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18.10.2021

09:39

Zukunftsprojekt

Alles auf Metaverse: Warum Facebook 10.000 neue Jobs in der EU schaffen will

Von: Larissa Holzki

Der Konzern von Mark Zuckerberg steckt in einer Vertrauenskrise. Dass Facebook an der nächsten Generation des Internets vor allem in Europa arbeiten will, ist ein politisches Signal.

In der neuen „Horizon Workrooms“-App für Facebooks VR-Brille Oculus Quest 2 sollen sich Menschen in virtuellen Räumen zum Arbeiten treffen können. Im Metaverse sollen solche Angebote deutlich verbessert und erweitert werden. via REUTERS

Virtuelle Realität

In der neuen „Horizon Workrooms“-App für Facebooks VR-Brille Oculus Quest 2 sollen sich Menschen in virtuellen Räumen zum Arbeiten treffen können. Im Metaverse sollen solche Angebote deutlich verbessert und erweitert werden.

Düsseldorf Tausende neue Mitarbeiter in der Europäischen Union sollen Facebooks Zukunftsvision von einem „Metaverse“ vorantreiben. Dabei geht es um eine neue, begehbare Version des Internets, die Konzernchef Mark Zuckerberg zum wichtigsten Vorhaben seines Unternehmens erklärt hat. Wie der Social-Media-Konzern am Montag mitteilte, sollen dafür innerhalb der nächsten fünf Jahre 10.000 Stellen in der EU geschaffen werden.

„Wir wollen Europa in den Mittelpunkt der Pläne für die Zukunft von Facebook stellen“, sagte Facebooks Europa-Chefin Angelika Gifford gegenüber dem Handelsblatt.

Mark Zuckerberg schreibt dieser „nächsten Generation des Internets“ größte Bedeutung zu. Es sei das nächste Kapitel für Facebook als Unternehmen, sagte er den Analysten: Man werde von allen Geräten wie Smartphones, PCs und speziellen Brillen für virtuelle und erweiterte Realitätserfahrungen darauf zugreifen können. Und man werde dort praktisch alles machen können, was im heutigen Internet auch möglich sei, also zum Beispiel mit Freunden kommunizieren, arbeiten oder einkaufen.

Für den Social-Media-Riesen ist es eine Flucht nach vorn. Facebook hat in den vergangenen Wochen nicht nur durch einen massiven Ausfall seiner Plattformen Schlagzeilen gemacht. Schwerwiegender sind die Vorwürfe, dass der Konzern Wachstum und Gewinne über die Sicherheit von Nutzern und Gesellschaft stellt, wie es die ehemalige Facebook-Produktmanagerin Frances Haugen öffentlich behauptet.

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Standort erkennen

    Manche Beobachter beschreiben die Situation für das Unternehmen als die kritischste seit dem Cambridge-Analytica-Skandal, bei dem eine Datenanalysefirma persönliche Daten von 87 Millionen Menschen auswertete, um sie politisch zu manipulieren. Viel spricht dafür, dass Facebook mit seiner Metaversum-Offensive nun auch politische Signale senden will.

    Die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin und Whistleblowerin bei einer Aussage vor dem US-Senat. dpa

    Frances Haugen

    Die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin und Whistleblowerin bei einer Aussage vor dem US-Senat.

    Der Konzern geht nun auf die EU zu, wo Facebook in den vergangenen Jahren wegen seiner Marktmacht und Problemen bei Datenschutz und Datensicherheit massiv in der Kritik stand. Die Manager Nick Clegg (Vizepräsident für globale Angelegenheiten) und Javier Olivan (Vizepräsident für die zentralen Produkte) schreiben dazu in der Mitteilung: „Wir freuen uns darauf, mit Regierungen in der gesamten EU zusammenzuarbeiten, um die richtigen Menschen und Märkte zu finden und unser spannendes Vorhaben aufzubauen.“

    An die Erweiterung des Internets zu einem Metaversum glauben auch andere Technologie-Größen. Dazu zählen Microsoft-CEO Satya Nadella und Tim Sweeney, Chef des Computerspiel-Entwicklers Epic Games. Bei einer Analystenkonferenz beschrieb Zuckerberg das Metaversum Ende Juli als „eine virtuelle Umgebung, in der man mit Menschen in digitalen Räumen zusammen sein kann“.

    Nutzer sollen sich zum Beispiel in Form eines Hologramms an andere Orte projizieren können. Man könne sich das Metaversum „wie ein verkörpertes Internet vorstellen, in dem man sich aufhält, statt es nur zu betrachten“.

    Facebook, zu dem auch die Dienste WhatsApp, Instagram und Messenger gehören und das insgesamt nach eigenen Angaben etwa 2,8 Milliarden Nutzer täglich hat, will die neue digitale Welt zwar nicht allein erschaffen, aber dabei eine zentrale Rolle spielen. Er erwarte, dass Menschen Facebook in den kommenden Jahren zunehmend als „Metaverse-Unternehmen“ betrachten würden, sagte Zuckerberg. Knapp ein Fünftel der derzeit mehr als 63.000 Mitarbeiter soll schon an den dafür notwendigen Technologien arbeiten.

    Warum Facebook bei Metaverse auf die EU setzt

    Im Unternehmen geht man davon aus, dass es sich um das wichtigste Thema für die kommenden zehn bis 15 Jahre handelt. Umso beachtlicher ist, dass Facebook nach dem Start einer internen „Metaverse-Produktgruppe“ im Juli nun zuerst eine damit verbundene Rekrutierungswelle in der EU ankündigt.

    „Wir haben uns sehr dafür eingesetzt, hier neue Jobs und ein neues Ökosystem zu schaffen, weil es hier einen sehr guten Zugang zu Talenten und einen ausgeprägten Binnenmarkt gibt“, sagt Europa-Chefin Gifford. Es würden vor allem Entwicklungsingenieure und Produktmanager gesucht. Insbesondere sei Expertise im Bereich Virtual Reality (VR), Augmented Reality (AR) und Künstliche Intelligenz (KI) gefragt.

    Wo die neuen Arbeitsplätze genau entstehen sollen, steht laut der Managerin noch nicht fest – es könnte theoretisch auch überall gleichzeitig sein: „Das Tolle ist, dass wir durch unser hybrides Arbeitsmodell und die Fernarbeit auch dort Menschen einstellen können, wo wir gar keine Büros haben.“

    Mark Zuckerberg ist großer Befürworter des Homeoffice. Schon kurz nach Ausbruch der Pandemie hatte er erwogen, den Mitarbeitern dauerhaft Heimarbeit zu erlauben. Dabei verwies er auf die große Chance, so Personal auf der ganzen Welt einstellen zu können.

    Grafik

    Eine Absage will Angelika Gifford einem möglichen neuen Standort aber nicht erteilen. „Natürlich wollen wir nicht, dass alle unsere Mitarbeiter ausschließlich remote tätig sind“, sagt sie. Doch die Diskussion über den am besten geeigneten Ort müsse noch geführt werden.

    Bemerkenswert ist auch, dass in der Mitteilung des Unternehmens explizit von der EU die Rede ist. Denn Facebooks größter Standort in Europa ist bisher London, wo der Konzern sein größtes Software-Entwicklungszentrum außerhalb der USA betreibt. Anfang 2020 hatte Facebook angekündigt, die Mitarbeiterzahl dort auf 4000 erhöhen zu wollen.

    Und in Zürich arbeitet Facebooks Tochterfirma Oculus bereits an VR- und AR-Technologien, die zentral für Metaverse sein werden. Die Zahl der Mitarbeiter an dem Standort soll nach Informationen der „Neuen Zürcher Zeitung“ bald von 200 auf 350 steigen.

    Bei der Anzahl der derzeitigen Angestellten in den EU-Ländern hält sich Facebook bedeckt. Es seien „mehrere Tausend“, sagt ein Sprecher auf Anfrage. Im Karrierenetzwerk LinkedIn haben 3900 Mitglieder angegeben, in der EU für Facebook zu arbeiten. Davon nennen 2300 Irland als Beschäftigungsort, wo Facebook seine Europazentrale hat.

    Ein Blick durch die Profile zeigt, dass Facebook EU-weit vor allem Vertriebsexperten, Marketing-Personal, Datenschutzexperten und Lobbyisten beschäftigt – auch wenn es in seiner neuesten Mitteilung betont, es habe hier bereits viel in Tech-Talente investiert: In Frankreich habe der US-Konzern sein erstes europäisches KI-Forschungslabor eröffnet, im irischen Cork befinde sich ein Büro für den Bereich virtuelle und erweiterte Realität, und an der Technischen Universität München (TUM) werde die Forschung gefördert.

    „Wir wollen Europa in den Mittelpunkt der Pläne für die Zukunft von Facebook stellen.“ PR

    Facebook-Managerin Angelika Gifford

    „Wir wollen Europa in den Mittelpunkt der Pläne für die Zukunft von Facebook stellen.“

    Konkret finanziert der US-Konzern das TUM-Institut für „Ethik in der künstlichen Intelligenz“ über einen Zeitraum von fünf Jahren mit insgesamt 6,5 Millionen Euro. Das Engagement wurde bei der Ankündigung 2019 wegen Unabhängigkeitsbedenken teils stark kritisiert.

    Bei Metaverse hat das Unternehmen nun wiederholt betont, dass es die Entwicklung nicht im Alleingang gestalten will. Unter anderem hat es einen Fonds mit mehr als 43 Millionen Euro für Programme und externe Studien bereitgestellt. Das Geld soll eingesetzt werden, um mit Partnern aus Industrie, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft herauszufinden, wie die Technologie für ein Metaversum verantwortungsvoll entwickelt werden kann.

    Wie Facebook in der nächsten Internet-Epoche Geld verdienen will

    Mit Blick auf das Metaversum sieht Mark Zuckerberg auch neue „wirtschaftliche Möglichkeiten“ - auch wenn sich am grundlegenden und auf Werbung basierenden Geschäftsmodell nichts ändern soll. „Ich denke, Handel wird zunehmend wichtig sein“, sagte Zuckerberg zum Ende des zweiten Quartals den Analysten. Zudem würden Avatare, digitale Kleidung und digitale Gegenstände eine große Rolle spielen, die Menschen in den Apps von Ort zu Ort mitnehmen könnten. Der Facebook-Chef prognostiziert, dass Menschen viel Geld ausgeben werden, um ihre digitalen Dinge und Warenbestände zu teleportieren.

    Organisatorisch wird die Entwicklung des Metaverse unter dem neuen Technologievorstand Andrew Bosworth laufen, der 2022 antritt. Als Hardware-Chef leitet er bisher unter anderem die Facebook Reality Labs. Zu deren neuesten Produkten zählt etwa die kürzlich präsentierte Datenbrille „Ray Ban Stories“, bei der Facebook mit dem europäischen Brillenriesen Essilor Luxottica kooperiert. Mit der Brille könnten Nutzer zum Beispiel Fotos und Videos aufnehmen und sie direkt auf den Facebook-Kanälen teilen. Auch die Weiterentwicklung von Facebooks VR-Brille „Quest 2“ verantwortet Bosworth.

    Der noch amtierende CTO Mike Schroepfer hatte Ende September seinen Rückzug angekündigt. Er ist seit 2013 bei Facebook für die technische Infrastruktur verantwortlich und hat auch die Entwicklung von Algorithmen geleitet, die Hassnachrichten, Falschmeldungen und gesellschaftliche Manipulation verhindern sollen. Dass Facebook dieses Bestreben über die vergangenen letzten Jahre nicht in aller Konsequenz verfolgt hat, zeigen die Enthüllungen der Whistleblowerin Frances Haugen.

    „Wir haben im Moment nicht die positivste Presse“, sagt Gifford und gibt sich optimistisch, dennoch 10.000 hochqualifizierte neue Mitarbeiter zu finden: „Aber wir haben einen kraftvollen Innovationsmotor, einen wahnsinnig inspirierenden CEO und ein fantastisches Produktteam, das in vielen Bereichen führend ist.“

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