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25.10.2022

18:06

Softwarehersteller

SAP trotzt der Wirtschaftskrise – und stellt steigende Gewinne in Aussicht

Von: Christof Kerkmann

Inflation und Konjunktursorgen verschaffen SAP Nachfrage: Viele Kunden wollen mithilfe des Softwareherstellers effizienter werden. Ein gutes Zeichen für Aktionäre.

Der Manager stellt für das kommende Jahr deutlich steigende Gewinne in Aussicht. via REUTERS

SAP-Chef Klein (Archiv)

Der Manager stellt für das kommende Jahr deutlich steigende Gewinne in Aussicht.

Düsseldorf Seit SAP vor zwei Jahren eine neue strategische Ausrichtung angekündigt hat, steht der Aktienkurs des Softwareherstellers unter Druck. Selbst das kräftige Wachstum des Cloudgeschäfts in den vergangenen Monaten, das die Strategie an sich bestätigte, konnte Aktionäre und Analysten nur bedingt überzeugen – sie forderten mehr Belege.

Vorstandssprecher Christian Klein hofft, dass nun ein „wichtiger Wendepunkt“ erreicht ist. Im dritten Quartal übertraf der Softwarehersteller sowohl mit Erlös als auch Umsatz im Cloudportfolio die Erwartungen der Finanzanalysten.

Es war die wichtigste Einnahmequelle. Nach der Veröffentlichung am Dienstag zog der Aktienkurs in der Spitze um sechs Prozent auf gut 97,30 Euro an, mehr als bei keinem anderen Mitglied der Dax 40.

Damit entfernte sich der Konzern wieder deutlich vom Jahrestief vor einigen Wochen. Michael Briest, Analyst bei der Schweizer Großbank USB, sieht in der Reaktion zum einen die Erleichterung der Aktionäre, dass SAP die makroökonomischen Probleme bewältigen könne. Sprich: Ukrainekrieg, Lieferkettenkrisen, Inflation, Rezession. Auf der anderen Seite steht die wachsende Zuversicht, dass der Softwarehersteller eine erfolgreiche „Cloud Company“ werde – der große Auftragsbestand sei eine Bestätigung.

Offen sei aber, wie profitabel der Konzern dauerhaft werde, betont der Marktbeobachter. Für einen weiteren deutlichen Kursanstieg dürfte das ein entscheidender Faktor sein. Das Allzeithoch liegt bei gut 140 Euro.

Von Rezession ist bei SAP in der Tat wenig zu spüren. In der Zeit von Anfang Juli bis Ende September wuchs das Geschäft mit Clouddiensten um 38 Prozent auf 3,29 Milliarden Euro, währungsbereinigt um 25 Prozent. Der Auftragseingang, Current Cloud Backlog genannt, entwickelte sich ähnlich stark und stand bei 11,27 Milliarden Euro. Der Umsatz letztlich legte um 15 Prozent auf 7,84 Milliarden Euro zu, währungsbereinigt um fünf Prozent.

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Bei allen Kennzahlen profitierte SAP von deutlichen Wechselkurseffekten: Die USA sind der wichtigste Markt für Unternehmenssoftware – die Umrechnung des aktuell starken Dollars in Euro fällt daher für den deutschen Konzern vorteilhaft aus.

Software für Nachhaltigkeit ist immer gefragter

Angesichts der hohen Inflation und schlechten wirtschaftlichen Aussichten kürzen zwar viele Unternehmen ihre Investitionen. Software ist indes krisenfest, wie das Marktforschungsunternehmen Gartner beobachtet.

Viele Organisationen wollen neue Produkte und Geschäftsmodelle einführen, aber auch Kosten senken und Prozesse effizienter machen. Auch andere Anbieter von Geschäftssoftware profitieren, so hat IBM vor einigen Tagen die Prognose angehoben.

Der Verkauf großer IT-Projekte sei in der Krise zwar anspruchsvoll, sagte Klein im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Unser Vorteil ist: Wir unterstützen die Kunden beim Umgang mit den dringendsten Anforderungen.“

SAP-Software wie das Kernprodukt S/4 Hana unterstütze die Einführung neuer Geschäftsmodelle, beispielsweise in der Energiebranche, der Chemieindustrie oder im Handel. Zudem verspricht der Konzern, mehr Transparenz in die Lieferketten zu bringen und so Störungen vorzubeugen. „Das ist ein wichtiges Argument, um in diese Software zu investieren.“

Zudem läuft rund zwei Jahre nach der Ankündigung das Geschäft mit Produkten für das Nachhaltigkeitsmanagement an, im Fachjargon ESG abgekürzt. Kunden sollen damit die Emissionen bei der Lieferung und Produktion erheben – im besten Fall in Echtzeit – und die Daten für die Steuerung verwenden können.

Geschäftszahlen zu ESG nennt SAP nicht. Im vergangenen Quartal sei bei zahlreichen Verträgen für das betriebswirtschaftliche System S/4 Hana zusätzlich eine Nachhaltigkeitslösung verkauft worden, berichtet Vorstandssprecher Klein. Große Kunden in Deutschland seien zum Beispiel Tetrapak und die Salzgitter AG.

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Es bleiben allerdings Risiken. „Unser Ausblick beruht auf der aktuellen Situation: Bei der hohen Inflation und dem Kostendruck ist unser Cloud-Portfolio sehr relevant“, sagt Klein. „Aber ich beobachte natürlich die zunehmenden geopolitischen Spannungen, beispielsweise zwischen China und den USA. Wenn mehr Konflikte hinzukommen, wird es für die Wirtschaft nicht leichter.“

Die Neuausrichtung belastet die Marge

Die Umstellung kommt SAP allerdings immer noch teuer zu stehen. Zum einen brach im dritten Quartal das hochprofitable Softwaregeschäft um 38 Prozent auf 406 Millionen Euro ein.

Immer mehr Unternehmen stellen auf Clouddienste mit monatlichen Gebühren um, um hohe einmalige Investitionen in geringere laufende Kosten umzuwandeln. Große Nachfrage nach Lizenzen verzeichne man nur noch im öffentlichen Sektor, berichtet Finanzchef Luka Mucic.

Zum anderen belasten die hohen Investitionen die Profitabilität. Das Betriebsergebnis sank auf 1,24 Milliarden Euro. Die bereinigte operative Marge, die SAP intern für die Steuerung verwendet, lag nach einem Minus von vier Prozentpunkten nun bei 26,7 Prozent.

Zudem senkte der Softwarehersteller den Ausblick für den freien Cashflow leicht – wegen Steuerzahlungen, aber auch wegen der hohen Investitionen.

Immerhin zeichnet sich eine Trendwende ab. Im Cloudgeschäft ist die Bruttomarge seit Jahresanfang gestiegen, im dritten Quartal auf knapp 70 Prozent. Der Softwarehersteller verweist auf Skaleneffekte: Je größer die Kundschaft, desto effizienter der Betrieb.

Allerdings ist noch viel zu tun. Mit Softwarelizenzen und -wartung etwa erwirtschaftet der IT-Konzern trotz des schrumpfenden Geschäfts eine Bruttomarge von 88 Prozent. „Wir haben immer noch eine finanzielle Belastung durch die Harmonisierung der Cloudinfrastruktur, trotzdem ist die Marge gestiegen – man sieht daran, wie das Geschäft skaliert“, sagt Klein. „Daher sind wir sehr zuversichtlich, dass der Gewinn ab nächstem Jahr wieder zweistellig wachsen wird.“

Analysten hoffen auf eine höhere Prognose

Bei der Ankündigung der neuen Strategie vor zwei Jahren war das ein zentrales Versprechen: Sobald das Cloudgeschäft die nötige Größe hat, steigt die Profitabilität – im besten Fall auf das Niveau früherer Zeiten.

Angesichts der Ankündigungen hoffen Analysten nun auf eine Anhebung des mittelfristigen Ausblicks. Klein will zunächst das vierte Quartal abwarten, das für den Softwarehersteller traditionell am wichtigsten ist: „Ich bin bei unserer Ambition für 2025 optimistisch.“ Bis Neuigkeiten dazu veröffentlicht werden, „kann es nicht mehr lange dauern“.

Schon die positive Reaktion auf die aktuellen Zahlen bedeutet für SAP-Chef Klein eine große Entlastung – angesichts der schwachen Kursentwicklung in den vergangenen 24 Monaten sind die Anleger und Analysten ungeduldig.

„Mir war immer wichtig, dass die Dinge zusammenkommen, dass die Strategie richtig ist“, sagt Klein, gibt aber auch zu: „Die Transformation war nicht immer einfach, auch für mich persönlich nicht.“

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