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02.11.2021

10:06

Speicherchips

Chiphersteller Micron: 150 Milliarden Dollar an Investitionen – aber kein Werk in Europa

Von: Joachim Hofer

Vorstandschef Mehrotra schwärmt von München als Forschungs- und Vertriebsstandort. Fabriken bauen will er dort im Gegensatz zu Intel aber nicht.

Micron ist die Nummer drei unter den Speicherchip-Produzenten. Pressefoto

Micron-Zentrale

Micron ist die Nummer drei unter den Speicherchip-Produzenten.

München Es ist eine gewaltige Summe: 150 Milliarden Dollar will der Chipkonzern Micron in den nächsten zehn Jahren ausgeben – für neue Werke sowie für Forschung und Entwicklung. Europa wird davon aber nur am Rande profitieren. Zusätzliche Fabriken würden ausschließlich in Asien und Amerika entstehen, wo der US-Hersteller bereits vertreten sei, sagte Vorstandschef Sanjay Mehrotra dem Handelsblatt. Denn es sei wichtig, Größenvorteile zu nutzen, um so kosteneffizient wie möglich zu produzieren.

Für Europa sind das keine guten Nachrichten. EU-Kommissar Thierry Breton bemüht sich seit Monaten darum, große Chipkonzerne anzulocken. Ziel des Franzosen ist es, Europas Anteil an der weltweiten Halbleiterproduktion von zehn auf 20 Prozent zu verdoppeln. Breton will dafür sorgen, dass sich Europa weit stärker als bisher selbst mit Halbleitern versorgen kann. Denn die Industrie leidet schwer unter Lieferengpässen der Auftragsfertiger in Asien.

Dennoch sei Europa wichtig für Micron, erläuterte Mehrotra. „Hier sind wir in der Forschung stark.“ So beschäftige der Konzern allein in München 140 Mitarbeiter. „Ich bin stolz auf das Team“, unterstrich der 63-Jährige. Es habe in den vergangenen Jahren 800 Patente für Micron gesichert. In der bayerischen Landeshauptstadt arbeite Micron zudem eng mit dem Autobauer BMW zusammen.

Auch an anderer Stelle engagiere sich Micron in Deutschland: So habe sich der viertgrößte Chiphersteller der Welt am Lufttaxiproduzenten Volocopter beteiligt. Das Start-up aus Bruchsal entwickle eine Technologie, „die hochrelevant ist für uns“, so Mehrotra. Schließlich benötigten die Fluggeräte jede Menge Speicher.

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    Micron ist die Nummer drei unter den Speicherchip-Produzenten. Führend in dem Geschäft mit Speicherchips sind Samsung und SK Hynix aus Südkorea. Europa ist bei diesen wichtigen Bauelementen seit mehr als zehn Jahren komplett auf Lieferungen aus Übersee angewiesen. 2009 ging mit Qimonda der letzte einheimische Anbieter pleite. Wenige Jahre zuvor hatte der Dax-Konzern Infineon Qimonda abgespalten und an die Börse gebracht.

    Europa sei wichtig für Micron, sagt Mehrotra. „Hier sind wir in der Forschung stark.“ Pressefoto

    Micron-CEO Sanjay Mehrotra

    Europa sei wichtig für Micron, sagt Mehrotra. „Hier sind wir in der Forschung stark.“

    Dabei gewinnen Speicherchips immer mehr an Bedeutung. Vor 20 Jahren standen sie für lediglich ein Fünftel vom Umsatz der Halbleiterindustrie, inzwischen ist es mehr als ein Drittel, Tendenz steigend. Der Branchenverband WSTS geht davon aus, dass der Umsatz dieses Jahr um 37 Prozent klettern wird. Zum Vergleich: Der gesamte Markt wird der Prognose zufolge lediglich um gut 25 Prozent zulegen.

    Die Zahlen der Konzerne spiegeln den Boom wider: Im jüngsten, vierten Quartal des Geschäftsjahres ist der Umsatz von Micron um gut ein Drittel auf 8,3 Milliarden Dollar in die Höhe geschossen. Unterm Strich blieben rund 2,7 Milliarden Dollar übrig, fast dreimal so viel wie im Vorjahr. Beim Rivalen Hynix stiegen die Erlöse um 45 Prozent und der Gewinn um 206 Prozent.

    Micron produziert zwei Arten von Halbleitern: NAND-Chips speichern Daten, auch wenn das Gerät ausgeschaltet ist, wohingegen DRAM ein reiner Arbeitsspeicher ist. Mit DRAM erwirtschafteten die Amerikaner zuletzt knapp drei Viertel des Umsatzes.

    In der Vergangenheit waren die Speicherchip-Produzenten abhängig vom Geschäft mit PCs und Notebooks. Inzwischen sind die Betreiber von Rechenzentren die größten Kunden. Aber auch die Autobranche nimmt immer mehr Bauelemente ab. Und mit dem Internet der Dinge werden Maschinen in den Firmen vernetzt, mit dem sogenannten Smarthome wird auch der Haushalt digitalisiert. An vielen Stellen, an denen bislang keine Speicherchips genützt würden, seien sie bald unerlässlich, so das Kalkül der Hersteller.

    Mehrotra geht daher davon aus, dass die Speicherchips ihre beste Zeit noch vor sich haben: „Das Speichergeschäft wird schneller wachsen als der Rest der Industrie“, verspricht der Manager. Daher sei er auch zuversichtlich, dass sich die hohen Investitionen auszahlen.

    Grafik

    Das Geschäft mit Speicherchips ist enorm kapitalintensiv. Im laufenden Geschäftsjahr werde Micron zwischen elf und zwölf Milliarden Dollar in neue Maschinen und Fabriken investieren, so Mehrotra. Zum Vergleich: In dem am 2. September beendeten vergangenen Geschäftsjahr erzielte das Unternehmen 27,7 Milliarden Dollar Umsatz.

    Die riesigen Investitionen sorgten über die Jahre für eine gnadenlose Auslese bei den Speicherchip-Anbietern. 1990 existierten dem deutschen Elektronikverband ZVEI zufolge weltweit noch 31 Konkurrenten. Zehn Jahre später blieben nur noch 17 übrig. 2010 schließlich schrumpfte die Zahl der Wettbewerber auf 15. Europa war damals schon von der Landkarte der Speicherchip-Produzenten verschwunden. Inzwischen sind es nur noch vier: Samsung und Hynix, Kioxia aus Japan und eben Micron aus dem US-Bundesstaat Idaho.

    Micron will Zuschüsse für Fabriken in den USA

    „Wir sind der einzige Produzent von Arbeitsspeichern und Datenspeichern in der westlichen Hemisphäre“, betonte Mehrotra. Von der US-Regierung forderte der Manager zuletzt massive Subventionen, um in Amerika investieren zu können. Denn die Kosten in den USA seien um bis zu 45 Prozent höher als in Asien. US-Präsident Joe Biden will die Chipbranche mit mehr als 50 Milliarden Dollar unterstützen, um das Land angesichts der seit Monaten andauernden Lieferengpässe stärker selbst mit den Bauteilen zu versorgen. Das Repräsentantenhaus hat den Plänen aber noch nicht zugestimmt.

    Auch die EU ist bereit, Milliarden an Staatsgeldern in neue Halbleiterfabriken zu stecken. Von den führenden Chipherstellern zeigt aber lediglich Weltmarktführer Intel Interesse daran, mithilfe der öffentlichen Hand in Europa zu investieren. Intel produziert Prozessoren, sie sind das Gehirn eines jeden Rechners. Seit Monaten feilscht der neue Intel-Chef Pat Gelsinger mit den nationalen Regierungen und der EU um die Höhe des Zuschusses. Eine Entscheidung soll nach dem Willen des Amerikaners bis Jahresende fallen.

    Micron-Chef Mehrotra plant derweil, Anfang nächsten Jahres nach Deutschland zu reisen. Subventionen will er hier keine, dafür aber Aufträge. Vor allem das aufstrebende Geschäft mit der Autoindustrie sei attraktiv, meint der Manager, zu seinen Kunden zählen Konzerne wie BMW, Daimler und Continental.

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