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12.08.2022

09:17

Technologie

Gründer in den Mühlen der Bürokratie: Was das Chip-Start-up Spinncloud ausbremst – ein Praxisbeispiel

Von: Joachim Hofer

Europas Aufholjagd bei den Chips stockt, bevor sie begonnen hat. Das liegt auch an den vielen Hindernissen für junge Firmen, wie der Fall aus Dresden zeigt.

Start-up: Spinncl Spinncloud

Christian Eichhorn und Christian Mayr

Die Spinncloud-Mitgründer mussten über ein Jahr Bürokratie abwarten, bevor sie die Arbeit in ihrem Chipunternehmen aufnehmen konnten.

Dresden Ein Jahr ist in der Start-up-Szene eine Ewigkeit. Die Gründer von Spinncloud mussten sogar noch länger warten, bis sie mit ihrer Chipfirma loslegen konnten. Sie wollten im Frühjahr 2021 einen Vertrag mit der Technischen Universität (TU) Dresden schließen, auf deren Forschungsergebnissen ihr Produkt basiert: Spinnaker2 ist ein wegweisender neuer Chip, den sie für eine Künstliche Intelligenz benötigen, die wie das menschliche Gehirn funktionieren soll.

Doch der Vertragsabschluss verzögerte sich immer weiter. „In der Weihnachtszeit waren wir kurz vor dem Aufgeben“, erinnert sich Christian Eichhorn, der kaufmännische Leiter des jungen Dresdner Unternehmens Spinncloud. Der 40-Jährige wollte den Vertrag mit seinen vier Co-Gründern innerhalb weniger Wochen finalisieren, doch die Universität musste die Vertragsbedingungen erst intern klären. Letztlich warteten die Jungunternehmer bis zum Sommer 2022, ehe sie die Unterschrift unter die Übereinkunft setzen konnten. „Wir mussten deshalb immer wieder Investoren vertrösten“, ärgert sich Eichhorn.

Ein solches Gezerre ist nicht nur für Spinncloud ein Problem. Ganz Europa leidet unter dem Klein-Klein. An anderer Stelle schafft es der Staat nicht, Subventionen für Halbleiter-Start-ups auszuzahlen. So droht der Kontinent in der strategisch wichtigen Industrie immer weiter zurückzufallen.

Mit großen Worten hat die EU-Kommission zu Jahresbeginn zur Aufholjagd bei den Chips aufgerufen. Mehr als 40 Milliarden Euro sollen mit dem sogenannten „Chips Act“ an öffentlicher Unterstützung fließen, um Europa bis Ende des Jahrzehnts bei den Halbleitern weniger abhängig von Asien zu machen.

Der Aufbruch stockt bereits, bevor er richtig begonnen hat. Ein Scheitern von Spinncloud wäre nicht nur für den Fortschritt des Standorts Europa ein Rückschlag: Es sind schon Millionen Euro an Forschungsmitteln in die Entwicklung von Spinnaker2 geflossen.

Bis zu 70.000 der Chips lassen sich zusammenschalten. Ein entsprechender Supercomputer ermöglicht neue KI-Technologien. Spinncloud

Der Spinnaker2-Chip

Bis zu 70.000 der Chips lassen sich zusammenschalten. Ein entsprechender Supercomputer ermöglicht neue KI-Technologien.

In Fachkreisen sorgte der Chip nicht nur wegen der neuartigen Technologie für viel Aufsehen, als ihn die Forscher vergangenes Jahr präsentierten. An dem Projekt ist auch eine Legende der Chipindustrie maßgeblich beteiligt: Steve Furber.

Ein Chip wie das menschliche Gehirn

Der Professor von der Universität Manchester gehörte einst zu den Entwicklern der ARM-Prozessoren und damit jener Chip-Architektur, die heute in praktisch jedem Smartphone eingesetzt wird. Spinnaker2 könne „die Kluft zwischen realistischen Gehirnmodellen und Künstlicher Intelligenz (KI) überbrücken, sodass beide zunehmend voneinander profitieren können“, sagt der 69-Jährige.

So könnten die Chips künftig zum Beispiel dazu genutzt werden, um autonome Roboter in Fabriken zu steuern. Oder den Verkehr in Städten zu leiten, in sogenannten „Smart Cities“. Dabei müssen Entscheidungen in Millisekunden getroffen werden – und das ist eine Stärke dieser Halbleiter. Denn sie sind dafür geschaffen, in Echtzeit extrem hohe Datenmengen zu verarbeiten. Kein anderer Chip sei gleichzeitig so schnell, so leistungsfähig und so energieeffizient, heißt es bei den Forschern. Bis zu 70.000 dieser Halbleiter lassen sich in einem Rechner zusammenschließen, um darauf KI-Programme laufen zu lassen.

Eichhorn behauptet: „Es gibt niemanden sonst, der diesen Chip kommerzialisieren kann.“ Denn einer der Gründer von Spinncloud ist der Dresdner Professor Christian Mayr. Der Elektrotechniker war maßgeblich daran beteiligt, Spinnaker2 zu entwickeln, und verfügt daher über einzigartiges Wissen.

Die Firmengründer halten eine Platine, auf der der Spinnaker2-Chip verbaut ist. Spinncloud

Computer-Bauteil

Die Firmengründer halten eine Platine, auf der der Spinnaker2-Chip verbaut ist.

Bis Spinncloud die Chips in Serie fertigen und damit verkaufen kann, wird noch einige Zeit vergehen. Die TU Dresden hat die Halbleiter zwar schon beim Auftragsfertiger Globalfoundries produzieren lassen und baut damit einen Großrechner. Die für die Chipherstellung notwendige sogenannte Maske der Universität darf Spinncloud jedoch nicht nutzen, genauso wenig wie den Computer.

All das muss Spinncloud jetzt außerhalb der Hochschule wiederholen. In einem ersten Schritt will Eichhorn zwei Millionen Euro bei Investoren einwerben. Damit soll zwingend nötige Software entwickelt werden. In der nächsten Finanzierungsrunde sollen bis Ende des Jahres 30 Millionen Euro in die Kasse fließen, um eigene Chips zu fertigen und eine Demonstrationsmaschine fertigzustellen, in die die Bauelemente eingesetzt werden.

Spinncloud ist nicht die einzige junge Chipfirma hierzulande, die mit der Bürokratie zu kämpfen hat. So wartet das Start-up mi2-factory aus Jena auf Fördermittel, die Bundesregierung und EU schon vor Monaten angekündigt haben. Mit dem Start-up will Michael Rüb, Professor an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena, die Produktionskosten für Chips aus dem innovativen Material Siliziumkarbid um 30 Prozent senken. Für die europäische Chipindustrie wäre das ein Segen. Halbleiter aus Siliziumkarbid gehören zu den wenigen Bereichen der Branche, in denen Europa noch Weltklasse ist.

Um einen Prototyp seiner Chipmaschine zu bauen, benötigt der Physiker aber einen zweistelligen Millionenbetrag. In jüngster Zeit kündigten Brüssel und Berlin zwar große Unterstützung an, aber noch ist unklar, wann und mit wie viel Geld mi2-factory rechnen kann.

Dabei sind sich Industrievertreter einig, dass dringend etwas passieren muss. Die Lizenzvereinbarungen für Ausgründungen der Universitäten seien zu starr, sagt Rutger Wijburg, Produktionsvorstand des Halbleiterkonzerns Infineon. Der Manager plädiert dafür, es den Start-ups leichter zu machen.

Vor allem geht es um verhältnismäßig kleine Summen: Der amerikanische Branchenriese Intel soll knapp sieben Milliarden Euro bekommen, um zwei Werke in Magdeburg zu errichten. In den Fabriken sollen 3000 neue Jobs entstehen.

Deutschen Politikern ist durchaus bewusst, dass die Bürokratie hierzulande zu behäbig ist im Umgang mit der Chip-Industrie. „Wir müssen schneller werden“, unterstrich Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger jüngst auf einem von seiner Behörde veranstalteten Halbleiter-Kongress in München. Es gehe darum, „zu retten, was noch zu retten ist“. Weniger als zehn Prozent aller Chips stammen aus europäischen Fabriken.

„Wir sind auf mutige Gründerinnen und Gründer angewiesen“, sagt auch Ina Schieferdecker, Abteilungsleiterin im Bundesforschungsministerium. „Wir wollen die Wertschöpfungskette vom Design bis zur Produktion beherrschen.“

Eine Hürde muss Spinncloud noch nehmen

Über die TU Dresden verliert Spinncloud-Gründer Eichhorn trotz der Hängepartie kein schlechtes Wort. Dass die Universität versuche, mit Steuern finanzierte Forschungsergebnisse optimal zu verwerten, sei vollkommen legitim. Nötig sei aber ein bundesweites Rahmenwerk, damit Hochschulen derartige Vereinbarungen mit Ausgründungen schnell und rechtssicher abschließen könnten.

Eine weitere Hürde hofft Eichhorn in nächster Zeit noch zu überwinden. Mit der Universität Manchester gilt es, einen ähnlichen Vertrag abzuschließen wie mit Dresden. Die Vereinbarung liegt den Engländern unterschriftsreif vor. Wie lange sich die Hochschule Zeit lässt? Eine Prognose sei unmöglich, meint Eichhorn.

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