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10.11.2022

12:17

Technologie

Twitter-Alternative Mastodon legt zu – So will sich das neue Netzwerk etablieren

Von: Nadine Schimroszik, Christof Kerkmann

Seit der Übernahme von Twitter durch Elon Musk suchen viele Nutzer nach einer Alternative. So funktioniert die Berliner Mikroblogging-Plattform Mastodon.

Die Mastodon-App mit dem fossilen Maskottchen wird immer häufiger heruntergeladen. dpa

Twitter-Konkurrent Mastodon

Die Mastodon-App mit dem fossilen Maskottchen wird immer häufiger heruntergeladen.

Berlin, Düsseldorf Hypes um neue Plattformen gibt es immer wieder – manche wachsen zu globaler Größe, wie Instagram und Tiktok, manche verschwinden nach dem anfänglichen Interesse wieder aus der Öffentlichkeit, wie Clubhouse und Diaspora.

Aktuell sorgt der Micro-Blogging-Dienst Mastodon für Diskussionen, den der deutsche Softwareentwickler Eugen Rochko erfunden hat. Seit der Twitter-Übernahme am 27. Oktober durch Tesla-Chef Elon Musk hat sich die Zahl der aktiven Nutzer auf mehr als eine Million verdoppelt. Zwischenzeitlich nahm Mastodon aufgrund der hohen Nachfrage keine neuen Registrierungen mehr an.

Rüsseltier statt Vogel, tröten statt twittern – ist das ein langfristiger Trend? Bei Mastodon sehen Experten zumindest das Potenzial, langfristig eine Rolle im Reigen der großen sozialen Netzwerke zu spielen.

„Ein gewisses Unbehagen gegenüber Twitter gab es vorher schon, nun denken durch den Eigentümerwechsel viele Menschen gleichzeitig darüber nach, ob das noch der richtige Ort für sie ist“, sagt der Social-Media-Forscher Jan-Hinrik Schmidt. Mit Mastodon gebe es nun eine taugliche Alternative.

In der Funktionsweise ähneln sich die beiden Kurznachrichtendienste Twitter und Mastodon. Letzteres baut allerdings auf einem dezentralen und quelloffenen System auf, und bei der Anmeldung muss man sich für einen Server – eine sogenannte Instanz oder eben auch Heimat – entscheiden.

Ehrenamtliche Admins legen die Regeln fest

Die Regeln dort stellen die Betreiber auf, oft ehrenamtliche Administratoren. Einer davon ist Julian Laubstein: Der Bochumer Web-Entwickler hat mit zwei Freunden im Jahr 2017 die Instanz ruhr.social gegründet. Seine Motivation beschreibt er so: „Ich will etwas beitragen zu einer großen, öffentlichen Infrastruktur, die komplett gemeinnützig ist und nicht von einer Firma kontrolliert wird.“

In diesem Teil der digitalen Sphäre tragen Laubstein und seine beiden Mitstreiter die Verantwortung. Sie kümmern sich darum, dass die Technik läuft, und sie greifen ein, wenn Nutzer sich über Inhalte beschweren. Rechtsradikale Äußerungen akzeptieren sie beispielsweise nicht, ebenso wenig trans- oder homophobe Inhalte.

Wer damit nicht einverstanden ist, der kann sich im „Fediverse“ – wie die Enthusiasten die Mastodon-Welt nennen – eine andere Instanz suchen. Laubstein vergleicht das mit einem Ausgehviertel: „In der einen Kneipe sind Raufereien okay, in einer anderen nicht. In der einen gibt es laute Musik, in der anderen leise.“

Die entscheidende Frage: Entsteht ein Sog?

Dieses Prinzip findet durchaus Anklang. Auf Twitter ergänzen zahlreiche Nutzer ihre Biografie um einen Link zu Mastodon. Und es werden beispielsweise Listen mit Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen erstellt, die dort aktiv sind.

„Das Entscheidende, was wir in den nächsten Wochen beobachten werden: Wird aus den vielen einzelnen Entscheidungen, zu Mastodon zu gehen, ein Sog?“, sagt Schmidt, der am Hans-Bredow-Institut in Hamburg über digitale Medien und politische Kommunikation forscht. Es ist der Netzwerkeffekt wie bei Facebook und Twitter: Mit jedem Teilnehmer wächst der Nutzen.

Twitter und Mastodon – Zwitschern versus Tröten. Reuters

Soziale Netzwerke

Twitter und Mastodon – Zwitschern versus Tröten.

Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI) stellt jedenfalls einen massiven Zuwachs auf Mastodon fest – gemessen an der Zahl der Instanzen wie auch Nutzer. Allein in dieser Woche hätten sich das Bundesbau- sowie das Bundeswirtschaftsministerium angemeldet.

Bekannte und reichweitenstarke Akteure spielen bei sozialen Netzwerken eine entscheidende Rolle für den Erfolg oder Nichterfolg. Bei Mastodon sind es bisher vor allem Persönlichkeiten wie der Satiriker Jan Böhmermann oder die Bundesregierung samt Behörden, die ihre vielen Adressen auf der Instanz social.bund.de gebündelt haben. Die Zahl der Anhänger reicht bei Böhmermann mit 92.000 aber noch bei Weitem nicht an die 2,7 Millionen heran, die ihm auf Twitter folgen.

Die Infrastruktur wird von Spendern finanziert

Damit Mastodon dauerhaft Erfolg haben kann, muss die Infrastruktur mitwachsen: Je mehr Nutzer online sind, desto mehr Server werden benötigt. Da das Netzwerk dezentral organisiert ist, ist das Engagement von Privatnutzern und Organisationen erforderlich, ob mit Spenden oder Technik.

Den Server für die Instanz ruhr.social finanziert aktuell Laubsteins Arbeitgeber, der Softwareentwickler 9Elements. Bis zu 200 Dollar kostet das im Monat. „Wir überlegen, einen Verein zu gründen“, sagt der IT-Profi. Dann könne man demokratisch über Themen wie Technik und Moderation entscheiden – und zudem leichter Spenden annehmen.

Auch die Mastodon gGmbH, die die Software entwickelt, ist auf Unterstützung angewiesen: Sie verzichtet bewusst auf Werbung und finanziert sich mit Spenden. Angefangen von 1,50 Euro pro Monat für eine Basismitgliedschaft bis zu einem Gold-Sponsoring von 214,50 Euro im Monat, das allerdings gerade ausverkauft ist.

Wie viel dem gemeinnützigen Unternehmen damit letztlich zur Verfügung steht, ist unklar. Das Budget dürfte weitaus kleiner sein als das von Twitter. Der US-Dienst kam im zweiten Quartal auf Werbeeinnahmen von fast 1,1 Milliarden Dollar. Dabei speiste sich der Umsatz fast ausschließlich aus Werbung, ähnlich wie beim Facebook-Eigner Meta.

Ein wichtiger Punkt für die Zukunft ist zudem die Moderation von Inhalten. Denn: Geht es mit dem Wachstum weiter wie in den vergangenen Wochen, dürfte Mastodon bald unter das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) fallen. Das kommt ab zwei Millionen registrierten Nutzern zum Tragen und soll die Rechtsdurchsetzung im Internet erleichtern, vor allem bei illegaler Hassrede.

„Da wird auf die ein oder andere große Instanz noch Arbeit zukommen“, sagt BfDI-Sprecher Christof Stein. Schmidt zufolge funktioniert die Kontrolle in den kleinen Nutzergruppen bislang gut: „Wenn mehr Menschen kommen, gibt es vielleicht auch mehr Trolle – dann stellt sich die Moderationsfrage mehr als bislang.“

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