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15.03.2022

04:00

Telekommunikation

Warum die Deutsche Telekom weiter auf russische Programmierer setzt

Von: Philipp Alvares de Souza Soares

Während die meisten westlichen Konzerne das Land verlassen, hält der Dax-Konzern an seinen russischen Standorten fest. Eine riskante Strategie

In Deutschland stellt der Konzern ukrainischen Flüchtlingen W-LAN und kostenlose Handykarten zur Verfügung. In Russland wirbt er mit „Pingpong“ um Mitarbeiter. imago images/Marc John

Telekom-Logo in den Farben der Ukraine

In Deutschland stellt der Konzern ukrainischen Flüchtlingen W-LAN und kostenlose Handykarten zur Verfügung. In Russland wirbt er mit „Pingpong“ um Mitarbeiter.

Hamburg „Beeindruckend“, „hochinnovativ“, „IT-Top-Talente mit bestem IT-Know-how“. Nach einer Russland-Reise im Oktober 2021 outete sich Telekom-Chef Timotheus Höttges als Fan seiner Mitarbeiter in Sankt Petersburg. Dort und an zwei weiteren Standorten im Land beschäftigen die Töchter IT Solutions und Global Business Solutions mehr als 2000 Menschen.

Das russische Team sei „unglaublich nah am Geschäft“ und arbeite an „einigen der wichtigsten IT-Projekte“ des Konzerns, schwärmte Höttges anschließend in einem Beitrag für das Konzernintranet. Dazu gehören strategisch essenzielle Vorhaben wie IT-Systeme für den Glasfaserausbau. Mittelfristig sollte die Zahl der Mitarbeiter in Russland um gut 50 Prozent steigen, hieß es damals.

Nur ein halbes Jahr später ist daran nicht mehr zu denken. Der Überfall des russischen Militärs auf die Ukraine macht den hochgelobten Standort Sankt Petersburg für die Telekom vom Hoffnungsträger zum Risiko.

Intern fragen sich bereits Führungskräfte, warum der Vorstand unverändert an den russischen Töchtern festhält. Während Konzerne wie Mercedes-Benz oder McDonald's den Abschied von ihrem Russlandgeschäft verkündet haben, bleibt ausgerechnet die Deutsche Telekom, deren größter Aktionär die Bundesrepublik Deutschland ist, dem Standort vorerst treu. Und das obwohl das Putin-Regime mittlerweile unverhohlen mit Enteignungen droht.

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Standort erkennen

    Mehrere Fragen des Handelsblatts zu den Telekom-Töchtern in Russland beantwortete der Konzern nicht konkret. „Wir arbeiten derzeit an einer Lösung für den von Ihnen beschriebenen Themenkomplex“, teilte ein Sprecher lediglich mit. „Zum jetzigen Zeitpunkt“ möchte man sich jedoch nicht äußern.

    Die Bundesregierung lässt der Telekom zudem freie Hand. Dort hält man bislang auch in der aktuellen Krise an dem Grundsatz fest, sich nicht ins operative Tagesgeschäft von Beteiligungen einzumischen. Die Unternehmen müssten „nun in eigener Verantwortung entscheiden, ob sie sich vom russischen Markt zurückziehen oder ihre Aktivitäten einschränken“, teilt das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz auf Anfrage mit.

    Das Zögern der Telekom hängt – neben der Sorge um das Wohl ihrer russischen Mitarbeiter – wohl vor allem mit einem Punkt zusammen: Zumindest kurzfristig ist sie Insidern zufolge von ihrem Standort in Sankt Petersburg abhängig. Konzernchef Höttges hat demnach in seinem Reisebericht nicht übertrieben.

    Bei vielen Projekten der russischen Kollegen geht es um das Kerngeschäft der Telekom. Sie sind deshalb nicht ohne Weiteres zu ersetzen. Die Spezialisten arbeiten an Software zur Netzplanung oder der einheitlichen Smartphone-App für Privatkunden.

    Aktuellen Stellenausschreibungen zufolge werden auch Projekte externer Kunden wie Mercedes-Benz oder Volkswagen von Sankt Petersburg aus betreut. Zum Teil geht es dabei offenbar um die Verarbeitung sensibler Kundendaten. Für das Bundesverkehrsministerium arbeitet ein Team an einer Plattform für Mobilitätsdaten.

    Accounts russischer Mitarbeiter gesperrt

    Der weitreichende Zugang wurde in der aktuellen Lage offenbar bereits als Problem erkannt. Anfang März haben Verantwortliche laut Handelsblatt-Informationen die Accounts russischer Kollegen für interne IT-Systeme der Telekom gesperrt. Die Maßnahme sollte sie wohl auch davor bewahren, von Externen wie zum Beispiel dem russischen Geheimdienst unter Druck gesetzt werden zu können, um der Telekom oder deren Kunden zu schaden. In ihrer knappen Antwort verweist die Telekom lediglich darauf, Vorkehrungen getroffen zu haben, „um unsere Systeme zu sichern“.

    Ein weiteres Problem sind die Zahlungsströme, die zwischen Russland und dem Westen – wenn überhaupt – nur noch sehr zäh fließen. Bei einer Pressekonferenz Ende Februar sagte Finanzvorstand Christian Illek, dass man „Maßnahmen“ ergriffen habe, um die Bezahlung der Kollegen vor Ort sicherzustellen. Insidern zufolge war damit die Einzahlung einer hohen Summe bei einer russischen Bank gemeint, um mindestens für sechs Monate die Gehälter zahlen zu können. Bei welcher konkret, ist ebenso unklar wie die Frage, wie es danach weitergeht.

    Die Deutsche Telekom IT Solutions ist ihrer Website zufolge Kunde bei einer russischen Filiale der Commerzbank, die bislang noch nicht direkt von den Sanktionen betroffen ist. Führungskräfte der Telekom wurden Handelsblatt-Informationen zufolge indes mittlerweile dazu aufgefordert, den Zahlungsverkehr mit Russland komplett einzustellen. Zu diesem Komplex äußert sich die Telekom auf Anfrage nicht.

    Unklar ist, wie lange der Konzern bei seiner bisherigen Haltung bleiben kann. Die Deutsche Bank, die in einer vergleichbaren Lage steckt, hat etwa kürzlich die Bewerbungsprozesse in ihren russischen IT-Standorten gestoppt und erwägt, einige ihrer 1500 Mitarbeiter an andere Standorte zu versetzen. Ähnliche Überlegungen gibt es offenbar auch bei der Telekom. Sollte sich die Lage in der Ukraine weiter zuspitzen, dürfte das jedoch kaum reichen.

    Bei der Pressekonferenz Ende Februar beschwichtigte Vorstandschef Höttges noch, dass „andere Standorte in Indien oder Osteuropa“ einen möglichen Wegfall der Leistungen der russischen Kollegen ausgleichen könnten. Intern bezweifeln das indes einige und beschreiben die Stimmung im für IT-Entwicklung zuständigen Ressort von Technikvorständin Claudia Nemat als „nervös bis gereizt“. Die pünktliche Fertigstellung strategisch wichtiger Vorhaben sei in Gefahr. Unter IT-Experten gilt eine Verlegung von komplexen IT-Entwicklungsprojekten zumindest kurzfristig als unrealistisch.

    „Business trips to Europe“

    Auch darüber hinaus steht die Konzernführung vor einem Dilemma. Die Telekom fand in Russland, was sie in der Heimat vermisst: hochqualifizierte IT-Spezialisten zu einem vergleichsweise günstigen Preis. Das russische Team gilt intern als „jung und hungrig“.

    Wiegen diese Vorteile auch künftig die Risiken auf, die mit Geschäften in einem repressiv geführten Staat wie Russland einhergehen? Solche Fragen müssen derzeit viele Konzerne beantworten. In der Zwischenzeit entsteht in der Öffentlichkeit eine Spannung, die für die Unternehmen schwer zu überbrücken ist.

    „Ich komme wieder, wenn das Teams in Russland auf 3000 angewachsen ist.“ Screenshot: Instagram

    Timotheus Höttges und T-Systems Chef Adel Al-Saleh in Sankt Petersburg im vergangenen Oktober

    „Ich komme wieder, wenn das Teams in Russland auf 3000 angewachsen ist.“

    In Russland tritt die Telekom wie ein hipper Tech-Konzern auf. Angesichts der Lage in der Ukraine erscheint das derzeit mindestens skurril. Die Tochter IT Solutions wirbt etwa mit „business trips to Europe“, einer Sonnenterrasse und „lounge zones“ plus Playstation 4 um willige Informatikabsolventen. Bis zuletzt wurden Accounts bei sozialen Netzwerken wie Instagram oder dem „russischen Facebook“ VKontakte befüllt. Im letzten Post bei Instagram vom 8. März geht es um Glückwünsche zum Weltfrauentag.

    In Deutschland stellt Konzernchef Höttges derzeit seinen populären Account beim Karrierenetzwerk LinkedIn dem Deutschen Roten Kreuz zur Verfügung.

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