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06.10.2021

03:35

Soziale Netzwerke

Whistleblowerin vor US-Kongress: „Algorithmen von Facebook haben in realer Welt zu Gewalt geführt“

Von: Kevin Knitterscheidt

PremiumNur Facebook selbst entscheidet, was die Nutzer sehen, kritisiert Frances Haugen bei einer Anhörung. Facebook-CEO Zuckerberg weist die Kritik zurück.

Die ehemalige Mitarbeiterin des sozialen Netzwerks fordert mehr Transparenz von Facebook. Reuters

Frances Haugen

Die ehemalige Mitarbeiterin des sozialen Netzwerks fordert mehr Transparenz von Facebook.

Washington Die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen hat bei einer Anhörung vor dem US-Kongress am Dienstag schwere Vorwürfe gegen ihren früheren Arbeitgeber erhoben. Das Management des US-Tech-Konzerns wisse sehr genau um die schädlichen Einflüsse des sozialen Netzwerks auf die Gesellschaft, so die Whistleblowerin. „Doch Facebook hat sich in der Vergangenheit wiederholt gegen das Wohl der Gesellschaft und für mehr Profit entschieden.“

Die Anhörung folgte auf mehrere Enthüllungen durch das „Wall Street Journal“, in denen Facebook vorgeworfen wird, eigene Forschungsergebnisse über die Schädlichkeit des Netzwerks ignoriert und geheim gehalten zu haben, um wirtschaftliche Schäden durch eine Anpassung der eigenen Algorithmen zu vermeiden.

So soll der Mechanismus, mit dem die Software vermeintlich interessante Beiträge für die Nutzer auswählt, extreme Meinungen begünstigen, um die Interaktion zu verstärken.

„In meiner Zeit bei Facebook habe ich mehrfach erlebt, dass es zu Konflikten zwischen dem Wachstumsziel und der Sicherheit der Plattform gekommen ist“, erklärte Haugen, die vor ihrer Zeit bei Facebook auch für Google und Pinterest gearbeitet hatte. Besonderes Augenmerk legte das Anhörungskomitee dabei auch auf die Frage, wie Kinder und Jugendliche von den Funktionsweisen der Plattform beeinflusst werden.

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    Facebook-CEO Mark Zuckerberg wies die Kritik in einem Posting am Dienstagabend zurück. Der Vorwurf, das soziale Netzwerk würde Profite über die Sicherheit und das Wohl der Gesellschaft stellen, sei „schlicht nicht wahr“, schreibt Zuckerberg darin. „Das Argument, dass wir absichtlich Inhalte fördern, um Menschen für Geld wütend zu machen, ist zutiefst unlogisch“, so Zuckerberg.

    „Wir verdienen Geld mit Anzeigen und die Werbekunden sagen uns immer wieder, dass sie ihre Anzeigen nicht neben schädlichen oder wuterregenden Inhalten sehen wollen.“ Er kenne keinen Tech-Konzern, der Produkte herstelle, die Menschen wütend oder depressiv machten.


    Das sind die zentralen Vorwürfe gegen Facebook:

    1. Instagram schädigt die Psyche von Kindern und Jugendlichen

    Es ist ein Vorwurf, der in den USA in den vergangenen Wochen für besonders große Empörung gesorgt hat: Obwohl sich das Unternehmen darüber bewusst ist, dass sich die Funktionsweise der Fotoplattform Instagram schädlich auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen auswirkt und bei einer großen Zahl zu Selbstmordgedanken führt, habe das Management um Facebook-CEO Mark Zuckerberg nichts an derzeitigen Algorithmen geändert.

    Konkret ging es in der Anhörung dabei auch um die Frage, ob die Nutzung von Instagram vermehrt zu Essstörungen führen kann. So berichtete der Vorsitzende des Ausschusses, Senator Richard Blumenthal aus Kentucky, von einem Selbstversuch mit einem gefälschten Instagram-Account, der nach einiger Benutzung mit glorifizierenden Inhalten über Essstörungen geflutet wurde: „So können die Instagram-Algorithmen junge Menschen immer tiefer in dunklere Territorien hineinziehen.“

    2. Facebook belügt die Öffentlichkeit über Schutzmaßnahmen

    Als Ende 2019 eine Welle ethnischer Gewalt über Äthiopien hereinbrach, machten viele Beobachter schnell Falschmeldungen dafür verantwortlich, die über Facebook geteilt wurden. Zwar versucht das Netzwerk mithilfe von Künstlicher Intelligenz, problematische Inhalte von der Plattform zu entfernen. Doch ohne durchschlagenden Erfolg, wie Whistleblowerin Haugen nun erklärte: „Die Algorithmen sind nicht effektiv und filtern maximal zehn Prozent der problematischen Beiträge heraus.“

    Der Befund steht im Gegensatz zu früheren Aussagen von Facebook, in denen das Unternehmen stets erklärte, die automatische Entdeckung werde immer besser. Zudem, so Haugen, seien die Filtermechanismen derzeit nur für ausgewählte Sprachen verfügbar. „Die Algorithmen von Facebook haben in der realen Welt zu Gewalt geführt“, sagte die 37-Jährige. Häufig seien sich Regierungen nicht darüber bewusst, wie ineffektiv die von Facebook propagierten Sicherheitsmaßnahmen sind.

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    3. Facebook ist eine „moralisch bankrotte Organisation“

    Die Whistleblowerin hat wenig Hoffnung, dass Facebook seine Arbeitsweise aus eigenem Antrieb ändert. „Das Unternehmen ist eine sehr von Metriken getriebene Organisation, die Zahlen treffen die Entscheidungen“, so Haugen. Um einer strengeren Regulierung zu entgehen, lasse das Management die Öffentlichkeit glauben, die Probleme ließen sich nicht lösen. „Solange sich nicht die Anreizstrukturen in der Organisation ändern, wird sich auch Facebook nicht ändern.“

    Um die Probleme dennoch zu lösen, forderte Haugen den Aufbau einer Aufsichtsbehörde, die die Effektivität von Schutzmaßnahmen etwa gegen Falschinformationen überprüfe und bewerte. „Facebook hat sich unser Vertrauen nicht verdient“, so die Whistleblowerin, die zudem eine Anpassung der Plattformhaftung in der US-Gesetzgebung fordert. „Wir müssen Facebook verantwortlich machen für die Schäden, die die Algorithmen verursachen.“

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