Unternehmen für nächstes Jahr mit einem Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von rund 70 Millionen Euro, nach 60 Millionen in diesem Jahr. Potenzielle Käufer erwarten, dass sie wohl das 20- bis 30-Fache des operativen Gewinns zahlen müssen, um den Zuschlag zu erhalten.

Informationspakete zu Transporeon gingen vor wenigen Tagen an Interessenten, die sich im Sommer in einer ersten Qualifizierungsrunde durchgesetzt hatten. Im November seien erste Gebote fällig, Goldman Sachs fungiere als Verkaufsberater, hieß es.

Dass Hg sich im derzeitigen Umfeld, wo es für Finanzinvestoren schwierig ist, Fremdkapital für Übernahmefinanzierungen zu finden, für den Start einer Auktion entscheidet, zeigt, wie sehr der Investor von der Attraktivität von Transporeon überzeugt ist. Im Vergleich zu Finanzinvestoren tun sich Unternehmen mit guter Bonität leichter, Kredite für Zukäufe zu erhalten.

Transporeon gilt nicht nur für weitere Finanzinvestoren als interessant, etwa für EQT, Astorg, KKR, Cinven, Advent oder Francisco Partners. Auch Logistiker wie Kühne+Nagel, Industriefirmen wie Honeywell oder Softwareentwickler wie Hexagon oder Wisetech zählen zum möglichen Käuferkreis.

Hg hatte Transporeon 2019 von der Texas Pacific Group (TPG) gekauft und hält seither mehr als 80 Prozent der Anteile. Zum Verkauf steht nicht allein die Onlineplattform, sondern die komplette TP Group.

Zu dem von Stephan Sieber und Peter Maluck geführten Unternehmen gehören Auslandsgesellschaften unter anderem in Russland, Polen, Singapur und den USA, ebenso die Logistikberatung TIM Consult, die Ausschreibungsplattform Ticontract und die vor zwei Jahren für rund 36 Millionen Euro erworbene, auf Frachtrechnungsprüfung spezialisierte Firma Control-Pay.

Weniger Leerfahrten, weniger CO2

Die TP Group erzielte laut dem zuletzt für 2020 vorgelegten Geschäftsbericht bei 98,3 Millionen Euro Jahresumsatz ein Ebitda von 37,6 Millionen Euro. Unterm Strich aber schrieb der Konzern – wie schon 2019 – rote Zahlen. Insbesondere die regulären Abschreibungen, die rund zehn Prozent der Bilanzsumme entsprachen, drückten die Transporeon-Mutter mit 61,2 Millionen Euro in die Verlustzone.

Europaweit vernetzt das Ulmer Unternehmen mit mehr als 600 Mitarbeitern Industrie- und Handelsfirmen mit Lkw-Speditionen, auf Wunsch werden Transporte über den „Transporeon Control Tower“ nachverfolgt. Insgesamt sind global 1000 Verlader mit fast 90.000 Spediteuren angeschlossen. Nach Firmenangaben kann die Plattform helfen, CO2-Emissionen um bis zu zehn Prozent zu senken, indem leere Lastwagenfahrten reduziert werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×