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07.10.2022

12:00

Technologie

Hoffnung für die Autoindustrie: Infineon stärkt europäische Chipproduktion

Von: Joachim Hofer

Der Dax-Konzern steckt 100 Millionen Euro in eine Fabrik bei Budapest. Die ungarische Regierung feiert die Investition – und teilt gleichzeitig gegen Einwanderer aus.

Der Dax-Konzern hat seinen ungarischen Standort für die Chipverpackung massiv ausgebaut. dpa

Leistungshalbleiter für Elektroautos

Der Dax-Konzern hat seinen ungarischen Standort für die Chipverpackung massiv ausgebaut.

Cegléd Vor allem für die vom Chipmangel geplagte deutsche Autoindustrie ist es eine gute Nachricht: Infineon hat in Ungarn ein neues Werk zum Verpacken und Testen von Halbleitern für Elektrofahrzeuge in Betrieb genommen. Mit der sogenannten Backend-Fabrik nahe Budapest kann der Dax-Konzern nun die gesamte Wertschöpfungskette in Europa abdecken. Weil es deutlich billiger ist, werden die Bauelemente normalerweise in Fernost weiterverarbeitet.

„Wir sind hier im Herzen von Europa, das ist viel wert“, sagte Produktionsvorstand Rutger Wijburg dem Handelsblatt am Rande der Eröffnungsfeier in Cegléd. Infineon investiert in der Kleinstadt 100 Millionen Euro und schafft 275 zusätzliche Arbeitsplätze. „Es war strategisch weitsichtig, als vor drei Jahren die Entscheidung für Cegléd fiel“, betonte der Manager.

In der Tat: Vielen Kunden der Chipindustrie fehlt noch immer der Nachschub. Einerseits sind weltweit Produktionskapazitäten knapp. Das liegt unter anderem an einer überraschend großen Nachfrage nach Elektrofahrzeugen. Andererseits sorgen die Pandemie-Folgen und Lockdowns in China noch immer für Verwerfungen in der Lieferkette.

Auch politische Spannungen beunruhigen die Abnehmer der Halbleiterindustrie, etwa der Streit zwischen der Volksrepublik und Taiwan.

Cegléd kommt daher für Infineon eine besondere Bedeutung zu: Hier werden Halbleiter aus sogenannten Frontend-Fabriken, wie sie der Konzern in Europa unter anderem in Dresden und Villach betreibt, in räumlicher Nähe der Kunden getestet und in Gehäuse verpackt. Der in der Chipindustrie übliche Transport rund um den Globus entfällt.

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Backend-Fertigungen sind arbeitsintensiv und weniger automatisiert als die Frontend-Fabriken. Wie in der Branche üblich betreibt auch Infineon große Backend-Werke in Asien, unter anderem in Malaysia, Indonesien und China.

Mit dem Neubau neben einem älteren Werk in Cegléd hat Deutschlands größter Chipproduzent nun die Kapazitäten in Europa massiv erweitert. Die Lieferkette werde dadurch deutlich widerstandsfähiger, unterstrich Alexander Gorski, Chef der Backend-Fertigung von Infineon. Wichtigster deutscher Standort des Konzerns in diesem Bereich ist Warstein.

Infineon kann damit mehrere Millionen Elektroautos jedes Jahr mit sogenannten Leistungshalbleitern ausstatten. Fast jedes zweite Elektro- oder Hybridfahrzeug, das 2021 weltweit produziert wurde, war dem Konzern zufolge mit Infineon-Chips bestückt. Zudem werden in Cegléd Bauelemente für Züge, Industrieanlagen und Windturbinen gefertigt.

Indonesier für eine Fabrik in Ungarn

Es ist kein Zufall, dass Infineon in Ungarn investiert. Der Konzern beschäftigt in Cegléd bereits 1500 zum Teil hochqualifizierte Mitarbeiter. Die Arbeitskosten betragen nur ein Drittel des Niveaus in Deutschland. Es ist laut Gorski sogar günstiger, im Großraum Budapest zu fertigen als am chinesischen Standort Wuxi. Dazu kommt, dass der ungarische Staat rund 20 Millionen Euro Subventionen beigesteuert hat.

Das Engagement von Infineon sei ein Beispiel für die Erfolgsgeschichte der deutsch-ungarischen Wirtschaftsbeziehungen, erklärte Handels-Staatssekretär Tamás Menczer bei der Einweihung der Fabrik. Der Politiker gab sich vor den deutschen Gästen indes wenig weltläufig. „Wir müssen uns gegen illegale Einwanderung schützen“, rief der 38-Jährige dem Infineon-Management zu.

Eine Botschaft, die bei dem Unternehmen Sorgen wecken dürfte: Infineon ist auf ein offenes Klima angewiesen. Denn wie in vielen Regionen der Welt fällt es dem Konzern auch in Ungarn schwer, ausreichend einheimisches Personal anzuheuern. Daher sollen 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem Infineon-Werk in Indonesien Anfang November ihren Dienst in Cegléd antreten – mit der Regierung abgestimmt und zunächst für ein Jahr befristet.

Sollte der Versuch klappen, könnten weitere Infineon-Mitarbeiter aus Südostasien folgen, sagt Backend-Chef Gorski. Ob sich die Leute in Cegléd angesichts des eher fremdenfeindlichen Kurses der Regierung wohlfühlen werden, vermag bei Infineon indes niemand einzuschätzen.

Die EU erwähnte der Staatssekretär der regierenden Fidesz-Partei von Ministerpräsident Viktor Orbán mit keinem Wort. Dabei zahlt die Investition von Infineon auf das große Ziel der Europäischen Kommission ein, den Anteil Europas an der globalen Chipproduktion bis Ende des Jahrzehnts von derzeit weniger als zehn auf 20 Prozent zu verdoppeln. So soll Europa unabhängiger von Fernost werden.

Infineon fordert mehr Tempo

Der sogenannte Chips-Act der EU soll dazu beitragen. Den Plänen zufolge können Regierungen künftig Investitionen der Chiphersteller deutlich umfassender subventionieren als bisher. Allerdings debattieren die Europaparlamentarier seit Monaten über das Gesetz, mit einer Entscheidung ist nicht vor Anfang 2023 zu rechnen.

Kein Wunder, dass Infineon Brüssel zu Eile mahnt. „Europa muss Tempo machen“, betonte Vorstand Wijburg. Schließlich werden in Übersee die Milliarden bereits verteilt. Kein globaler Chiphersteller kann es sich leisten, da nicht zuzugreifen. Gleichzeitig aber brauchen die Konzerne nur eine begrenzte Zahl an Werken.

Der Fabrikleiter in Cegléd, Tamás Szabó, geht derweil fest davon aus, dass es nicht bei dem jetzt eröffneten Neubau bleibt. „Das ist nur der Anfang“, zeigte sich der Manager zuversichtlich. Infineon habe genügend weitere Flächen erworben, um den Standort auszubauen. Der Bedarf sei gewaltig: „Wir arbeiten rund um die Uhr und sind zu 100 Prozent ausgelastet“, sagte Szabó.

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