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03.01.2022

12:31

Start-ups

„Nicht schnelles Geld machen, sondern Unternehmen aufbauen” – Fonds gegen den Ausverkauf von Gründungen

Von: Hans-Jürgen Jakobs

Drei von vier Start-ups gehen bei größeren Deals ins Ausland. High-Tech Gründerfondschef von Frankenberg und Berater Simon wollen mit Kapital von Dynastien gegenhalten.

Der Chef des High-Tech-Gründerfonds fordert deutsche Industrieunternehmen auf, sich an hoffnungsvollen Start-ups zu beteiligen, damit sie nicht ins Ausland verkauft werden. HHL

Alex von Frankenberg

Der Chef des High-Tech-Gründerfonds fordert deutsche Industrieunternehmen auf, sich an hoffnungsvollen Start-ups zu beteiligen, damit sie nicht ins Ausland verkauft werden.

Bonn Seit 21 Jahren ist Alex von Frankenberg bei deutschen Start-ups aktiv, ein Veteran der Szene. Insbesondere als Geschäftsführer des halbstaatlichen High-Tech Gründerfonds (HTGF) in Bonn hat er seit 2005 tiefe Einblicke gewonnen.

Nun beklagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt ein „klares Missverhältnis“, wenn es um Verkäufe der von ihm geförderten deutschen Jungunternehmen geht: Zwar blieben bei kleineren Deals unter 20 Millionen Euro zwei Drittel in Deutschland, das sei löblich. Bei größeren Transaktionen hingegen gingen 75 Prozent ins Ausland, oft in die USA. Innovation, Know-how und Talent drohten so abzuwandern, eine Gefahr für den Standort Deutschland.

„Die deutsche Industrie sollte auch in solchen Fällen die Chancen sehen, die damit verbunden sind – und den Mut haben zuzugreifen“, regt Frankenberg an. Der Appell gegen den Ausverkauf der eigenen Gründerwirtschaft richtet sich mittelbar auch an jene 28 privaten Unternehmen, die bei seinem Beteiligungsfonds mitmachen, von A wie Altana bis W wie Werhahn.

Haupttreiber sind dort das Bundeswirtschaftsministerium und die öffentliche KfW-Bankengruppe. Wurden bisher in drei Fonds mehr als 890 Millionen Euro gesammelt, so soll der derzeit bis Juni 2022 offerierte vierte Fonds die Rekordsumme von 400 Millionen einbringen.

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    Der Beraterprofi und Bestsellerautor Hermann Simon, der das Phänomen der „Hidden Champions“ entdeckt hat, bedauert im Handelsblatt-Doppelinterview, dass viele der erfolgreichen Start-ups ins Ausland verkauft werden: „Für mich ist unverständlich, dass die großen strategischen Investoren aus Deutschland nicht noch stärker ins Start-up-Geschäft gehen. Firmen wie Siemens oder Linde haben doch genügend liquide Mittel. Am Geld kann es nicht liegen.“

    „Der Gründer geht dann nach Hause, zur Frau oder zu den Eltern, und die sagen: Verkaufen!“

    Der Mitgründer der Bonner Beratungsfirma Simon-Kucher kritisiert, dass „wir die Grundlagenforschung machen und dann die PS nicht auf die Straße bringen“. Das läge auch am fehlenden unternehmerischen Geschick einzelner Professoren, die zwar geniale Ideen hätten, aber die Vermarktung dann anderen überließen, oft US-Konzernen. Er nennt die Entwicklung von Chips am Bonner Forschungsinstitut für Diskrete Mathematik sowie die neuronalen Netze des einst in München lehrenden Professors Jürgen Schmidhuber.

    Professor Simon weiter: „Wir brauchen Unternehmertypen, die nicht das schnelle Geld machen wollen, sondern die Unternehmen aufbauen. Warum verkaufen die eigentlich mit 35?“

    Talentierte Gründer bekämen oft gute Angebote für ihre Firmen, erklärt Gründerfonds-Chef Frankenberg: „Dann ist die Versuchung groß und das Sicherheitsbedürfnis hoch. Wenn die Zahl über fünf Millionen Euro liegt, wackelt es. Der Gründer geht dann nach Hause, zur Frau oder zu den Eltern, und die sagen: Verkaufen!“

    Es gehe auch um „falsche Bescheidenheit“, hat er beobachtet: „Man will nicht der gierige Kapitalist sein, der 100 Millionen auf dem Konto hat. Anders als Amerikaner wollen wir nicht die Welt erobern und allen sagen, dass wir die Größten sind.“

    Elementar wichtig sei es, wie Facebook, Google, Apple, Amazon und Microsoft ein eigenes Ökosystem zu schaffen, fährt Frankenberg fort. Solche Unternehmen könnten bei Übernahmen „spielend leicht ganz andere Beträge einsetzen“. In Deutschland sei es bisher nur SAP und vielleicht noch Zalando und dem Münchener Softwareunternehmen Celonis gelungen, ein eigenes Ökosystem zu schaffen. Alle Hoffnung ruht nun auf dem Impfstoffhersteller Biontech in Mainz, der „einen Nukleus für eine ganze Industrie konstruieren“ könne.

    Frankenberg legt die Latte hoch: „Uns muss es gelingen, aus unseren innovativen Start-ups große, führende Unternehmen zu entwickeln – um damit Multiplikatoreffekte zu erzielen. Am Ende kommt es auf die lokale Wertschöpfung und die lokalen Arbeitsplätze an.“ Er merkt zudem an, dass strategische sowie Private-Equity-Investoren in Start-ups investieren: „Das ist vor allem ein amerikanisches, weniger ein europäisches oder deutsches Geschäft.“

    Mit ihrer hohen Börsenbewertung und ihrer technologischen Kompetenz hätten US-Unternehmen nun mal ganz andere Hebel und könnten bei Übernahmen viel mehr zahlen, analysiert Professor Simon: „Die akquirierten deutschen Firmen wandern anschließend vielleicht nicht ab, aber der Herr sitzt anderswo.“ Der Senior-Berater weiter: „In der digitalen Welt mit ihren Skalen- und Netzwerkeffekten gibt es nur noch ganz wenige Gewinner. Die sind dann aber so profitabel, dass sie alles machen können.

    Die Top Five der USA geben mehr Geld für Forschung und Entwicklung aus als alle deutschen Unternehmen zusammen.“ Ein großes Minusthema sei der im Vergleich zu den USA unterentwickelte deutsche und europäische Kapitalmarkt: Firmen wie Biontech oder Curevac mussten an die Nasdaq in New York gehen, weil sie dort dreimal so viel Geld erhalten.

    Start-ups brauchen das „geduldige“ Geld deutscher Family-Offices

    Der Staat habe das Problem erkannt, dass Deutschland keine funktionierende Börse habe, kommentiert Frankenberg. Der normale Mensch stecke sein Geld nun mal in Immobilien oder aufs Sparkonto, aber kaum in Aktien. Das Idealbild des HTGF-Chefs ist, dass ein Gründer und CEO mit dem „geduldigen“ Geld deutscher Family-Offices an die deutsche Börse geht und danach noch 20 Jahre mit „Power“ an der Spitze bleibt.

    So ein Werdegang schwebte ihm offenbar für das Bonner Software-Start-up LeanIX vor, Gründer André Christ war immerhin mal Praktikant beim Gründerfonds. Doch der LeanIX-Chef holte 2020 internationale Geldgeber wie Goldman Sachs ins Unternehmen. Als Positivbeispiel nennt Frankenberg das Frankfurter Start-up Emma, das weltweit sehr erfolgreich online Matratzen verkauft. Inzwischen bringen die beiden Gründer Start-up-Kultur ins Familienunternehmen Haniel, das die Mehrheit der Anteile erworben hat. Die Haniels zählen auch zu den Financiers des HTGF.

    Insgesamt seien bisher elf Jungfirmen an solche „Freunde“ des Netzwerks verkauft worden, in zwei Fällen an Bosch.

    Unter dem Strich schaut Gründerfonds-Chef Frankenberg auf „16 Jahre positiven Aufschwung der Gründerszene“ zurück, getrieben durch Fördergelder, Industrie, Fonds und Pioniere: „Dieser Aufschwung wird sich fortsetzen.“ Sein Fonds beteiligt sich anfangs mit jeweils einer Million Euro, in weiteren Runden kann diese Seed-Finanzierung um je zwei Millionen Euro aufgestockt werden.

    150 Exits gab es bei den bis dato 650 durch den HTGF geförderten Unternehmen, neulich verkaufte man beispielsweise eine Firma an Cisco. 2021 sei es auch dreimal zu Börsengängen gekommen, mit dabei ist das Optikunternehmen Mister Spex, an dem sich der HTGF bereits 2008 beteiligt hatte. Die lange Haltedauer der eigenen Investments – im Durchschnitt acht bis zehn Jahre – zahlt auf Frankenbergs großen Anspruch ein: „Wir sind eine Plattform für die Industrie.“

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