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21.02.2023

04:00

Reinraum-Spezialist

Die wichtigsten Kunden schwächeln – aber der Anlagenbauer Exyte legt kräftig zu

Von: Martin-W. Buchenau, Joachim Hofer

PremiumDer Reinraum-Spezialist ist 2022 um 50 Prozent gewachsen. Vorstandschef Wolfgang Büchele rechnet mit einem lang anhaltenden Aufschwung – nur nicht unbedingt in Europa.

Für den Münchener Halbleiterhersteller Infineon hat Exyte die neue Fabrik in Österreich errichtet. Nun baut der Dax-Konzern in Dresden für fünf Milliarden Euro. Bloomberg

Infineon-Werk in Villach

Für den Münchener Halbleiterhersteller Infineon hat Exyte die neue Fabrik in Österreich errichtet. Nun baut der Dax-Konzern in Dresden für fünf Milliarden Euro.

Stuttgart Kaum ein Unternehmen weltweit profitiert so sehr vom Bauboom in der Chipindustrie wie der Anlagenbauer Exyte. Das Jahr 2022 sei für den Schlüsselfertig-Spezialist für Reinräume äußerst erfolgreich gewesen, sagte Vorstandschef Wolfgang Büchele dem Handelsblatt: „Wir haben nach vorläufigen Zahlen mit rund 50 Prozent Wachstum unsere Prognose von sieben Milliarden Euro Umsatz deutlich übertroffen.“

Corona, Ukrainekrieg, Lieferkettenprobleme – sämtliche Krisen scheint der schwäbische Mittelständler, der bis 2018 unter dem Namen M+W Group firmierte, wegstecken zu können. Exyte sei zudem profitabler geworden, erläuterte Büchele: „Das Ergebnis ist leicht überproportional zum Umsatz gewachsen.“

2021 lag der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) bei 263 Millionen Euro. Vergangenes Jahr dürfte das operative Ergebnis damit die Marke von 400 Millionen Euro weit überschritten haben. Genaue Zahlen will das Unternehmen in einigen Wochen vorlegen.

Exyte geht es besser als den Kunden

Exyte koppelt sich damit von seinen wichtigsten Kunden ab: Die Chipindustrie ist den Marktforschern von Gartner zufolge vergangenes Jahr um ein Prozent gewachsen. Experten rechnen damit, dass die Branche dieses Jahr sogar schrumpft.

Ganz anders Exyte: Büchele geht davon aus, dass es weiter rasant aufwärtsgeht. Denn der Auftragseingang habe auch 2022 den Umsatz überstiegen. Dass die weltweit führenden Chipkonzerne wie Intel und Samsung derzeit mit Überkapazitäten kämpfen, lässt den 63-jährigen Konzernchef kalt: „Unsere Kunden planen ihre Investitionen in Anlagen langfristig.“

Erst vergangene Woche hat Stammkunde Infineon angekündigt, im Herbst mit den Bauarbeiten für ein neues Werk in Dresden zu beginnen. Der Dax-Konzern will fünf Milliarden in die Fabrik investieren, es ist das größte Projekt aller Zeiten des führenden deutschen Halbleiterherstellers.

Exyte ist ein Pionier der Reinraumtechnik

Der ehemalige Linde-Chef Büchele führt die Stuttgarter Firma seit inzwischen sechs Jahren. Und das mit zunehmendem Erfolg. Dafür hat der promovierte Chemiker margenschwache Projekte konsequent gestrichen und sich aus Regionen, in denen sich das Geschäft nicht mehr lohnte, verabschiedet. Schon vor dem Überfall auf die Ukraine zog sich Exyte etwa aus Russland zurück.

Büchele sieht Exyte als führenden Anbieter für Planung, Entwicklung und Bau von Hightech-Anlagen, insbesondere von Chipwerken. Rund 80 Prozent vom Umsatz erzielt die Firma mit der Halbleiterindustrie. Den Rest verdient der Konzern mit Rechenzentren sowie der Pharmabranche.

In der Öffentlichkeit ist der Name kaum bekannt, dabei hat Exyte eine große Tradition: Das 1912 von Karl Meissner und Paul Wurst gegründete Unternehmen zählt zu den Pionieren der Reinraumtechnik. In den vergangenen 30 Jahren wechselten die Eigentümer allerdings häufig, noch häufiger die Chefs. Seit 2009 gehört die Firma dem Österreicher Georg Stumpf.

2018 wollte Stumpf Exyte an die Börse bringen, doch die Wachstumsstory verfing nicht bei den Investoren, und so scheiterte das Vorhaben. Vergangenen November kündigte der US-Investor BDT Capital Partners an, rund ein Drittel der Anteile zu übernehmen. Das könnte dem Konzern zugutekommen, glaubt Büchele: „Ich erwarte, dass unser künftiger Minderheitsgesellschafter uns die ein oder andere Tür in den USA öffnen wird.“

Im irischen Leixlip ist Exyte für den US-Konzern Intel tätig. NurPhoto/Getty Images

Intel-Fabrik in Irland

Im irischen Leixlip ist Exyte für den US-Konzern Intel tätig.

Die USA sind der wichtigste Zukunftsmarkt für Exyte. Nirgendwo entstehen derzeit so viele Chipwerke. „Die USA liegen ganz klar vorn, Europa hechelt hinterher“, sagte kürzlich Gunther Kegel, Präsident des deutschen Branchenverbands ZVEI, dem Handelsblatt.

Die Vorliebe der Chipindustrie für die USA hat handfeste Gründe. Die Regierung in Washington hat im vergangenen Sommer 52,7 Milliarden Dollar an staatlicher Unterstützung für die Konzerne bereitgestellt. Europa dagegen debattiert noch immer über mögliche Unterstützung. Dabei hat die EU-Kommission das Ziel ausgegeben, den Anteil Europas an der weltweiten Chipproduktion bis 2030 auf 20 Prozent zu verdoppeln.

„Die Politik in den USA ist entscheidungsfreudiger und schneller in der Umsetzung als Europa“, so Exyte-Chef Büchele. „Während hier noch über die Strategie diskutiert wird, fließt in den USA bereits das Geld.“

Branchenbeobachter sind alarmiert: „Wir müssen aufpassen in Europa, dass wir nicht zum Industriemuseum werden“, warnt Jan-Hinnerk Mohr, Halbleiterexperte der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group. Denn Amerika wird seinen Anteil an der Weltchipproduktion angesichts der hohen Investitionen Mitte des Jahrzehnts vermutlich stark steigern.

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Von Intel über Micron und Samsung bis hin zum Taiwaner Auftragsfertiger TSMC investieren die führenden Chipkonzerne derzeit Milliarden in Amerika. Davon profitiert Exyte – und stockt seine Belegschaft in den USA auf: „Wir werden dort dieses Jahr die Zahl der Mitarbeiter auf 1500 etwa verdoppeln“, sagte Büchele.

Es liege aber nicht nur an den Subventionen, dass Exyte derzeit in Amerika besonders viel zu tun habe. Dem Manager zufolge haben die großen US-Chiphersteller auf ihrem Heimatmarkt den Vorteil, dass sie an bestehenden Standorten auf bereits vorhandene Infrastruktur aufbauen können. Das erleichtere die Entscheidung, eine neue Fabrik zu bauen.

Ein Roboterhund kontrolliert bei Exyte die Baustelle

Intel müsse hingegen in Magdeburg bei null anfangen. Der zweitgrößte Chiphersteller der Welt hat vergangenes Frühjahr angekündigt, in Sachsen-Anhalt 17 Milliarden Euro zu investieren. Die Amerikaner ringen aber seither mit der Bundesregierung um die Höhe der Subventionen. Sollte Intel tatsächlich an der Elbe bauen, wäre es endlich einmal ein Heimspiel für Exyte.

Dass die Schwaben den Auftrag bekommen, erscheint wahrscheinlich – auch wenn Büchele über seinen Großkunden kein Wort verliert. Für den US-Konzern hat Exyte zuletzt ein neues Werk an einem bestehenden Standort im irischen Leixlip errichtet und ist auch in Arizona für Intel tätig. Zwischen 20 und 25 Prozent der gesamten Investitionssumme verbucht in der Regel Exyte für sich.

Größtes Problem für das Unternehmen ist, genügend qualifiziertes Personal zu finden. „Wir mussten schon Aufträge ablehnen, weil wir zum jeweiligen Zeitpunkt nicht die entsprechenden Teams zur Verfügung hatten“, räumt Büchele ein. Rund 9000 Beschäftigte arbeiten bei Exyte, in diesem Jahr sollen 1500 hinzukommen.

Die Personalknappheit führt zu unkonventionellen Ansätzen. In Halle baut Exyte für den Chemiekonzern Wacker ein neues mRNA-Kompetenzzentrum. „Den Baufortschritt lassen wir demnächst von einem Roboter-Hund überwachen“, berichtete Büchele.

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