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19.04.2021

12:50

Raumfahrt Start-up

Yuris Mission: Organe im Weltall züchten – mit Minilaboren auf der ISS

Von: Larissa Holzki

In der Schwerelosigkeit entwickeln sich Zellen anders als auf der Erde. Ein Start-up bringt deshalb Experimente ins All – und hofft auf eine Biotech-Revolution.

Yuri stellt Minilabore her und vermittelt Plätze in den Raketen, um sie ins All und wieder zurück zu bringen.

Yuris Minilabor

Yuri stellt Minilabore her und vermittelt Plätze in den Raketen, um sie ins All und wieder zurück zu bringen.

Düsseldorf Wenn der deutsche Astronaut Matthias Maurer im Herbst in einer Raumkapsel vom Unternehmen SpaceX zur Raumstation ISS fliegt, wird er Minilabore von Yuri dort einbauen. Das Start-up aus Meckenbeuren im Bodenseekreis organisiert Forschungsexperimente im Weltall – und hat gerade seine Missionen vier und fünf gewonnen: „Forschung in der Schwerelosigkeit bietet Ergebnisse, die so auf der Erde nicht erhältlich sind“, sagt CEO Maria Birlem.

Dieses Mal geht es um Muskelzellen der Berliner Universitätsmedizin Charité und Immunzellen der Frankfurter Goethe Universität. Im Auftrag des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) begleitet Yuri die Experimente, stellt eigens entwickelte Minilabore im Format zehn mal zehn mal zehn Zentimeter zur Verfügung und vermittelt den Platz in den Raketen, die sie rauf- und runterbringen.

Im Start-up-Sprech nennen die vier Gründer ihr Geschäft „Lab as a Service“. Für 95.000 Euro je Minilabor geht es auf die ISS. So summieren sich Aufträge wie der des DLR auf siebenstellige Beträge.

„Parabelflüge, die nur an der Atmosphäre kratzen und ein paar Sekunden Schwerelosigkeit bieten, sind günstiger“, sagt Birlem. Die 39-Jährige hat ähnliche Projekte bis vor drei Jahren bei Airbus betreut. Doch das Geschäft sei Europas größtem Luft- und Raumfahrtkonzern zu klein gewesen, sagt die Unternehmerin. Um das Innovationspotenzial auszuschöpfen, gründete sie mit zwei weiteren Airbus-Kollegen und dem 30-jährigen Wirtschaftsingenieur Mark Kugel 2019 Yuri.

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    Vor allem ein Projekt mit Stammzellen hat die studierte Luft- und Raumfahrttechnikerin bei Airbus fasziniert. „Stammzellen sind die Wunderzellen im Körper, sie können sich zu einem Herz verwandeln, zu Haut-, Muskel-, Knochenzellen“, sagt sie. Schon unter simulierter Schwerelosigkeit seien Versuche, Stammzellen mit bestimmten Ausprägungen wachsen zu lassen, sehr erfolgreich verlaufen.

    Die Idee, im All könnten sich irgendwann vielleicht sogar menschliche Organe züchten lassen, ließ Birlem nicht mehr los. In der eigenen Familie hatte sie miterlebt, wie ein Kind mit Herzfehler geboren wurde und schließlich auf ein Spenderherz angewiesen war. Solche Transplantationen sind mit großen Risiken verbunden.

    Yuri will langfristig ein Biotechunternehmen werden

    Im ersten Schritt will Yuri nun immer mehr Forschung im All ermöglichen. Traditionell stand diese nur Instituten und Universitäten offen, deren Projekte von den Raumfahrtagenturen bezahlt wurden, sagt Mark Kugel – wie im Fall des DLR-Auftrags. Seit einigen Jahren wächst ein kommerzieller Markt heran. Die Experimente unter Schwerelosigkeit sind vor allem für Pharmakonzerne spannend, aber beispielsweise auch in der Glasfaserproduktion, sagt Maria Birlem.

    „Der klassische Agenturmarkt mit einem globalen Volumen von 120 Millionen Euro ist klein, wurde aber 2019 bereits vom kommerziellen Markt überholt“, sagt Kugel mit Verweis auf Zahlen des ISS National Laboratory.

    Die Unternehmensberatung Deloitte prognostiziert allein den biowissenschaftlichen Markt mittelfristig auf 1,4 Milliarden Dollar. Weltweit gebe es etwa zehn Firmen, die sich wie Yuri als Vermittler für diese Projekte positionieren. Der US-Wettbewerber Space Tango etwa hat mit dem Cedars-Sinai Medical Center auch schon ein Projekt zu Stammzellen umgesetzt. Bei bisherigen Aufträgen habe sich das profitable Start-up mit Schnelligkeit und günstigen Konditionen durchsetzen können.

    Als ersten Pharmakunden konnte Yuri Glaxo-Smithkline gewinnen, das 2020 ein Experiment zur Haltbarkeit von Medikamenten durchführte. Langfristig könnte sich das Start-up sogar selbst in diese Richtung entwickeln.

    Das Team des Start-ups von links: Christian Bruderrek, Maria Birlem, Mark Kugel und Philipp Schulien.

    Yuri

    Das Team des Start-ups von links: Christian Bruderrek, Maria Birlem, Mark Kugel und Philipp Schulien.

    „Die Idee ist, dass wir uns irgendwann zu einer Biotechfirma wandeln“, sagt Mark Kugel – aus dem Labor im All könnte bestenfalls eine Manufaktur im Weltraum werden. „Wir wollen Schwerelosigkeit als Plattform nutzen, um tolle Produkte zu entwickeln: In der langfristigen Vision können das gedruckte Organe sein, aber schon in zwei, drei Jahren könnten wir Organoide produzieren.“

    Solche Zellklumpen ließen sich auf der Erde nur schwer herstellen, erklärt Kugel. Damit könnten sich manche Medikamententests aber wohl besser und ethischer durchführen lassen als im Tierversuch. Um den Markt und die Bedürfnisse der Pharmakonzerne in diesem Bereich besser kennenzulernen, soll bei Yuri bald ein versierter Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin zum Managementteam stoßen. Zudem ist eine erste Finanzierungsrunde bei Investoren geplant, um die Vision voranzutreiben.

    Maria Birlem ist in Ostdeutschland mit dem russischen Kosmonauten Yuri Gagarin als Vorbild aufgewachsen. Ihr Start-up ist nach dem ersten Menschen im All benannt. Schon mehrfach hat sie sich selbst als Astronautin beworben. Gerade überlegt sie, ob sie es wieder tun möchte – oder ob sie auf der Erde unverzichtbar ist, um die ersten menschlichen Organe aus dem All zu holen.

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