Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

19.10.2022

22:17

Südkorea

Totalausfall der Super-App Kakao zwingt Chef zum Rücktritt

Von: Martin Kölling

PremiumDer erste nationale Crash einer „Super-App“ erschüttert Koreas Onlinewirtschaft. Die Regierung sieht die nationale Sicherheit gefährdet und macht Druck.

Durch einen Brand kam es zum Totalausfall der Super-App Kakao in Südkorea. Reuters

Super-App Kakao

Durch einen Brand kam es zum Totalausfall der Super-App Kakao in Südkorea.

Tokio Whon Nam Koong war gerade dabei, so etwas wie Südkoreas Super-Zuckerberg zu werden. Doch anders als Mark Zuckerberg, der Chef des Facebook-Konzerns Meta, leitete er als Co-CEO nicht nur ein soziales Netzwerk, sondern eine der erfolgreichsten „Super-Apps“ der Welt: Sie heißt „Kakao“ und verbindet Chat-App, Bankdienste, Taxiruf und diverse andere Angebote in einem Produkt.

Am Mittwoch aber trat Whon Nam Koong nach nur sieben Monaten an der Konzernspitze mit tiefen Verbeugungen zurück. Damit übernahm er die Verantwortung für einen nationalen Totalausfall von Kakao am Wochenende. „Als CEO von Kakao fühle ich mich unglücklich und stark verantwortlich für diesen Vorfall“, sagte er auf einer Pressekonferenz. „Deshalb trete ich von meinem Posten zurück.“ Er wolle sich bei allen Nutzern entschuldigen.

Ein Feuer war am Samstag in einem Datenzentrum ausgebrochen und hatte die 134 Dienste der Super-App ausgeschaltet. Um die wirtschaftlichen und politischen Folgen kümmert sich der 50-jährige Whon nun in einem Notfallkomitee. Die Geschäftsführung aber hat der Co-CEO Hong Eun Taek übernommen.

Südkoreas Präsident Yoon Suk Yeol ereiferte sich bereits am Montag: „Dies ist nicht weniger als ein Scheitern einer wichtigen nationalen Infrastruktur.“ Denn das 2010 gegründete Unternehmen ist inzwischen ein Quasimonopolist, was einige Bereiche der Onlinewirtschaft angeht. Bei einer Bevölkerung von 52 Millionen Menschen kam Kakao im April auf 45 Millionen Kunden, so der Branchentracker WiseApp.

Damit ist Kakao eine der sechs größten asiatischen Super-Apps, deren Geschäftsmodell auch in Europa expandieren könnte. Wie die großen chinesischen Vorbilder Wechat und Alipay versuchen die Anbieter mit wachsendem Erfolg, möglichst viele Lebensbereiche der Kunden in einer App zu integrieren.

Wichtiges Instrument für den nationalen Zahlungsverkehr

Das koreanische Beispiel zeigt neben dem Nutzen auch die wachsenden Risiken auf, die mit der massiven Konzentration von Diensten verbunden sind.

Zwar hat Kakao das Leben der Koreaner noch nicht so weit durchdrungen wie Wechat in China. Beim Nachbarn können Kunden fast ihr gesamtes Leben über Wechat organisieren, und sie können über die App auch bezahlen. Selbst Bettler nehmen milde Gaben per Wechat auf dem Smartphone entgegen.

Dennoch ist die Bedeutung von Kakao im Alltag der Koreaner inzwischen enorm. Kakaotalk, die koreanische Version von WhatsApp, hat E-Mails und andere Dienste schon längst als wichtigstes Kommunikationsmittel der Koreaner ersetzt. Im Durchschnitt nutzt jeder Kunde den Messengerdienst 72 Mal pro Tag – sei es für eine Nachricht an die Familie, an Freunde oder Geschäftspartner, sei es für die Bestellung in einem Café.

Zum Bezahlen mit elektronischem Geld und für andere Finanzdienstleistungen können die Koreaner die App ebenfalls verwenden. Die Kakaobank ist eines der am schnellsten wachsenden Finanzinstitute des Landes und ein aussichtsreicher Kandidat für einen Börsengang. Damit ist die App ein wichtiges Instrument für den nationalen Zahlungsverkehr.

Wer Taxis ruft, greift auch meist zu Kakao, sogar der Staat ist Dauerkunde. Die App dient nicht nur zur Identifikation bei digitalen Behördengängen oder für die Steuererklärung – auch in der Coronapandemie übernahm Kakao eine „quasistaatliche“ Rolle, erklärte der Technikexperte Kim Good Hyun in der Zeitung „Korea Herald“.

App-Funktionen für das Seuchenkontrollamt

So entwickelte Kakaotalk für das koreanische Seuchenkontrollamt App-Funktionen. Ein Beispiel war ein System, mit dem Besucher von Restaurants ihren QR-Code scannen konnten, damit sich Infektionsketten für die Behörden einfacher nachverfolgen ließen. Auch ein digitales Impfstoffzertifikat gehörte zum Programm.

Technikkritiker Kim erklärt dies mit der Angst der Behörden, bei der Entwicklung derartiger digitaler Verfahren zu scheitern. Und er mahnt: „Das wirft die Frage nach dem fairen Handel auf.“ Denn dadurch wurden der App noch mehr Kunden zugeführt.

Kritik wie diese wurde lange verdrängt, weil die Nutzung der Super-App so bequem war. Umso größer war der politische Aufschrei, als das Feuer am Samstag die Dienste nicht nur von Kakao, sondern auch anderer Internetriesen wie Naver lahmlegte. Der Unterschied bestand nur darin, dass Naver bereits vier Stunden später wieder online war. Kakao hingegen arbeitete noch am Dienstag daran, dass wirklich alle Dienste wieder einwandfrei funktionierten.

Präsident Yoon kündigte daher bereits am Montag eine behördenübergreifende Sonderkommission an. Sie soll die Krise unter dem Gesichtspunkt der nationalen Sicherheit überprüfen. Und ihre Stoßkraft wird groß sein. Denn wie Yoon sehen auch die konservative Regierungspartei und die oppositionellen Demokraten Kakao inzwischen als öffentliches Gut von strategischer Bedeutung an.

Nicht nur der Fraktionsvorsitzende von Yoons People Power Party, Joo Ho Young, warf dem Unternehmen vor, nicht ausreichend durch Back-up-Lösungen für einen Ausfall von Datenzentren vorgesorgt zu haben. Er drängte das Parlament, einen Gesetzesvorschlag von 2020 wieder aufzunehmen, der Datenzentren als staatliche Einrichtungen für das Katastrophenmanagement einstuft.

Der Co-Chef der Super-App Kakao trat aufgrund des Totalausfalls zurück. Bloomberg

Whon Nam Koong

Der Co-Chef der Super-App Kakao trat aufgrund des Totalausfalls zurück.

Die Unternehmen hatten damals gegen den Vorschlag aufbegehrt, weil sie die höheren Kosten fürchteten. Das könnte sich jetzt ändern, wenigstens wenn es nach dem Politiker geht.

„Angesichts der Tatsache, dass sich unser Land ausreichend auf die Bedrohung durch Nordkorea und mögliche Netzwerkstörungen vorbereiten muss, sind relevante Maßnahmen zur Stärkung der nationalen Sicherheit notwendig“, sagte Joo.

Die Finanzaufsicht wurde ebenfalls aktiv, um den Ausfall der Kakaobank zu durchleuchten. Auch die Wirtschaft ist wütend. Über 100 Unternehmer überlegen bereits, eine Sammelklage wegen entgangener Einnahmen einzureichen.

Aus dem Vorfall hat Kakaos Chef Whon jedenfalls die Konsequenzen gezogen und seine Karriere geopfert, um die Wogen zu glätten. Vor sieben Jahren war der Gründer des Onlinegaming-Portals Hangame zu Kakao gestoßen, um die Spielesparte aufzubauen. Im März wurde er mit dem Amt des Co-CEOs belohnt und war für die laufenden Geschäfte zuständig.

Nun wickelt er als Ex-Chef die Krise ab.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×