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15.11.2022

16:44

Softwarehersteller

Wie SAP den Fachkräftemangel in den IT-Abteilungen bekämpfen will

Von: Christof Kerkmann

Klicken statt coden: Mit einem neuen Programmpaket will SAP die Softwareentwicklung deutlich erleichtern. Auch Controller und Vertriebler sollen Apps bauen können.

Der Softwarekonzern plant einen Baukasten, der Programmieren in der IT erleichtern soll. dpa

SAP-Zentrale in Walldorf

Der Softwarekonzern plant einen Baukasten, der Programmieren in der IT erleichtern soll.

Düsseldorf Trotz der Wirtschaftskrise, trotz der Entlassungen bei großen Technologiekonzernen wie Meta und Amazon: IT-Spezialisten sind schon heute schwer zu bekommen – und in den nächsten Jahren dürfte das Problem noch deutlich größer werden. Der Marktforscher IDC schätzt, dass bis 2025 weltweit vier Millionen Softwareentwickler fehlen werden.

Geht es nach SAP, sollen Unternehmen in den eigenen Reihen neue Programmierer finden, zum Beispiel im Controlling, im Vertrieb oder im Kundenservice. Der Softwarehersteller hat am Dienstag auf der Entwicklerkonferenz „TechEd“ ein Programmpaket namens Build angekündigt, das die Softwareentwicklung deutlich vereinfachen und beschleunigen soll.

Anwender können damit über visuelle Elemente Apps erstellen, Geschäftsprozesse automatisieren und Webportale gestalten – auch ohne Informatikstudium. In der Branche wird dieses Prinzip unter den Begriffen „No Code“ und „Low Code“ zusammengefasst. „Wir wollen Endanwendern die Möglichkeit geben, Software zu erweitern“, gab Thomas Saueressig, der im SAP-Vorstand für die Produktentwicklung verantwortlich ist, die Devise aus.

SAP reagiert damit auf einen Trend: Die Softwareentwicklung aus dem Baukasten wird nach Einschätzung von Marktforschern zu einem zentralen Element der IT. Das Analysehaus Gartner schätzt, dass bis 2024 bereits zwei Drittel des Programmcodes aus dem Baukasten kommen. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei geschätzt rund 13,8 Milliarden Euro.

Die Konkurrenz ist indes groß. Neben Spezialisten wie Mendix und Appian bieten auch Technologiekonzerne Programmierbaukästen an, zum Beispiel Microsoft, Salesforce und Service Now. Zudem hoffen zahlreiche Start-ups, sich einen Teil des wachsenden Marktes zu sichern – einige mit dreistelligen Summen Risikokapital auf der Bank.

Chat statt lästiger Formulare

Einzelne Elemente des Programmpakets Build bietet SAP bereits seit einiger Zeit an, mehrere Tausend Kunden nutzen nach Konzernangaben diese Produkte, darunter Freudenberg, ein Unternehmen, das Zulieferer für Branchen wie Automobil-, Maschinenbau- und Textilindustrie ebenso wie den Reinigungsspezialisten Vileda zur Firmengruppe zählt.

Der Konzern hat mit der SAP-Technologie etwa eine App gebaut, um die Beantragung von Investitionen papierlos zu organisieren. Für bestimmte Einkäufe gibt es nun einen Chatbot, der die wichtigsten Daten automatisch abfragt und in Formulare überträgt.

Zudem seien viele „unschöne“ manuelle Prozesse mithilfe von Softwarerobotern automatisiert worden, berichtete Christine Grimm, die bei Freudenberg das digitale Technologiemanagement leitet.

Nun steht SAP für Standardsoftware, die Geschäftsprozesse effizient abbildet. „Die Realität ist aber, dass wir unseren Kunden Differenzierungen und schnelle Innovationszyklen ermöglichen müssen“, sagt Produktvorstand Saueressig. Das könne die IT-Abteilung aber nicht allein leisten – mit Build sollen die Fachabteilungen selbst losprogrammieren können.

Das Programm hilft SAP zudem, eine andere wichtige Produktfamilie zu vermarkten: Die Lösungen von Signavio – für knapp eine Milliarde Euro übernommen – visualisieren die Geschäftsprozesse in Organisationen. Build soll es erleichtern, diese zu verbessern oder gleich mit einem Bot zu automatisieren. Daher handle es sich um einen „strategischen Bestandteil“ des Portfolios, sagte Saueressig.

Der deutsche Softwarehersteller will sich durch eine enge Integration von Build in die SAP-Systeme abheben, inklusive IT-Sicherheit und Datenschutz: Die IT-Abteilung soll am Ende immer die Kontrolle behalten. Da es um geschäftskritische Prozesse gehe, wolle man sicherstellen, dass es keine Probleme gebe, sagte Saueressig.

Der Kostendruck ist hoch

Die Nachfrage nach solchen Programmierbaukästen dürfte aus Sicht des Managers weiter steigen. Erstens sind IT-Fachkräfte wie Programmierer, Softwarearchitekten und Data-Scientists schon seit Jahren rar. Trotz der Wirtschaftskrise, die auch große Technologieunternehmen trifft, dürfte sich das nicht grundsätzlich ändern.

Denn die IT muss zweitens derzeit viele Veränderungen der Wirtschaft abbilden. Individualisierte Software wird etwa eingesetzt, um einen neuen Onlineshop einzurichten, Geschäftsprozesse zu optimieren oder CO2-Emissionen zu messen.

Viel mehr Stellen wollen die Unternehmen, drittens, aber nicht schaffen. Der Kostendruck sei hoch, so Saueressig: „Kein Unternehmen will gerade signifikant zusätzlich investieren.“ Vermeintlich unwichtige Aufgaben rutschten daher in der Prioritätenliste nach unten – und würden spät oder womöglich nie umgesetzt.

Ein Ersatz für die klassische Softwareentwicklung sei Build aber nicht, betonte Saueressig. An Projekten dürfte es dort so schnell nicht ausgehen.

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