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18.03.2022

08:49

Technologiefestival SXSW

Cyberkriege der Zukunft: Wovor Experten warnen

Von: Leonie Tabea Natzel, Stephan Scheuer

Der Krieg gegen die Ukraine wird auch im Cyberspace ausgetragen. Die nächste Generation von Cyberwaffen könnte verheerende Schäden anrichten.

Attacken über das Internet werden noch häufiger werden, prognostizieren Experten. imago images/Panthermedia

Cyberkrieg

Attacken über das Internet werden noch häufiger werden, prognostizieren Experten.

Austin Russland führt den Krieg gegen die Ukraine auch im Internet und hat Tausende Computer zerstört, Websites von Behörden lahmgelegt oder verunstaltet. Schadsoftware wie HermeticWiper und WhisperGate hat wichtige Teile der digitalen Infrastruktur der Ukraine beschädigt. Doch Experten fürchten, dass die nächste Generation an Cyberwaffen noch deutlich größere Schäden anrichten könnte.

Künftige Kriege würden nicht nur mit Bomben und Streitkräften auf dem Boden ausgetragen. Es würden auch die digitalen Systeme angegriffen, die Armeen am Laufen halten, sagt Torsten George, Vizepräsident der Sicherheitsfirma Absolute Software: „Jeder Krieg des 21. Jahrhunderts wird durch Cyberoperationen, Angriffe auf Waffen und Unterstützungssysteme, die Entführung von Drohnen und Kampfflugzeugen in der Luft sowie die Umlenkung von Raketenangriffen ergänzt werden.“

Professor Lucas Kello von der Oxford Universität hält Cyberwaffen gar für globalpolitisch ähnlich gefährlich wie Atombomben. Denn Cyberwaffen könnten das globale Kräfteverhältnis verändern. Anders als Atombomben seien sie kostengünstiger, ließen sich gezielter einsetzen und der Angreifer sei oft nicht klar zu ermitteln. Eine gegenseitige Hochrüstung und Abschreckung wie bei Atomwaffen sei daher obsolet. Staaten lebten heute vielmehr in einem konstanten Status von „Unfrieden“, wie Kello betont.

Strategie der USA ändert sich

Doch nicht nur der Einsatz in einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg durch einen Akteur wie Russland ist gefährlich. Auch die USA könnten Cyberwaffen einsetzen. US-Präsident Joe Biden habe sich von Sicherheitsexperten Szenarien für eine groß angelegte Attacke auf Russland präsentieren lassen, berichtet der Fernsehsender NBC News. Dazu zähle eine Störung des gesamten russischen Internets, ein Abschalten der russischen Stromversorgung und die Sabotage des russischen Zugnetzes. „Alles wäre möglich: Züge langsamer fahren oder sie von den Gleisen stürzen lassen“, zitierte NBC einen Insider. Das Weiße Haus in Washington dementierte diese Darstellung.

Bislang hätten sich die USA fast immer zu diplomatischen Antworten auf Cyberattacken entschieden, das habe sich aber geändert, sagt Nicole Perlroth. Sie war zehn Jahre lang Cybersicherheits-Reporterin der „New York Times“ und berät heute die US-Sicherheitsbehörde Cybersecurity and Infrastructure Security Agency (CISA). „Wir werden in gleichem Maße auf Cyberattacken antworten“, sagte Perlroth bei einem Panel auf dem Technologiefestival SXSW. „In der Ukraine hat Russland schon seit Jahren seine Cyberwaffen ausprobiert.“ Es sei gut möglich, dass auch die USA in den Fokus gerieten.

Der Sicherheitsforscher Bar Kaduri fürchtet, dass die Angriffe auf die USA bereits begonnen haben. Sein Unternehmen Orca Security Research Pod habe einen starken Anstieg der Attacken auf Cloud-Kunden in den USA registriert. Die Malware HermeticWiper habe sich über die Ukraine hinaus ausgeweitet und könne auch dazu genutzt werden, infizierte Computer fernzusteuern, um sie für künftige Cyberattacken einzusetzen.

In den Cyberkrieg hat sich neben Staaten zudem auch ein weiterer Akteur eingeschaltet: Anonymous. Das Hackerkollektiv behauptet, mehrere staatliche Fernsehsender in Russland gehackt und Websites von Behörden gestört zu haben. Der ukrainische Vizepremierminister Mykhailo Fedorov rief per Twitter zudem zum Aufbau eines Cyber-Freiwilligentrupps auf, der auf ähnliche Weise agieren könnte.

Durch solche autonom agierenden Gruppen findet eine Machtverschiebung statt, beobachtet SXSW-Gründerin Amy Webb: „Sie greifen vielleicht ein, um zu helfen, aber es handelt sich um einen geopolitischen Konflikt von globalem Ausmaß, und das ist heikel. Sie müssen keinen tatsächlichen Schaden auf Code-Ebene anrichten, um in der Welt erheblichen Schaden anzurichten. Das ist es, was mir Sorgen bereitet.“

Sicherheitsfirmen profitieren

Die neuen Gefahren bedeuten eine starke Nachfrage nach Produkten zur Cybersicherheit. Die wichtigsten Firmen sitzen in den USA, vor allem im Silicon Valley. Palo Alto Networks aus dem kalifornischen Santa Clara ist laut Analysen des Marktforschers IDC mit einem Marktanteil von rund 19 Prozent im vergangenen Jahr Marktführer gewesen.

Darauf folgt Cisco aus San José in Kalifornien mit einem Marktanteil von rund 16 Prozent und Fortinet aus dem kalifornischen Sunnyvale mit einem Marktanteil von 14 Prozent. Die Firmenzentralen aller drei Unternehmen liegen nur wenige Kilometer auseinander.

Die Ukrainekrise wirkt sich bereits auf viele Unternehmen aus, erklärt Paul Condra, Tech-Analyst bei Pitchbook. „Westliche Unternehmen machen etwa ein bis zwei Prozent ihrer Einnahmen in Russland. Diese Unternehmen ziehen sich jetzt zurück“, erklärt er. „Aber dieser Krieg könnte als Katalysator im Bereich Cybersecurity mit höheren Investitionen fungieren.“

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