Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

13.05.2022

04:12

Start-ups

Trade Republic, N26, Gorillas: Deutsche Einhörner kommen bei Investorensuche auf den Prüfstand

Von: Larissa Holzki, Arno Schütze, Dennis Schwarz

Lange ging es bei den Start-up-Bewertungen immer nur steil aufwärts. Plötzlich zweifeln die Investoren: In den nächsten Wochen könnte es für einige Firmen sogar abwärtsgehen.

N26 und Trade Republic stoßen bei der Investorensuche offenbar auf Schwierigkeiten. Bei Wefox sind die Aussichten auf frisches Geld dagegen gut. Laif, akg-images, Trade Republic [M]

N26-Gründer Valentin Stalf, Wefox-Gründer Julian Teicke, Trade-Republic-Gründer Christian Hecker (v.l.)

N26 und Trade Republic stoßen bei der Investorensuche offenbar auf Schwierigkeiten. Bei Wefox sind die Aussichten auf frisches Geld dagegen gut.

Düsseldorf, Frankfurt Gleich mehrere deutsche Milliarden-Start-ups erfahren in ihren Finanzierungsrunden offenbar Schwierigkeiten. Aus dem Umfeld der Firmen und Investoren ist zu hören, dass das Fundraising bei Trade Republic, N26 und Gorillas nicht nach Plan laufe. In der derzeitigen Marktsituation fällt es diesen Firmen nun zur Last, dass Bewertungen zuletzt oft mehr vom allgemeinen Hype um Technologie-Aktien anstatt von fundamentalen Kennzahlen getrieben waren.

In Start-up-Kreisen geht bereits die Angst vor „Flat Rounds“ oder sogar „Down Rounds“ um. Gemeint sind Finanzierungsrunden, bei denen die Firmenbewertung nicht weiter steigt oder gar sinkt. Das heißt: Beteiligungsgesellschaften müssen gegebenenfalls abschreiben. Beteiligte Mitarbeiter verlieren oft Geld. Vor allem senden Abwertungen ein äußerst schlechtes Signal in den Markt.

Betroffen sind auch Firmen, die gerade noch besonders begehrt waren. Darunter mehrere der deutschen Einhörner, also Start-ups mit Bewertungen über einer Milliarde Dollar. Denn die Verunsicherung auf Investorenseite ist groß: „Es ist echt frustrierend, dass selbst die namhaftesten Investoren stimmungsgetrieben agieren“, sagt ein Berliner Investor. „Anstatt die fundamentalen Kennzahlen anzuschauen, verhalten sie sich wie die Lemminge.“

Vor allem zu drei Firmen werden Summen und Namen kolportiert. Zu aktuellen Verhandlungen und Zahlen wollen sich die Unternehmen auf Anfrage nicht konkret äußern.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    1. Der Fall Trade Republic

    Der Neobroker aus Berlin konnte vor ziemlich genau einem Jahr 740 Millionen Euro einsammeln und war mit einer Bewertung von 4,3 Milliarden Euro vorübergehend das wertvollste Start-up in Deutschland. Und nicht nur das: Nach Star-Investor Peter Thiel stieg bei dem Finanztechnologie-Start-up (Fintech) 2021 auch noch der renommierte US-Fonds Sequoia ein. Mit Doug Leone platzierte der Fonds einen seiner Chefs im Verwaltungsrat.

    Doch sosehr der rasante Aufstieg des Neobrokers vom neuen Hype um Aktien, Fonds und Sparpläne in der Coronapandemie befeuert wurde, so sehr drücken die Kurseinbrüche von Technologieaktien der vergangenen Monate die Stimmung.

    Operativ läuft es für Trade Republic zwar weiter gut, heißt es aus dem Umfeld des Unternehmens. Auch wenn die Zahl der Neukunden nicht mehr so schnell steige wie im vergangenen Jahr, sei das Wachstum ordentlich. Die Kundenakquise sei verhältnismäßig günstig. Und die Internationalisierung laufe „in den meisten Ländern“ sehr gut.

    Bisher ist es trotz solider Ergebnisse nicht gelungen, neue Investoren zu gewinnen. Andreas Pein/laif

    Trade-Republic-Gründer Thomas Pischke, Christian Hecker und Marco Cancellieri (v.l.)

    Bisher ist es trotz solider Ergebnisse nicht gelungen, neue Investoren zu gewinnen.

    Doch bislang ist es Trade-Republic-Chef Christian Hecker nicht gelungen, mit diesen Ergebnissen neue Investoren zu gewinnen. Ende Februar oder Anfang März soll er mit dem Fundraising begonnen haben. Mitte Mai wird noch immer kein Vollzug gemeldet. Das ist überraschend bei einer Firma, bei der kürzlich noch Investoren einfach vor der Tür gestanden haben sollen, wenn ihnen keine Einladung erteilt wurde.

    Gerüchte um eine kurz bevorstehende Finanzierungsrunde kursierten schon: Demnach sollte der kanadische Lehrer-Pensionsfonds OTPP eine neue Finanzierungsrunde anführen. Mit der Sache vertraute Personen nannten eine Summe von etwa 300 Millionen Dollar.

    Doch jetzt steht laut mit der Sache vertrauten Personen wieder alles auf der Kippe. Den Kanadiern sollen Zweifel gekommen sein. Das veränderte Marktumfeld hat neue Überlegungen hervorgebracht. Gegenüber dem Handelsblatt wollten sich OTPP und Trade Republic nicht äußern.

    2. Der Fall N26

    Als die Berliner Neobank im Oktober ihre neue Bewertung von rund acht Milliarden Euro verkündete, sorgte das bereits für Stirnrunzeln bei einigen Experten. Schließlich hatte es wochenlang nur schlechte Nachrichten um die Firma gegeben. Unter anderem wegen Problemen bei der Geldwäscheprävention und Compliance steht die Smartphonebank unter strenger Beobachtung der Finanzaufsicht Bafin.

    Die hohe Bewertung und eine Finanzierungsrunde über 700 Millionen Euro passten nicht recht zusammen mit der Problemlage. Inzwischen wird jedoch immer klarer, warum die US-Investoren Third Point Ventures und Coatue sich darauf eingelassen haben. Man hat neuen Investoren damals wohl besonders gute Konditionen angeboten.

    In Finanzkreisen ist von Liquidations-Präferenzen die Rede. Bei solchen Konstruktionen bekommen die begünstigten Investoren in einem Liquidationsfall – also beim Firmenverkauf oder beim Börsengang – zunächst eine fix ausgehandelte Rendite auf ihre Investition. Erst danach wird das verbleibende Geld unter allen Investoren, Mitarbeitern und Gründern aufgeteilt.

    Konkret haben die Investoren der letzten Runde Finanzkreisen zufolge eine Mindestverzinsung zugesichert bekommen von entweder dem 1,5-Fachen ihres Investments oder 25 Prozent jährliche Rendite (IRR). Daraufhin waren sie gewillt, zu einer höheren Bewertung zu investieren. Für frühe Investoren und Mitarbeiter bedeutet das, dass sie erst als Zweites an die Reihe kommen. Allerdings gibt es andererseits gewisse Bewertungsgrenzen, bei deren Überschreiten die Liquidations-Präferenzen wegfallen.

    Unter anderem wegen Problemen bei der Geldwäscheprävention und Compliance steht die Smartphonebank unter strenger Beobachtung der Finanzaufsicht Bafin. Philipp Spalek/laif

    N26-Gründer Valentin Stalf

    Unter anderem wegen Problemen bei der Geldwäscheprävention und Compliance steht die Smartphonebank unter strenger Beobachtung der Finanzaufsicht Bafin.

    Nun heißt es aus dem Markt, potenzielle neue Kapitalgeber wollten ebenfalls solche Strukturen. Eigner der frühen Stunde müssen überlegen, was sie angesichts der gefallenen Tech-Bewertungen zu gewähren bereit sind.

    In vielen anderen Fällen sollen Neu-Investoren versuchen, sich ähnlich wie die N26-Investoren gegen Verluste abzusichern (im Start-up-Sprech: „Downside protection"). Firmen, die das Geld noch nicht dringend brauchen, erwägen deshalb, auch vorzeitig auf eine Erweiterung des Investorenkreises zu verzichten.

    Eine N26-Sprecherin teilte auf Anfrage mit, dass sie sich zu Gesprächen mit Investoren grundsätzlich nicht äußern. „Wir möchten aber darauf hinweisen, dass N26 durch die letzte Finanzierungsrunde im Oktober 2021 mit 900 Millionen US-Dollar hervorragend durchfinanziert ist", so die Sprecherin. Derzeit befände sich N26 nicht in einer Finanzierungsrunde.

    3. Der Fall Gorillas

    Der Berliner Expresslieferdienst für Supermarktprodukte zählt zu den schnellsten Einhörnern der Republik. Nur neun Monate nach der Gründung 2020 wurde die Firma von Kagan Sümer mit einer Milliarde Dollar bewertet. Inzwischen soll die Bewertung nach Handelsblatt-Informationen bei drei Milliarden Dollar liegen. Tendenz: Dabei bleibt es auch erst mal. Ein Gorillas-Sprecher sagte dazu, man werde die aktuelle Runde nicht vor dem Abschluss kommentieren.

    Noch Anfang des Jahres hatte Sümer in einem Interview gesagt, dass er sich für die nächste Finanzierungsrunde mindestens 630 Millionen Euro erhofft. Nun heißt es von mit der Sache vertrauten Personen, dass bei der von JP Morgan koordinierten Finanzierungsrunde wohl eher nur 200 Millionen Euro herausspringen könnten zu einer stabilen Bewertung - sprich eine Flat Round. Das Unternehmen sowie die Investmentbank lehnten Stellungnahmen ab.

    4. Das Gegenbeispiel Wefox

    Der Berliner Versicherer Wefox könnte allerdings schon in wenigen Tagen oder Wochen den Beweis liefern, dass Start-ups mit sehr gut laufendem Geschäft weiter viel Geld bekommen und ihre Bewertungen dabei deutlich steigern können.

    Die Nachfrage sei stark, Firmenchef Julian Teicke habe mit weiteren prominenten Investoren gesprochen, sagten mit der Finanzierungsrunde vertraute Personen. Es sei aber unklar, ob sie in dieser Runde bereits zum Zug kämen. In einem Interview mit dem Handelsblatt hatte Teicke Anfang April gesagt, dass er trotz der Marktumstände deutlich höhere Bewertungsangebote erhalte als im vergangenen Jahr.

    Bei der jüngsten Finanzierungsrunde im Sommer 2021 war der Digitalversicherer mit drei Milliarden Dollar bewertet worden, „Post-Money", also inklusive der neuen Mittel.

    In Unternehmenskreisen geht man davon aus, dass die Neu-Investoren sich nun auf „Pre-Money“-Bewertung von gut sechs Milliarden Dollar und damit auf mehr als eine Verdopplung der Bewertung einigen werden. Dazu addiert sich dann noch die Finanzierungssumme.

    Wefox hat die Informationen auf Handelsblatt-Anfrage nicht bestätigt. Ein Sprecher sagte, regelmäßige Gespräche mit Investoren und Partnern gehörten bei Wefox wie bei allen wachstumsstarken Scale-ups zum Tagesgeschäft.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×