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03.01.2023

07:54

Technologie

Elektronik aus Deutschland ist wieder gefragt – aber nur in Nischen

Von: Joachim Hofer

Immer mehr Kunden schätzen die Nähe von Produzenten wie Katek, TQ und Swissbit. Doch Personalmangel und Energiekosten schränken das Wachstum ein.

Das Geschäft der Elektronik-Produzenten in Deutschland läuft blendend, so wie hier beim oberbayerischen Hersteller TQ.

Elektronik-Produzent TQ

Das Geschäft der Elektronik-Produzenten in Deutschland läuft blendend, so wie hier beim oberbayerischen Hersteller TQ.

München Schaltschränke für Schiffsdiesel, Roboter und E-Bike-Motoren: Die Werke des bayerischen Elektronikproduzenten TQ sind voll ausgelastet. Um rund ein Viertel werde der Umsatz im laufenden Geschäftsjahr steigen, sagt Geschäftsführer Rüdiger Stahl. Erlöse von mindestens 440 Millionen Euro werde der Mittelständler erwirtschaften. Seit der Ingenieur die Firma vor fast drei Jahrzehnten mit einem Kompagnon gegründet hatte, lief es noch nie so gut.

Elektronik aus Deutschland ist wieder gefragt. „Als wir anfingen, war es ein Malus, nicht in Asien zu produzieren“, erinnert sich der Unternehmer. Heute würden die Abnehmer aus Branchen wie der Medizintechnik oder der Luft- und Raumfahrt die kurzen Wege schätzen. Stahl: „Wir liefern maßgeschneidert, was die Kunden brauchen.“

So wie TQ florieren auch andere Elektronikproduzenten in Deutschland. Für viele Auftraggeber sei die „Nähe ein wichtiges Thema“, betont Rainer Koppitz, Vorstandschef des börsennotierten Wettbewerbers Katek aus München.

Katek liefert auf Zuruf die doppelte Menge

Die Erfolgsformel der Hersteller beschreibt Koppitz wie folgt: „Wir bieten genau die Elektronik an, die für die deutsche und europäische Industrie den Unterschied ausmacht.“ Die Produkte seien oft komplex und teuer, dafür langlebig und über Jahre bestellbar.

Koppitz fügt hinzu: „Außerdem sind wir in der Lage, auch einmal auf Zuruf das Doppelte zu produzieren.“ Katek liefert zum Beispiel Elektronik für Roboterhersteller, Türschließsysteme für Fahrzeuge und sogenannte Wallboxen, also Ladestationen für Elektroautos.

Industrieelektrikerin: Das börsennotierte Münchner Unternehmen Katek wächst auch durch Übernahmen kräftig. Katek SE

Katek

Industrieelektrikerin: Das börsennotierte Münchner Unternehmen Katek wächst auch durch Übernahmen kräftig.

Die Elektronikproduzenten in Deutschland konzentrieren sich auf Nischen – aus denen sich aber lukrative Geschäfte entwickeln können. Beispiel Swissbit: Die Schweizer Firma testet und verpackt Speicherlösungen in ihrem Werk in Berlin.

Ende 2019 hat die ehemalige Siemens-Tochter ihre Fabrik neu gebaut – und vergangenes Jahr bereits erweitert. „In den letzten fünf Jahren haben wir Umsatz und Mitarbeiterzahl verdoppelt“, sagt CEO Silvio Muschter.

Swissbit beschäftigt in der Bundeshauptstadt 250 Leute. Insgesamt zählt der Mittelständler 430 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz in dreistelliger Millionenhöhe. Dass Swissbit hierzulande fertige, sei eindeutig ein Vorteil, sagt Muschter. „Seit ein, zwei Jahren wird das Thema lokale Beschaffung immer wichtiger.“

Für die ganz großen Hersteller sind unsere Märkte zu kleinteilig. Swissbit-CEO Silvio Muschter

Die Speicher von Swissbit finden sich in Maschinensteuerungen von Konzernen wie Siemens und ABB, in der Medizintechnik und auch in Flugzeugen. „Für die ganz großen Hersteller sind unsere Märkte zu kleinteilig“, erläutert Muschter.

TQ ist unabhängig von Geldgebern

Der Fokus auf ausgewählte Marktsegmente und hochwertige Elektronik ist den Herstellern in Deutschland gemein. Die Wachstumsstrategien unterscheiden sich aber. „Wir sind unabhängig von Geldgebern“, betont TQ-Chef Stahl. Die Firma ist in Familienbesitz – und soll es auch bleiben.

Die beiden Gründer aus Oberbayern haben zwar immer mal wieder Standorte von anderen Unternehmen übernommen, vor zwei Jahren etwa ein früheres Testzentrum von Fujitsu in Augsburg. So ist die Belegschaft mit den Jahren auf rund 1900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewachsen. Das Geschäft aber hat sich im Wesentlichen aus eigener Kraft entwickelt.

Ganz anders Katek. Kürzlich hat sich CEO Koppitz über eine Kapitalerhöhung 19 Millionen Euro beschafft, um unter anderem einen Zukauf in den USA zu finanzieren. Der Manager ist permanent auf Einkaufstour, auch in Übersee. Sein Erfolgsrezept aus Deutschland wendet er mittlerweile in Amerika an: Kunden vor Ort aus der lokalen Produktion heraus versorgen.

Für 2022 verspricht Koppitz einen Umsatz von mehr als 635 Millionen Euro, ein Plus von knapp einem Fünftel gegenüber dem Vorjahr. Der angepasste operative Gewinn, das sogenannte Ebitda, soll um mindestens zehn Prozent auf etwa 33 Millionen Euro klettern.

Die Produktion von TQ ist, wo immer möglich, hoch automatisiert. Denn geeignetes Personal ist knapp.

Leiterplatten

Die Produktion von TQ ist, wo immer möglich, hoch automatisiert. Denn geeignetes Personal ist knapp.

Ein Ende des Aufwärtstrends sei nicht absehbar, so Koppitz. Dem Konzernlenker zufolge kommen inzwischen immer öfter auch die Autohersteller auf Katek zu: „Die suchen die direkte Zusammenarbeit mit uns.“

Statt wie bisher die Autozulieferer zu bedienen, mache Katek nun unmittelbar mit den Marken Geschäfte. Dabei gehe es um komplexe elektronische Baugruppen, etwa für das Batteriemanagement. An der Börse kommt die Expansionsstrategie unterdessen schlecht an: Vergangenes Jahr ist der Kurs um rund 40 Prozent eingebrochen.

Um Aktienkurse und Investoren braucht sich TQ-Gesellschafter Stahl nicht kümmern. Er kann es sich leisten, Geschäfte über Jahrzehnte hinweg aufzubauen. So wie bei den E-Bike-Antrieben. Die Motoren entwickelt TQ schon seit 2008.

Der Durchbruch gelang erst unlängst mit einem Auftrag des US-Radproduzenten Trek. Den Amerikanern hat sowohl der lange Atem als auch das Know-how der Bayern imponiert. „Wer Roboter herstellt und die Raumfahrt beliefert, der kann auch Fahrradmotoren bauen“, sagt Trek-Manager Travis Ott.

Branchenverband ZVEI beklagt zu hohe Kosten

Obgleich die Elektronikhersteller hierzulande gerade aufblühen: Weltweite Bestseller wie das iPhone werden noch auf Jahre hinaus in Asien produziert werden. Das hat vor allem einen Grund: die deutschen Löhne. „Elektronik ist auf dem Weltmarkt zu unseren Kosten zumeist nicht wettbewerbsfähig“, betont Gunther Kegel, Präsident des Branchenverbands ZVEI.

Das Familienunternehmen TQ produziert Roboter und setzt diese auch in der eigenen Fertigung ein.

Roboter

Das Familienunternehmen TQ produziert Roboter und setzt diese auch in der eigenen Fertigung ein.

Es fehlt in Deutschland zudem Personal, um eine Elektronikfertigung in großem Stil wie in Fernost aufzuziehen. Im chinesischen Zhengzhou beschäftigt der iPhone-Fertiger Foxconn an einem einzigen Standort rund 200.000 Leute.

So ist denn auch die Elektronikfertigung in Deutschland trotz der momentan guten Auftragslage alles andere als ein Selbstläufer. Die Kosten hierzulande seien in jüngster Zeit „unglaublich gestiegen“, klagt Katek-Chef Koppitz.

Strom sei in der Bundesrepublik schon immer teurer gewesen als anderswo. Nun aber habe sich der Abstand zum Ausland noch einmal vergrößert. Preiserhöhungen bei den Kunden durchzusetzen sei nach wie vor schwierig, aber unumgänglich.

Zudem würden derzeit „an allen Ecken und Enden“ die Leute fehlen. „Die Krankenquote ist extrem hoch.“ Für die Belegschaft von Katek bedeutet das: Samstagarbeit und mitunter auch Nachtschichten. Ohnehin sei es schwierig, Leute zu finden, so Koppitz. Daher müsse Deutschland neue Wege gehen: „Wir begrüßen die Einwanderungsinitiativen der Regierung.“

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