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04.04.2022

11:28

Technologie

Profiteur des Chipbooms: Anlagenbauer Exyte peilt zehn Milliarden Euro Umsatz an

Von: Joachim Hofer, Martin-W. Buchenau

Die Stuttgarter verbuchen so viele Aufträge wie nie und schaffen dieses Jahr bis zu 2000 neue Jobs. Nur die Börsenpläne von Exyte kommen nicht voran.

Chipfabrik von Infineon Bloomberg

Chipfabrik

Die neue Halbleiterfabrik von Infineon in Villach hat Exyte gebaut.

Stuttgart/München Der Stuttgarter Anlagenbauer Exyte stellt sich auf einen lang anhaltenden Boom ein. „2027 sind zehn Milliarden Euro Umsatz drin“, sagte Vorstandschef Wolfgang Büchele dem Handelsblatt. „Das wäre eine Verdopplung zu 2021.“

Exyte profitiert davon, dass die Chipkonzerne angesichts dramatischer Lieferengpässe weltweit Milliarden für neue Werke ausgeben. 2022 habe hervorragend begonnen, erläuterte Büchele: „In den ersten zwei Monaten des Jahres lag der Auftragseingang deutlich über unseren Erwartungen.“

Die Schwaben sehen sich als führender Anbieter für Planung, Entwicklung und Bau von Hightech-Anlagen, insbesondere von Chipwerken. Vergangenes Jahr hat Exyte eigenen Angaben zufolge Aufträge von gut acht Milliarden Euro verbucht, mehr als doppelt so viel wie 2020. Mehr als 80 Prozent vom Umsatz erzielt die Firma mit der Halbleiterindustrie. Den Rest verdient der Konzern mit Rechenzentren sowie der Pharmabranche.

Die Aussichten für seine Hauptkunden, also die Chiphersteller, sind glänzend. Um bis zu acht Prozent steigt der Umsatz der Chipbranche jedes Jahr bis 2030, schätzt die Beratungsgesellschaft McKinsey. Die weltweiten Erlöse würden dadurch von zuletzt gut 600 Milliarden Dollar auf mehr als eine Billion Dollar klettern.

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    Um diese Nachfrage zu befriedigen, braucht es Dutzende neue Werke. Allein in Europa muss sich die Produktionskapazität vervierfachen, wenn die EU ihr selbst gesetztes Ziel erreichen möchte: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will den Anteil Europas an der weltweiten Fertigung von zehn auf 20 Prozent steigern.

    Umsatzziele für 2025 hat Exyte bereits erreicht

    „Megatrends wie das Arbeiten von zu Hause, das Wachstum Künstlicher Intelligenz und die steigende Nachfrage nach Elektroautos führen dazu, dass auch die Nachfrage nach Halbleitern stark anziehen wird“, sagt Ondrej Burkacky, Chip-Experte von McKinsey.

    „Für uns ist das Chipvolumen entscheidend“, meint CEO Büchele. „Das ist die letzten 30 Jahre kontinuierlich gewachsen. Jetzt legt es exponentiell zu. Bis 2030 mache ich mir keine Sorgen und eigentlich auch nicht darüber hinaus.“

    Grafik

    So hat sich auch der Umsatz von Exyte seit seinem Amtsantritt vor fünf Jahren nahezu verdoppelt. Ursprünglich habe er fünf Milliarden Umsatz für 2025 angepeilt, so Büchele. Dieses Ziel hätte die Firma nun schon 2021 fast erreicht. Dass Exyte leicht darunterblieb, liege an Verzögerungen auf den Baustellen durch die Coronapandemie. „In diesem Jahr werden wir diese Marke substanziell übertreffen“, sagt Büchele.

    Um die Orderflut zu bewältigen, muss der 62-Jährige nun massenhaft neue Leute rekrutieren. „Wir haben einen substanziellen Personalbedarf und wollen dieses Jahr zwischen 1500 und 2000 zusätzliche Mitarbeiter einstellen“, sagt Büchele. Derzeit zählt Exyte 7500 Beschäftigte.

    Seit Monaten kommt die Chipindustrie mit den Bestellungen nicht mehr hinterher – und plant deshalb rund um den Globus neue Fabriken. So kündigte im Februar Intel an, 17 Milliarden Euro in zwei Werke in Magdeburg zu stecken. 4,5 Milliarden sollen darüber hinaus in einen Standort für die Weiterverarbeitung der Bauelemente in Italien fließen.

    Grafik

    Damit nicht genug: Deutschlands führender Chiphersteller, Infineon, hat sich entschieden, für zwei Milliarden Euro eine neue Fabrik in Malaysia zu bauen. Für die Münchener hat Exyte zuletzt ein Werk im österreichischen Villach in die Höhe gezogen – und vergangenen Sommer drei Monate früher als geplant fertiggestellt.

    Singapur spielt eine besondere Rolle für Exyte

    Derzeit ist Exyte ganz besonders in Singapur aktiv: In dem Stadtstaat baut der Konzern unter anderem eine Fabrik für den Münchener Waferhersteller Siltronic. Wafer sind Scheiben aus Silizium, aus denen Chips entstehen. Darüber hinaus ist Exyte in Singapur für den Speicherchip-Produzenten Micron tätig sowie den Auftragsfertiger Globalfoundries.

    Bekanntestes Projekt in Deutschland ist eine Batteriefabrik des chinesischen Herstellers CATL in Thüringen. In China beschäftigt Exyte zudem 700 Mitarbeiter, die Werke für lokale Kunden aufbauen. Zwischen 20 und 25 Prozent der gesamten Investitionssumme verbucht in der Regel Exyte für sich.

    In der Öffentlichkeit ist der Name noch kaum bekannt, dabei hat Exyte eine große Tradition: Das 1912 von Karl Meissner und Paul Wurst gegründete Unternehmen zählt zu den Pionieren der Reinraumtechnik. In den vergangenen 30 Jahren wechselten die Eigentümer allerdings häufig, noch häufiger die CEOs. Seit 2009 gehört die Firma dem Österreicher Georg Stumpf.

    Waferproduktion von Siltronic Paul Schmidt/ Siltronic

    Waferproduktion

    Für den Waferhersteller Siltronic ist Exyte derzeit im sächsischen Freiberg und in Singapur tätig.

    Der promovierte Chemiker Büchele wurde im März 2017 Chef der M+W Group, die wenig später in Exyte umbenannt wurde. 2018 wollte Eigentümer Stumpf die Firma an die Börse bringen, doch die Wachstumsstory verfing nicht bei den Investoren, und so scheiterte die Emission.

    Exyte hat Russland längst verlassen

    Einen neuen Anlauf aufs Parkett hat Stumpf seither nicht unternommen. Wegen des Ukrainekriegs stünden die Chancen für einen erfolgreichen Börsengang momentan wohl auch nicht besonders gut. Büchele: „Wenn es an den Märkten passt, wird das wieder ein Thema werden. Aber momentan ist die Zeit natürlich nicht ideal.“

    Der Krieg in der Ukraine belaste Exyte bislang darüber hinaus aber nicht, und auch die Sanktionen gegen Russland spielen für das Unternehmen keine Rolle. Angesichts des wirtschaftlichen Niedergang des Landes hat Büchele das Büro in Moskau mit 60 Mitarbeitern längst geschlossen: „Wir haben uns bereits letzten Herbst aus Russland verabschiedet. Wir mussten handeln, weil wir die Kapazitäten lieber in anderen Ländern für profitables Geschäft nutzen wollten.“

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