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07.12.2022

06:00

State of European Tech

Start-ups erhalten weniger Wagniskapital – Frankreich hängt Deutschland ab

Von: Nadine Schimroszik

Investitionen in deutsche Start-ups brechen ein, während französische Jungfirmen mehr Geld einsammeln. Börsengänge gibt es fast keine mehr.

Paris und Berlin: Duell der Start-up-Metropolen in der EU Imago, AP, Getty

Deutschland versus Frankreich

Frankreich hat Deutschland erstmals seit Jahren beim Wagniskapital geschlagen. Französische Start-ups erhalten mehr Geld.

Berlin Start-ups in Deutschland stehen seit Beginn des Ukrainekriegs und Ausbruch der Wirtschaftskrise stärker unter Druck als ihre französischen Pendants. Die Gesamtsumme der Investitionen fiel 2022 erstmals seit Jahren niedriger aus als im europäischen Nachbarland. Das geht aus dem jährlichen Bericht des Londoner Risikokapitalgebers Atomico zum Zustand der europäischen Start-up-Szene hervor.

Demnach wurden in diesem Jahr etwa 10,8 Milliarden Dollar in deutsche Jungfirmen investiert, während französische 14,6 Milliarden Dollar erhielten. Diese Summe wurde nur von britischen Start-ups übertroffen, die nach den Berechnungen von Atomico auf 27,9 Milliarden Dollar kamen.

Die französischen Start-ups erhielten damit 17 Prozent mehr Wagniskapital als im Vorjahr, in dem infolge der Nullzinspolitik und des Corona-Booms in nahezu allen anderen europäischen Ländern mehr Geld als je zuvor geflossen war und Einhörner im Rekordtempo entstanden waren.

Gründe für das ungewöhnliche Abschneiden der französischen Start-ups liefert der Bericht kaum. Als eine Erklärung könnte herhalten, dass es französischen Fonds in diesem Jahr gelang, mehr Wagniskapital – im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt und zur Bevölkerung – einzusammeln als deutschen.

Darüber hinaus ist der Anteil junger Gründer im Nachbarland höher als hierzulande, aber auch als in Großbritannien, den Niederlanden oder Spanien. Die Gründerin der französischen Emissions-Tracking-Plattform Sweep, Rachel Delacour, macht die Start-up-freundliche Politik des französischen Präsidenten Emmanuel Macron für die Fortschritte verantwortlich. Dazu gehöre auch die Einführung der Technologie-Visa in Frankreich, die es erleichterten, Talente anzulocken.

Grafik

In Deutschland ist das investierte Wagniskapital im Vergleich zum Vorjahr dagegen um 43 Prozent eingebrochen – sogar noch stärker als in Großbritannien. Das merkten die meisten Start-ups in den Verhandlungen mit ihren Investoren deutlich. Viele junge Unternehmen versuchen nun, länger mit dem bereits eingesammelten Kapital auszukommen.

Investitionsrekord von 2021 unerreichbar

Der im vergangenen Jahr europaweit erzielte Investitionsrekord von mehr als 100 Milliarden Dollar bleibt dieses Jahr unangetastet. Angesichts des makroökonomischen Gegenwinds werde damit gerechnet, dass in diesem Jahr knapp 85 Milliarden Dollar in Start-ups investiert werden, hieß es im Bericht „State of European Tech“, der auf Daten aus 41 europäischen Ländern sowie einer umfangreichen Umfrage basiert.

Auch die Zahl der neuen Einhörner ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesunken: Während dieses Jahr 31 Start-ups mit einer Firmenbewertung von mehr als einer Milliarde Dollar hinzukamen, waren es 2021 noch 105 gewesen. Insgesamt zählt Europa damit 352 sogenannte Einhörner – darunter Flix und Celonis aus München oder Trade Republic aus Berlin.

Stillstand bei Börsengängen

Nach langem Boom herrschte in diesem Jahr auch eine Flaute an den Kapitalmärkten. Angesichts der Abwertung der Technologiewerte an den Börsen und der großen Unsicherheit gab es kaum noch Börsengänge. Von Januar bis Dezember wagten in der Techbranche in Europa nur zwei Firmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar den Gang aufs Parkett. Größter Börsengang war der Chiptest-Anbieter Technoprobe aus Italien mit einer Marktbewertung von 4,4 Milliarden Dollar.

Im Vorjahr waren es noch 25 Börsengänge, darunter auch der des Berliner Online-Gebrauchtwagenhändlers Auto1. In den USA fiel der Rückgang noch deutlicher aus. Nach 61 Börsengängen im vergangenen Jahr kam die Wall Street dieses Jahr nur auf eine große Neuemission in der Technologiebranche.

Frauen spielen bei Gründungen weiterhin untergeordnete Rolle

Die Start-up-Szene in Europa ist weiterhin männlich dominiert. Daran hat sich auch im laufenden Jahr wenig geändert. 87 Prozent des gesamten Wagniskapitals in Europa wurde von ausschließlich männlichen Gründerteams eingesammelt. An rein weibliche Teams ging lediglich ein Prozent.

Zugleich geht aus dem Bericht hervor, dass Frauen im Schnitt bei Deals weniger Geld einnahmen als Männer. Angesichts der hohen Summen, die in das Start-up-Ökosystem flössen, sei es enttäuschend, wie wenig davon weibliche Gründerinnen profitierten, hieß es im „State of European Tech“.

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