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22.09.2022

04:11

Nicole Engenhardt-Gillé

Signal an weibliche Talente: Freenet bekommt erste Vorständin – aus den eigenen Reihen

Von: Claudia Obmann

Der Telekommunikationskonzern zählte bisher zu den „säumigen Sieben“. Die künftige Personalvorständin Nicole Engenhardt-Gillé will nun auch inhaltlich neue Akzente setzen.

Die Managerin ist seit 22 Jahren für Freenet in verschiedenen Führungsrollen tätig. Freenet

Nicole Engenhardt-Gillé

Die Managerin ist seit 22 Jahren für Freenet in verschiedenen Führungsrollen tätig.

Düsseldorf Führungskräfte, die sich eine Stelle teilen, hält Nicole Engenhardt-Gillé für „zukunftsweisend“. Das Urteil des Bundesarbeitsgerichts, dem zufolge Chefs die Arbeitszeit erfassen müssen, dagegen „eher für rückschrittlich“. Zum 1. Januar wird die 54-Jährige mit der dezidierten Meinung zu aktuellen Personalthemen erstes weibliches Vorstandsmitglied beim Telekommunikationskonzern Freenet.

Wie das Handelsblatt vorab erfahren hat, rückt die bisherige Personalchefin in den bislang rein männlich besetzten Vorstand auf. Die Managerin wird im dann sechsköpfigen Führungsteam um CEO Christoph Vilanek für die rund 3800 Mitarbeitenden des MDax-Konzerns sowie für ESG-Themen zuständig sein.

Der Telekommunikationsanbieter ohne eigenes Netz ist damit der Erste der „säumigen Sieben“ aus Dax und MDax, der auf den Druck des Gesetzgebers reagiert hat. Seit August 2021 gilt für Unternehmen, die an der Börse gehandelt werden und paritätisch mitbestimmt sind, eine Frauenquote im Vorstand. Ab vier Mitgliedern muss eine Frau dazugehören.

Im August 2022 ist die einjährige Schonfrist für börsennotierte Unternehmen mit mehr als 2000 Beschäftigten abgelaufen. Jede weitere Bestellung eines Mannes für den obersten Führungszirkel ist nun ungültig, solange eine Frau fehlt.

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    Die Ernennung von Engenhardt-Gillé ist aber auch ein wichtiges Signal an die Freenet-Belegschaft, die zu etwa einem Drittel aus Frauen besteht, und an externe weibliche Talente. Aufsichtsratschef Marc Tüngler, selbst erst seit Mai 2022 im Amt, hat die Suche nach einer geeigneten Kandidatin forciert und eine interne Besetzung favorisiert.

    Engenhardt-Gillé ist seit 22 Jahren für Freenet in verschiedenen Führungsrollen tätig. „Eine Entwicklung bis an die Spitze ist bei uns möglich“, sagt Tüngler.

    Die Juristin hat von Recht bis Beteiligungsmanagement verschiedene Bereiche der Gruppe verantwortet, ihr Aufstieg in die Leitungsebene scheint folgerichtig. Die Zusatzaufgabe ESG rechtfertige eine sechste Vorstandsposition, ist sie überzeugt. Als sie beschreibt, wie es war, als man ihr diese Stelle antrug, legt sie die Hand auf ihr Herz und sagt: „Ich war kurz aufgeregt, brauchte aber keine Bedenkzeit, um diese Chance anzunehmen.“

    Andere Konzerne hinken dagegen noch immer mit der Besetzung ihres ersten weiblichen Vorstandsmitglieds hinterher, etwa der Triebwerksbauer MTU und der Pharma- und Laborzulieferer Sartorius. Der Gabelstaplerproduzent Kion, der Spezialchemiekonzern Lanxess und der Rückversicherer Munich Re hatten zwar jeweils schon einmal eine Frau in ihrem Topmanagement, derzeit lassen deren weibliche Nachfolgerinnen aber auf sich warten.

    Der größte deutsche Außenwerbungsvermarkter Ströer, bei dem Freenet-Vorstandschef Vilanek Aufsichtsratsvorsitzender ist, reduzierte das Vorstandsgremium, das zwischenzeitlich auf vier Mitglieder angewachsen war, wieder auf drei und umging somit die Frauenquote.

    Neue Freenet-Vorständin setzt auf frische Ideen

    Bei Freenet dagegen setzen Aufsichtsrat und Vorstand auf Vielfalt. Außerdem soll spätestens 2030 klimaneutral gewirtschaftet werden. Vieles, ob Dienstwagenflotte oder Strombedarf in den Bürogebäuden, hat mit Engenhardt-Gillés Bereich, dem Personalwesen, zu tun.

    So hat sie bei der Modernisierung der Büdelsdorfer Zentrale, wo vorwiegend Kollegen aus der IT arbeiten, nur noch für sieben oder acht von zehn Mitarbeitern flexibel belegbare Arbeitsplätze eingerichtet, je nach Anforderung der Abteilung.

    Auch neue Ideen will die Managerin, die sich stark als Mentorin für junge Menschen innerhalb und außerhalb der Gruppe engagiert, ausprobieren, um gegen den Fachkräftemangel anzukämpfen und dem Wunsch der Belegschaft nach mehr Arbeitszeitflexibilität nachzukommen. Neben der Verwirklichung der Jobsharing-Idee kann sie sich auch vorstellen, dass in den rund 500 Freenet-Shops samstags nur noch Reparaturen angenommen, aber keine Handy- oder TV-Verträge mehr verkauft werden.

    Die neue Vorständin arbeitet selbst ein bis zwei Tage pro Woche fern der Firmenzentrale. Mittwochs zum Beispiel ist sie dort nie anzutreffen. Dann nutzt sie die Gelegenheit zum mobilen Arbeiten und erledigt vertrauliche Gespräche, „bei denen meine Bürotür ohnehin geschlossen bliebe“, sagt sie.

    Ohne aufwendige Pendelei bleibt auch der Managerin mehr Zeit für die Lektüre ihrer Fantasy-Bücher, für Yoga- oder Kardio-Übungen – und für ihre Hühnerschar, die sie und ihr Mann seit diesem Jahr im Garten halten.

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