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22.11.2022

12:41

Social Media

Kahlschlag bei Twitter – Mitarbeiter in Deutschland wehren sich

Von: Christof Kerkmann, Stephan Scheuer

Von den Massenentlassungen bei Twitter sind auch hierzulande Mitarbeiter betroffen. Die wehren sich mit Mitteln des deutschen Arbeitsrechts – und wollen einen Betriebsrat gründen.

Der neue Twitter-Eigentümer Elon Musk hat innerhalb weniger Wochen einen großen Teil der Belegschaft entlassen. dpa

Twitter

Der neue Twitter-Eigentümer Elon Musk hat innerhalb weniger Wochen einen großen Teil der Belegschaft entlassen.

Düsseldorf, San Francisco Der neue Twitter-Eigentümer Elon Musk hat nur wenige Tage nach der Übernahme Massenentlassungen angekündigt: Er strich ohne jegliche Ankündigung jeden zweiten Job beim Onlinedienst, weitere Kündigungen folgten bald. Dieser drastische Einschnitt dürfte jedoch ein juristisches Nachspiel haben – auch hierzulande.

Etliche Mitarbeiter der Twitter Deutschland GmbH sind nach der Ankündigung der Entlassungen in die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi eingetreten. Diese unterstützt die Betroffenen nach Handelsblatt-Informationen nun bei Kündigungsschutzklagen sowie bei der Gründung eines Betriebsrats.

„Ich will zeigen, wie unmöglich ich den Umgang mit den Leuten finde“, sagte ein Twitter-Mitarbeiter, der sich Tom nennen lässt, im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wir haben uns in Deutschland Arbeitnehmerrechte erkämpft, die man nicht aufgeben sollte, weil amerikanische Konzerne andere Vorstellungen haben.“

Verdi zeigte sich zuversichtlich, dass die neuen Mitglieder in arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen gute Aussichten hätten. „Twitter hat es sich vermutlich einfacher vorgestellt, die Kündigungen auszusprechen“, sagte Matthias von Fintel, der bei der Gewerkschaft die Fachgruppe Medien, Journalismus und Film leitet, dem Handelsblatt. Twitter war am Montag nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

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    Wie groß das Chaos bei Twitter zuletzt war, hat auch Tom erlebt. Bereits einen Tag nach der Übernahme Ende Oktober gingen die ersten Arbeitsaufträge ein. An einem Freitagabend – Tom war gerade bei einem Konzert – forderten ihn Kollegen in den USA auf, sich schnell an neuen Projekten zu beteiligen – auch mitten in der Nacht. Die Projekte waren jedoch nicht von langer Dauer.

    Kündigung ohne Ankündigung

    Schon kurz darauf kündigte Twitter Massenentlassungen an, fast die Hälfte der damals 7500 Mitarbeiter erhielt Anfang November die Kündigung per E-Mail. Der verbleibenden Belegschaft stellte Musk danach ein Ultimatum: Nur wer sich auf harte Arbeit mit zahlreichen Überstunden einlasse, dürfe bleiben.

    Tom, dessen Identität dem Handelsblatt bekannt ist, traf es auch. Sein Zugang wurde beschränkt. Auf Slack, dem zentralen Kommunikationskanal bei Twitter, konnte er sich nicht mehr einloggen. Erst einige Stunden später bekam er eine E-Mail, dass seine Stelle „eventuell“ von den Kündigungen betroffen sei. Eine schriftliche Kündigung traf erst mehr als eine Woche später ein.

    Arbeiten konnte Tom in dieser Zeit nicht – also nutzte er die Gelegenheit, um sich über das Arbeitsrecht zu informieren. Bald darauf nahm er Kontakt mit der Gewerkschaft Verdi auf.

    Tom hat Verständnis dafür, dass große Veränderungen nötig sind. „Twitter ist in den letzten Jahren zu stark gewachsen“, sagt er. Entscheidungen seien oft spät getroffen worden, weil zu viele Managementebenen beteiligt gewesen seien. „Alles ist zu langsam gelaufen, da hat Musk recht“, sagt der IT-Spezialist. „Aber man sollte gemeinsam in den Prozess gehen.“

    Keine Abfindungen in Deutschland?

    Gegen das Gebaren von Musk regt sich an verschiedenen Stellen Widerstand. In den USA haben Angestellte eine Sammelklage eingereicht. Der Vorwurf: Twitter habe gesetzliche Vorgaben missachtet – so sieht der WARN-Act in Kalifornien vor, dass Massenentlassungen 60 Tage im Voraus angekündigt werden müssen. Der Ausgang des Verfahrens ist offen.

    In den USA klagen aber nicht nur Twitter-Angestellte gegen das Unternehmen – auch Mitarbeiter von Subunternehmen haben eine Klage eingereicht. Für etliche Aufgaben wie das Entfernen anstößiger Inhalte hatte Twitter Tausende Fachkräfte über Auftragsfirmen beschäftigt. Auch ihnen wurde kurzfristig gekündigt. Anwältin Shannon Liss-Riordan reichte vor dem zuständigen Gericht in San Francisco eine Klage ein. Sie geht davon aus, dass sich Tausende ehemalige Auftragnehmer von Twitter anschließen werden.

    Grafik

    In der Twitter Deutschland GmbH waren nach Verdi-Angaben etwas mehr als 30 Mitarbeiter beschäftigt – im Vertrieb, in der Entwicklung und in der IT-Sicherheit. „Ein Großteil“ von ihnen hat nach Verdi-Angaben die Kündigung erhalten. Die Gewerkschaft berät sie nun in Sachen Kündigungsschutz.

    Ein Kern der arbeitsrechtlichen Verfahren: Twitter hat nach Angaben von Verdi konzernweite Zusagen beispielsweise für die Abfindungen gemacht. Von diesen Konditionen ist in den Kündigungen jedoch keine Rede mehr – in Deutschland sei etwas Vergleichbares nicht bekannt, berichtet die Gewerkschaft.

    Parallel versuchen die einstigen Mitarbeiter von Twitter, einen Betriebsrat zu gründen. Wo das Verfahren hinführt, ist offen, womöglich gibt es in einigen Wochen, wenn die Vorarbeiten erledigt sind, nicht mehr viele Beschäftigte in der GmbH. Es gehe aber um „ein Signal an Kolleginnen und Kollegen in anderen Technologieunternehmen“, sagt Gewerkschaftsvertreter von Fintel.

    In der IT-Branche tun sich Gewerkschaften bislang schwer. Doch wenn es den Twitter-Mitarbeitern gelingt, ihre Interessen durchzusetzen, könnten sie damit ein Vorbild für die Mitarbeiter anderer Technologiekonzerne sein, hofft die Gewerkschaft. „Wir nehmen wahr, dass sich durch den Personalabbau in großen Technologieunternehmen die Haltung verändert“, sagt von Fintel.

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