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14.01.2022

16:03

Start-ups

„Das Potenzial im Rechtsmarkt ist riesig” – Warum Google in ein deutsches Start-up investiert

Von: Melanie Raidl

Die Software des Start-ups Legal OS automatisiert die Vertragserstellung und zieht so prominente Investoren an. Das Geschäftsmodell hat Potenzial, ist aber umstritten.

Das Team von Legal OS: Charlotte Kufus, Lilian Breidenbach und Jacob Jones. LegalOS

Legal OS

Das Team von Legal OS: Charlotte Kufus, Lilian Breidenbach und Jacob Jones.

Düsseldorf Bevor ein neuer Gesellschaftervertrag aufgesetzt ist, müssen Anwälte oft unter hohem Aufwand bestehende Klauseln in vorherigen Dokumenten recherchieren. Unternehmerin Lilian Breidenbach bietet dafür Lösungen an: Ihre Software erstellt Verträge automatisch. „Im Kern ist es eine Regelmaschine, mit der Rechtsexperten ihre Dokumente mit höchster Präzision zusammenstellen können“, erklärt die Gründerin von Legal OS. 

In einer zweiten Finanzierungsrunde hat das Start-up nun umgerechnet 6,1 Millionen Euro Risikokapital eingesammelt. Angeführt wird die Runde von Googles KI-Fund Gradient Ventures sowie der Investorengruppe „10x“ aus München. Ein zweites Mal beteiligt haben sich auch die Kapitalgesellschaft HV Ventures und Frühphasengeldgeber Speedinvest.

„Wir glauben, dass Künstliche Intelligenz der Treiber jeder Innovation ist“, sagt Darian Shirazi, Partner bei Gradient Ventures. Das Potenzial im Rechtsmarkt sei noch riesig, da er erst wenig digitalisiert sei.

Laut einer Gartner-Untersuchung haben Kanzleien 2020 vier Prozent ihrer internen Budgets in Rechtstechnologie investiert, 2017 waren es nur 2,6 Prozent. Gartner prognostiziert jedoch , dass die Ausgaben bis 2025 auf etwa zwölf Prozent steigen werden. Davon wollen Legal Techs profitieren, wie sich die Start-ups im Bereich Recht nennen. Ein Beispiel ist das Berliner Start-up-Bryter, das bisher 90 Millionen US-Dollar eingesammelt hat.

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    Weltweit haben Legal Techs laut der Datenbank Crunchbase im vergangenen Jahr eine Milliarde Dollar eingesammelt – im Vergleich mit anderen Branchen ein noch geringes Volumen.

    Geld vor allem für die US-Expansion

    Christian Duve, Juraprofessor an der Universität Heidelberg, Anwalt und Angel-Investor, sieht Digitalisierungspotenzial im Rechtsmarkt: „Die bisherige Entwicklung zeigt, dass Legal Techs ihren Platz im Markt finden und sich ihre Bedeutung immer weiter vergrößern wird.“

    Legal OS hat sich auf die Dokumentenerstellung per No-Code-Verfahren spezialisiert. Für komplexe Abläufe bedeutet das Erleichterung: Das Tool stellt den Anwendern Fragen und baut aus den Antworten automatisch ein individuelles Dokument. Die Software wird dabei immer nützlicher, je häufiger Anwender damit arbeiten. Am Anfang werden die Regeln und Spezifikationen umfassend definiert. Daraus ergeben sich die Daten, die einen rechtskonformen Vertrag bauen können, sagt Breidenbach. Die Idee sei, repetitive Arbeit für Kunden aus dem Rechtsbereich zu verringern.

    Zu den Kunden von Legal OS zählen Unternehmen wie der Transportkonzern Alstom und Kanzleien wie Lambsdorff in Berlin. Mittelfristig plant das Start-up auch eine vorgefertigte Version für Nichtjuristen.

    Gründerin Breidenbach hat Anthropologie und Informatik studiert und bereits bei anderen Start-ups gearbeitet. Ihre Mitgründer Charlotte Kufus und Jacob Jones kommen aus der Psychologie beziehungsweise Wirtschaftsberatung.  Inspirationsquelle war Breidenbachs Vater: Der  Jura-Professor beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Digitalisierung des Rechts. „Was uns alle drei fasziniert hat, war, dass Recht ein Riesenmarkt ist, zum größten Teil aber noch mit Handarbeit bewältigt wird“, sagt Breidenbach.  

    Software kann nicht alles ersetzen

    Da jeder Rechtsexperte das System von Legal OS mit seinen eigenen Regeln füttern könne, sei die Software überall anwendbar –unabhängig vom Land. Das Geld aus der Finanzierungsrunde will das Unternehmen mit inzwischen 25 Mitarbeitern unter anderem für die US-Expansion nutzen „Die Use Cases, die wir bis jetzt hatten, waren nicht nur deutsche, sondern hatten auch internationale Bezüge, besonders im Transaktionsbereich.“ 

    Nicht alle Juristen sehen die Automatisierung positiv: Die Hanseatische Rechtsanwaltskammer hat 2021 gegen den Vertragsgenerator „Smartlaw“ des juristischen Fachverlags Wolters Kluwer geklagt: Nur Anwälte selbst könnten rechtliche Prüfungen durchführen. Der Bundesgerichtshof entschied aber, dass „Smartlaw“ weiter mit den Daten der Nutzer etwa Kauf- und Mietverträge erstellen darf.

    „Uns freut es, dass durch solche Urteile Rahmenbedingungen geschaffen werden und sich gleichzeitig die Industrie weiterentwickelt“, erklärt Breidenbach. Bei Legal OS achteten sie und ihr Team darauf, das Tool immer auf dem aktuellen Stand der Rechtsprechung zu halten.

    Vor allem bei komplexen Fällen sei es aber wichtig, auch mit einem Anwalt oder einer Anwältin zu sprechen, gibt Jurist und Start-up-Verfechter Duve zu: „Jene Firmen, die Vertragsgeneratoren anbieten, sollten immer darauf hinweisen, dass man für individuelle Themen noch eine zusätzliche Beratung braucht.“ Dort gäbe es noch Verbesserungsbedarf.

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