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03.05.2022

15:10

Noyes

45 Sekunden pro Bestellung: Dieses Roboter-Start-up will Lieferdienste profitabel machen

Von: Larissa Holzki

Das Lagersystem von Noyes soll bei den Expresslieferdiensten viel Zeit und Platz sparen. Partner sehen auch Potenzial für neue Selbstbedienungsläden.

Roboter: Automatisiertes Lagersystem Noyes Technologies

Automatisiertes Lagersystem

Roboter sortieren die Produkte ständig neu und fahren die Kisten mit den bestellten Artikeln an die Ausgabestellen, an denen sie von Mitarbeitern entnommen und gescannt werden.

München Eine Münchener Logistikfirma will Expresslieferdienste wie Gorillas und Flink profitabel machen: Mit dem System von Noyes könnten die Lieferdienste ihre Lager teilautomatisieren. „Wir können einen typischen Warenkorb mit sechs Artikeln in 45 Sekunden ausgeben“, sagt Mitgründer Aaron Spiegelburg.

Das Geschäftsmodell der schnell wachsenden „Quick Commerce“-Anbieter und ihre hohen Bewertungen sind umstritten: Kritiker zweifeln, ob Flink (2,85 Milliarden Dollar Bewertung), Gorillas (drei Milliarden Dollar) und Getir (11,8 Milliarden Dollar) mit ihren Zehn-Minuten-Lieferversprechen überhaupt profitabel werden können.

Die Margen im Lebensmitteleinzelhandel sind gering, Innenstadt-Lager und Personal teuer. Der Druck ist auch bei den Angestellten schon jetzt so groß, dass Gorillas-Mitarbeiter bei Streiks vor einigen Monaten auch gegen Anforderungen bei Lieferfrequenz und Packgeschwindigkeit protestierten. Noyes will diese Rahmenbedingungen daher grundlegend verändern.

Künftig soll bei den Kurierdiensten kein Mitarbeiter mehr Regalreihen ablaufen und die bestellten Produkte heraussuchen müssen. Das übernimmt eine Art großer Automat. „Wir können mehr Produkte auf weniger Fläche unterbringen, benötigen nur eine Nachlieferung pro Tag und sind bei der Ausgabe der Artikel schneller als der durchschnittliche Mitarbeiter“, sagt Co-Gründer Marco Prüglmeier.

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    Die genaue Funktionsweise der Anlage hält das erst ein Jahr alte Start-up bisher geheim. Jetzt sind die Patente gesichert, die Markteinführung steht bevor. Ab Mitte Mai sollen sich Interessenten alles genau anschauen können. Dann öffnet in einem Hinterhof der Münchner Leopoldstraße der Noyes-Showroom. Das Handelsblatt hat sich dort bereits umgesehen.

    Intelligente Roboter bringen die richtige Kiste an die Ausgabestelle

    Von außen sieht das System aus wie ein großer weißer Schrank, bei dem auf jeder Ebene ein Fach offensteht. Sobald eine Bestellung eingeht, werden die Kisten mit den benötigten Produkten auf Paletten an diese Ausgabestelle gefahren. Die Mitarbeiter müssen dann nur noch den Anweisungen auf einem Display nachgehen und Chipstüten, Getränkeflaschen und Nudelpakete einsammeln.

    Innerhalb des Systems sind die Produkte sehr kompakt verstaut. Das Ausstellungsstück ist nur drei Ebenen hoch und hat an der Oberseite keine Abdeckung, um Einblick in die Funktionsweise zu gewähren. So sieht man auf jeder Ebene neben- und hintereinander Paletten mit Plastikkisten aufgereiht, nur eins der zwölf Fächer ist frei und wird zum Rangieren der Paletten genutzt.

    Das System funktioniert wie ein Schiebepuzzle, bei dem man Zahlen von eins bis 15 in die korrekte Reihenfolge bringen muss, während immer nur eine Fläche frei ist, um Zahlen zu verschieben. Vom Erfinder des Spiels, Noyes Palmer Chapman, haben sich die Gründer auch den Firmennamen abgeschaut.

    Das Rätsel lösen in diesem Fall intelligente Roboter, die auf einer Zwischenebene unter den Kisten fahren, die Paletten anheben und verschieben können. Je mehr Roboter pro Ebene rangieren, desto schneller läuft der Betrieb.

    Noyes-Roboter Noyes Technologies

    Noyes-Roboter

    Die Roboter fahren im Innern des Lagersystems unter den Paletten hindurch. Paletten mit Kisten, die verschoben oder an die Ausgabestelle gebracht werden sollen, werden angehoben.

    Für den Quick Commerce ist Geschwindigkeit das alles entscheidende Kriterium. Um die Anforderungen potenzieller Kunden zu erfüllen, musste Noyes deshalb zusätzlich das „Autobahnsystem“ entwickeln.

    Eine detaillierte Analyse von Bestellungen habe gezeigt, dass 20 Prozent der Artikel sehr oft bestellt werden, die anderen 80 Prozent dagegen nur selten, sagt Marco Prüglmeier. Für die „Schnellläufer“ genannten oft bestellten Artikel gibt es nun Ebenen, bei denen eine ganze Reihe an Paletten fehlt. Dadurch kommen diese Produkte noch schneller im Ausgabefach an.

    Das Versprechen: 1300 Artikel auf 50 Quadratmetern und nie ausverkauft

    Mit dem optimierten Konzept will Noyes ein Sortiment mit 1300 Artikeln auf ungefähr 50 Quadratmetern unterbringen. Im Gesamtpaket kosten die dafür erforderlichen 700 bis 800 Module und 36 Roboter 400.000 Euro. Das System soll mit nur einer Anlieferung pro Tag auskommen und lässt sich bei Bedarf beliebig erweitern.

    Zwei Expresslieferdienste sollen schon Verträge unterzeichnet haben, bei einem stehe bereits ein Testsystem, heißt es von Noyes. Das Handelsblatt hat bei Gorillas und Flink angefragt, ob sie auch ohne automatisierte Lager profitabel werden könnten und ob sie ab einer gewissen Größe eine Automatisierung planen. Gorillas wollte sich „aus Wettbewerbsgründen nicht zu Einzelheiten“ des eigenen Lagersystems äußern.

    Bei Flink heißt es, es werde „noch eine ganze Weile dauern“, bis die Automatisierung in den Innenstadtlagern wirtschaftlich attraktiv werde. Die Firma stehe „noch am Anfang der Prozessoptimierung“, sagte ein Sprecher. „Aktuell sind wir mit unseren Teams an den Standorten sehr zufrieden und können jederzeit flexibel auf Sortimentserweiterungen reagieren und müssen keine Limitierung durch Automatisierung im Auge haben.“

    Noyes-Gründer Prüglmeier sagt: „Nach 22 Jahren in der Logistik glaube ich, dass kein Quick-Commerce-Anbieter auf manuellem Weg Profitabilität erreichen kann.“ Eine wichtige Kenngröße sei die Summe der Artikel pro Einkauf. Diese ließe sich aber nur durch ein größeres Sortiment steigern – und das bekäme man ohne Automatisierung nicht auf den kleinen Lagerflächen unter.

    Noyes-Gründer Aaron Spiegelburg und Marco Prüglmeie Noyes Technologies

    Noyes-Gründer

    Aaron Spiegelburg (CFO) und Marco Prüglmeier (CEO) haben die Münchener Robotik-Firma 2021 gegründet. Jetzt bringen sie ihr Mini-Lagersystem auf den Markt.

    Spiegelburg ergänzt: Den Firmen unterliefen manuell auch zu viele Fehler. Kunden bekämen falsche Produkte, zu viel oder zu wenig. „Es kostet die Firmen extrem viel Geld, fehlerhafte Lieferungen großzügig mit Gutschriften zu entschuldigen.“ Im Noyes-System sind Kontrollmechanismen wie Waagen und ein Scan-Armband vorgesehen.

    Die Noyes-Gründer waren viele Jahre für Autobauer BMW tätig. Maschinenbauingenieur Prüglmeier (50) hat in 22 Jahren dort unter anderem das „Logistics Innovation Lab“ aufgebaut. Wirtschaftsingenieur Spiegelburg (44) hat in mehr als 18 Jahren die Finanzen und das Controlling für logistische Themen verantwortet.

    Bis Anfang 2023 will Noyes mit Viessmann ein Warenhaus in Miniaturformat entwickeln

    Für sein Lagersystem sieht das Duo noch viele weitere Einsatzmöglichkeiten. Den für Noyes bedienbaren Markt beziffert Aaron Spiegelburg für 2030 auf 8,6 Milliarden Euro, davon entfallen drei Milliarden auf den Quick Commerce.

    Mit Industriekunden spricht Noyes über Lagerlösungen direkt am Fließband, auch für den Lebensmitteleinzelhandel könnte das platzsparende System interessant sein.

    Mit Paketdiensten und Onlinehändlern werden Konzepte für Abholstationen erarbeitet, an denen Kunden sich Ware selbst ausgeben lassen können. Und auch über kleine Selbstbedienungswarenhäuser denkt Noyes nach.

    Diese Idee findet Joachim Schlichtig „bestechend“. Der Technologiechef von Viessmann Kühltechnik arbeitet mit Noyes an einer Lösung für gekühlte Ware. Anfang 2023 soll der erste Prototyp für einen Selbstbedienshop vorgestellt werden. „Den Noyes-Viessmann-Store könnte man in jedem Winkel einer Stadt aufbauen und sich unabhängig von den Edekas und Lidls machen, zu denen ich erst mal hinkommen muss“, sagt Schlichtig.

    Für das laufende Jahr plant Noyes aber zunächst die Installation von mindestens 30 Lagersystemen ohne Kühlung. Die Zahl der Mitarbeiter soll von aktuell 42 auf 70 bis 80 steigen. Den Aufbau der Systeme können die Kunden theoretisch auch allein bewerkstelligen. „Die Module lassen sich so einfach aufbauen wie ein Ikea-Regal“, sagt Prüglmeier. Die Roboter richteten sich automatisch aus.

    Bleibt die Frage, was die Lieferdienste künftig tun sollen, wenn ein Roboter streikt: „Im schlimmsten Fall schiebt ein anderer Roboter den defekten Roboter einfach raus“, sagt Prüglmeier. Via Cloudverbindung sollte Noyes dann schon über den Fehler informiert sein und einen Ersatz geschickt haben.

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