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05.03.2020

07:00

Profiteure der Epidemie

Corona sorgt für einen Boom von Videokonferenzen – Aktien der Anbieter profitieren

Von: Alexander Demling, Christof Kerkmann

Die Angst vor dem Coronavirus befeuert die Nachfragen nach Software für Videokonferenzen und mobiler Arbeit – wie Teamviewer oder Zoom. Auch Aktien deutscher Firmen steigen deutlich.

Unternehmen, die Software für mobiles Arbeiten anbieten, profitieren von den Folgen des Coronavirus. AP

Zoom

Unternehmen, die Software für mobiles Arbeiten anbieten, profitieren von den Folgen des Coronavirus.

San Francisco, Düsseldorf Der Ausbruch der weltweiten Corona-Epidemien hat die Aktienmärkte in Angst versetzt. Der S&P 500 hat in den vergangenen zwei Wochen rund zehn Prozent seines Wertes verloren. Auf jede kurzzeitige Erholung folgte ein noch härterer Rückschlag. Technologie-Aktien, in deren Bewertung viel Zukunftshoffnung steckt, sackten häufig noch tiefer ein als der restliche Markt.

Nur ein Segment läuft dank der Corona-Angst sogar besser als zuvor: Unternehmen, die Software für mobiles Arbeiten anbieten. Die Aktien des amerikanischen Videokonferenz-Anbieters Zoom etwa oder Teamviewer, der Göppinger Anbieter von Fernwartungs-Software.

Besonders Zoom ist in den Wochen seit dem Corona-Ausbruch zum Wall-Street-Liebling avanciert. Komplett gegen den Markttrend hat die Aktie des Unternehmens aus San Jose seit dem 21. Februar um mehr als zehn Prozent an Wert gewonnen, getrieben von der steigenden Nutzung der Software in den vergangenen Wochen. Zoom habe in den ersten zwei Monaten des Jahres 2020 mehr aktive Nutzer gewonnen als im ganzen Jahr 2019, schreibt Zane Chrane, Analyst beim Vermögensverwalter Bernstein, in einer aktuellen Analyse.

Haben die Anleger einen sicheren, sogar profitablen Hafen gefunden? Oder findet der Zoom-Boom am Ende ein krachendes Ende, wenn die Corona-Angst abebbt und die Angestellten weltweit in ihre Büros und Konferenzräume zurückkehren?

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    „Ich glaube nicht, dass es vorübergehend ist“, sagte Zoom-Chef Eric Yuan in einer – per Zoom übertragenen – Analysten-Konferenz am Mittwoch. Das Coronavirus werde den Trend zur Telearbeit dramatisch verstärken. Es gebe inzwischen Unternehmen, die überhaupt keine physischen Büros mehr hätten. „Wir sind im Markt für die Zukunft der Kommunikation“, erklärte Yuan.

    Hält der Trend an?

    „Zooms neue Nutzer sind höchstwahrscheinlich nicht so treu wie die bisherigen“, sagt dagegen Analyst Chrane im Gespräch mit dem Handelsblatt. Unter ihnen seien viele Kleinunternehmen und Selbstständige, die eher selten in Zooms kostenpflichtige Version wechseln. Dementsprechend sei die Aktie „auf kurzer Sicht wohl etwas überhitzt“, getrieben von Privatanlegern.

    Man muss dazu wissen: Chrane hält große Stücke auf die Zoom-Aktie. Der Analyst bewertet sie mit „Overweight“, während die Mehrheit seiner Kollegen nur zum „Halten“ raten. Trotz der bisherigen Rally erwartet Chrane einen weiteren Anstieg um rund zehn Prozent gegenüber dem aktuellen Wert innerhalb eines Jahres – wenn der aktuelle Hype abgeklungen ist.

    Mittelfristig werde der Software-Anbieter davon profitieren, dass so viele Unternehmen das Produkt nun ausprobieren. In China hat das Unternehmen ein 40-Minuten-Limit für die Meetings von Kostenlos-Nutzern aufgehoben und bietet zusätzliche Schulungen für neue Nutzer an, etwa für Ärzte, die Zoom während der Corona-Krise für Fernsprechstunden nutzen. Das bringt dem Unternehmen mindestens positives Karma – und langfristig wahrscheinlich auch ein paar zusätzliche zahlende Kunden.

    Einen bislang ungekannten, weltweiten Anstieg der Fernarbeit beobachtet auch Cisco. Über die Tochterfirma Webex bietet der IT-Konzern Lösungen an, die die Belegschaft virtuell verbinden, von Videokonferenzen bis zur Bildschirmfreigabe. Die Technik könne „einen bescheidenen Beitrag dazu leisten, dass die Menschen in dieser schwierigen Zeit in Verbindung bleiben, erklärte der zuständige Topmanager Sri Srinivasan.

    In China ist der Datenverkehr auf Webex seit dem Ausbruch der Epidemie in der Spitze auf das 22-fache Volumen gestiegen. In Japan, Südkorea und Singapur hat die Cisco-Tochter vier bis fünf Mal so viele Nutzer wie sonst verzeichnet, während sich die durchschnittliche Zeit in Videokonferenzen verdoppelte. Und in allen Ländern, die vom Coronavirus betroffen sind, ist die Zahl der Anmeldungen um den Faktor sieben gestiegen. Auch in Italien zeichne sich seit Kurzem ein Anstieg ab, berichtet das Unternehmen.

    Cisco bietet kostenlose Tests an

    Ähnlich wie Zoom hat Cisco die kostenlosen Funktionen von Webex ausgeweitet und bietet zudem für alle Unternehmen kostenlose Tests an, „die aus Vorsorgegründen Arbeitsmöglichkeiten aus dem Home Office anbieten möchten“. Für beide gilt indes: Wenn es ihnen gelingt, die Arbeitsprozesse dauerhaft zu verändern, wird sich das langfristig bezahlt machen.

    Auch das MDax-Unternehmen Teamviewer stellt in den vergangenen Wochen eine steigende Nachfrage für seine Software für Fernwartung, Dateitransfer und Videokonferenzen fest. „Angesichts der aktuellen Situation ist Telearbeit für Unternehmen im Asien-Pazifik-Raum von großer Bedeutung“, teilt es mit. Die Zahl der Verbindungen in China beispielsweise habe sich seit dem Ausbruch des Coronavirus verdreifacht.

    Doch alle Anbieter betonen, dass Corona einen allgemeinen Trend zur Heim- und Telearbeit allenfalls verstärkt. „Wir profitieren von einigen Megatrends“, sagte Teamviewer-Chef Oliver Steil im Februar bei der Veröffentlichung der Jahreszahlen. Die Digitalisierung der Geschäftsprozesse und die Nachhaltigkeit, verbunden mit Kostensenkungen, seien für die Entwicklung des Geschäfts wichtige Faktoren. Nun komme die Angst vor dem Coronavirus als „Einzelpunkt“ hinzu.

    Die Aktionäre registrieren solche Meldungen: Der Kurs des MDax-Aufsteigers stieg am Montag in einem schwachen Umfeld um mehr als zehn Prozent auf ein neues Rekordhoch von mehr als 35 Euro. Dass es anschließend wieder deutlich nachgab, ist darauf zurückzuführen, dass Großaktionär Permira die Rally nutzte, um sich von Anteilen zu trennen – Kasse machen dank Coronavirus.

    Einen direkten wirtschaftlichen Gewinn ziehen die beiden Unternehmen aus der Coronavirus-Krise indes nicht, wie sie betonen. „Wir sehen in der aktuellen Situation selbstverständlich von einer Überprüfung der Verbindungen auf kommerzielle Nutzung ab und hoffen, damit die Betroffenen in dieser schwierigen Lage unterstützen zu können“, erklärt Teamviewer – auch wenn Unternehmen die Software über die Freigrenzen hinaus einsetzen, müssen sie derzeit nicht zahlen.

    Kurzfristig drücke Corona sogar leicht auf die Marge, sagte Zoom-Finanzchefin Kelly Steckelberg in der Videokonferenz. Die meisten neuen Nutzer nutzen die kostenlose Version, gleichzeitig verursachten sie Kosten für Server.

    Dass manche Anleger den kurzfristigen geschäftlichen Nutzen für das Unternehmen wohl überschätzt haben, zeigte sich nach der Präsentation der Zahlen. Obwohl Zoom seinen Umsatz für das im Januar beendete vierte Quartal um 78 Prozent steigerte und profitabel war, sank die Aktie nachbörslich um sechs Prozent.

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