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25.11.2022

14:20

Technologie

Europa? Nein, danke! Warum ein großer japanischer Chipkonzern die EU-Milliarden verschmäht

Von: Joachim Hofer

Das Beispiel des Infineon-Konkurrenten Rohm zeigt: Subventionen helfen nicht immer, um Konzerne anzulocken. Der Spezialist für Halbleiter aus Siliziumkarbid investiert lieber in der Heimat.

Europa will die Chipproduktion ausbauen, doch Konzerne aus Übersee zögern mit Investitionen. Bloomberg

Chips

Europa will die Chipproduktion ausbauen, doch Konzerne aus Übersee zögern mit Investitionen.

München Der japanische Chiphersteller Rohm wird in den nächsten Jahren auf ein Werk in der EU verzichten. „Bis 2030 werden wir in Japan produzieren“, sagte Vorstandschef Isao Matsumoto dem Handelsblatt. Der Konzern wachse zwar rasant in Europa und gewinne immer mehr Kunden. Die vor allem für die Autoindustrie wichtige Fertigung von Halbleitern aus Siliziumkarbid (SiC) werde dennoch in Japan ausgebaut, rechtfertigte er die Absage.

Rund 1,5 Milliarden Euro werde Rohm, Konkurrent des Münchener Dax-Konzerns Infineon, bis 2025 in das SiC-Geschäft investieren, kündigte Matsumoto an. Das Geld fließt nicht zuletzt in eine neue Fabrik innerhalb des bestehenden Apollo-Werks im südjapanischen Chikugo.

So wie Rohm lassen viele internationale Chipkonzerne Europa als Produktionsstandort links liegen – trotz der von der EU in Aussicht gestellten Milliardensubventionen für Werke. Finanzielle Unterstützung für die Industrie gibt es inzwischen weltweit. Chiphersteller aus Asien oder Amerika sehen daher keinen Grund, sich in Europa niederzulassen. Rohm etwa werde sich in seiner japanischen Heimat um Staatshilfe bemühen, erläuterte Matsumoto.

Die Aufholjagd bei den Chips stockt

Für die EU sind das schlechte Nachrichten. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat das Ziel ausgegeben, den Anteil Europas an der weltweiten Chipproduktion zu verdoppeln, und zwar auf 20 Prozent bis 2030. Weil die Branche stark zulegt, müssen sich die Kapazitäten auf dem Kontinent bis dahin vervierfachen. So soll Europa weniger abhängig von Lieferungen aus Fernost werden.

Mit bereits ansässigen Konzernen allein fällt Europas Aufholjagd bei Chips jedoch aus. Dazu reichen die Mittel der Firmen bei Weitem nicht aus. Wettbewerber aus Übersee dagegen investieren bei vergleichbaren Bedingungen lieber in ihren Heimatländern. Um teure Infrastruktur optimal auszunutzen, versuchen Halbleiterkonzerne stets, bestehende Standorte auszubauen. Zum Teil arbeitet die Fertigung auch eng mit der Entwicklung zusammen. Die meisten Chipwerke stehen dabei momentan in Asien.

Grafik

Nur ein Chiphersteller hat sich dieses Jahr entschlossen, in einen neuen Standort in Europa zu investieren: Der US-Konzern Intel will in Magdeburg bauen.

Das Europageschäft von Rohm boomt

Dabei wäre ein stärkeres Engagement von Firmen wie Rohm in Europa vor allem für die deutsche Autoindustrie ein Segen. Der Konzern aus Kyoto ist einer der wichtigsten Anbieter von SiC-Chips weltweit. Diese Bauelemente sind knapp und begehrt, weil sie die Reichweite von Elektrofahrzeugen verlängern.

Immer mehr Abnehmer aus Europa kaufen daher bei Rohm ein. In den ersten beiden Quartalen des Geschäftsjahrs, es endet am 31. März, ist der Umsatz in Europa um ein Drittel gewachsen. Am stärksten legte dabei das Autogeschäft zu. Einer der bekanntesten Kunden von Rohm in Deutschland ist Vitesco, die ehemalige Antriebssparte von Continental.

Noch etwas macht Chipfirmen wie Rohm für Europa attraktiv: Es fehle in der EU an Fabriken, die eher reifere Produktionsverfahren einsetzen, meint Alan Priestley, Chipexperte von Gartner. Hochgezüchtete Prozessoren, wie sie Intel in Magdeburg fertigen will, seien dagegen zumindest in Europa eher weniger gefragt, so der Analyst.

Autochips sind bereits seit mehr als zwei Jahren knapp. Die Marken müssen zum Teil monatelang auf die Bauteile warten. „Die Nachfrage übersteigt die Kapazitäten“, so Rohm-Chef Matsumoto. Der Umsatz könnte noch viel stärker steigen, wären die Werke nicht komplett ausgelastet.

Rohm geht es ausgezeichnet, erst kürzlich hat der Manager die Prognose erhöht. Matsumoto rechnet jetzt mit einem Umsatzplus im Geschäftsjahr von 15 Prozent auf umgerechnet 4,1 Milliarden Euro. Der Betriebsgewinn soll um gut ein Viertel klettern.

Rohm investiert in Nürnberg

Europäische Chipfirmen verhalten sich unterdessen nicht anders als Rohm – sie setzen ebenfalls auf existierende Standorte. So will der Münchener Dax-Konzern Infineon seine nächsten Werke neben den bestehenden Fabriken in Dresden und Kulim in Malaysia errichten. Der französisch-italienische Hersteller STMicroelectronics baut in Grenoble und Catania.

Immerhin, ein für Europa wichtiges Werk betreibt Rohm hierzulande: In Nürnberg produzieren die Japaner bei ihrer Tochter Sicrystal Siliziumkarbid, den Grundstoff für die SiC-Chips. In der fränkischen Metropole würde „beträchtlich“ investiert, betonte Matsumoto, ohne aber Details zu nennen. Sicrystal beliefert unter anderem Infineon und STMicroelectronics mit dem Material.

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