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18.07.2019

17:54

Analyse

Die Magie weicht der Ernüchterung: SAP kann die Erwartungen nicht erfüllen

Von: Christof Kerkmann

Der Software-Konzern verspricht den Aktionären mehr Profit. Doch von der SAP-Quartalsbilanz sind die Anleger enttäuscht – der Aktienkurs stürzt ab.

Der Software-Riese will profitabler werden. Reuters

SAP-Chef Bill McDermott

Der Software-Riese will profitabler werden.

Düsseldorf SAP tut einiges, um einen attraktiven Arbeitsplatz zu bieten. Die Bezahlung ist ordentlich, die Dienstwagenregelung großzügig, der Kaffee kostenlos. Doch auf ein lange gehegtes Privileg müssen die Mitarbeiter des Softwareherstellers bald verzichten: Sie können ihre Urlaubstage nicht mehr beliebig im folgenden Jahr nehmen – so wie es in der Mehrzahl der Unternehmen üblich ist.

Die Maßnahme, jüngst angekündigt, ist ein Zeichen dafür, dass SAP verstärkt auf die Kosten achtet. Der Dax-Konzern will auf Druck von Aktionären und Analysten die Profitabilität deutlich steigern – und damit auch den Aktienkurs. Einen Börsenwert von 300 Milliarden Dollar, umgerechnet knapp 270 Milliarden Euro, hält Vorstandssprecher Bill McDermott bis 2023 für machbar. Das sind für deutsche Unternehmen bislang unbekannte Dimensionen. Zum Vergleich: Aktuell „kostet“ das Unternehmen auf dem Parkett gut 140 Milliarden Euro.

Das Management hat damit Erwartungen gesteckt, die es nicht so einfach erfüllen kann. Das zeigen die Zahlen fürs zweite Quartal. Der Umsatz stieg zwar von Anfang April bis Ende Juni um elf Prozent auf 6,63 Milliarden Euro. Er erfüllte damit weitgehend die Prognosen der Analysten – vor allem weil das Geschäft mit dem Cloud-Computing weiter blendend lief. Allerdings gab es Schwierigkeiten beim Verkauf von Softwarelizenzen. Zudem stagnierte die operative Marge – anders als nach der Ankündigung im April erwartet.

Die Aktionäre verkauften nach der Veröffentlichung am Donnerstag SAP-Papiere in Massen. Der Kurs, der zuletzt nahe dem Allzeithoch von rund 124 Euro notierte, sackte zwischenzeitlich um bis zu zehn Prozent ab. Am Nachmittag lag er rund fünf Prozent im Minus.

Analysten bewerteten die Ergebnisse nicht ganz so dramatisch: Diese seien zwar etwas schwächer als gedacht. Der Konzern sei aber immer noch auf einem guten Weg, seine Jahresziele zu erreichen, schreibt etwa Knut Woller von der Baader Bank.

Auch Finanzchef Luka Mucic beschwichtigte. „Die Aktionäre können sich darauf verlassen, dass SAP wie in der Vergangenheit alle Ziele sicher erfüllt“, sagte er dem Handelsblatt. Bis zu einem Kapitalmarkttag im November muss er allerdings Beweise dafür erbringen. Dem Unternehmen, das derzeit ohnehin mit einer Umstrukturierung beschäftigt ist, steht weitere Unruhe bevor.

Teure Neuausrichtung

Seit Bill McDermott an die Spitze von SAP getreten ist – zunächst mit Jim Hagemann Snabe, später allein –, richtet er das Unternehmen neu aus. Immer mehr Unternehmen mieten ihre IT aus der Cloud, anstatt sie im eigenen Rechenzentrum zu installieren. Da ist ein Paradigmenwechsel, fürs Geschäftsmodell wie für die Technologie. Die Verlagerung in die Cloud betreffe alle Bereiche der IT, betont das Marktforschungsunternehmen Gartner. Es handele sich um eine revolutionäre Kraft. Das zeigt sich in den Budgets: Die Investitionen in die Cloud werden nach Einschätzung der Experten in den nächsten Jahren weiter kräftig zulegen.

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Da der deutsche Konzern den Trend aus dem Silicon Valley verpasst hatte, investierte er massiv: Er übernahm mehrere Unternehmen, darunter Concur für umgerechnet 6,2 Milliarden Euro und Qualtricsa für 7,1 Milliarden Euro. SAP baute etliche Rechenzentren in aller Welt. Und stellte seine Prozesse um. Heute gilt in Walldorf und allen anderen Büros weltweit längst die Parole „Cloud first“.

Die Ergebnisse geben dem Management grundsätzlich recht: SAP ist in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen, vor allem dank des Cloud-Geschäfts. Angesichts der hohen Investitionen ist das neue Geschäftsmodell jedoch nicht so einträglich wie das alte. Mit dem Verkauf von Softwarelizenzen und der obligatorischen Wartung erzielt SAP eine Bruttomarge von 86 Prozent, mit Diensten aus dem Rechenzentrum nur knapp 63 Prozent.

Viele Investoren verlangen daher ein Umsteuern. Besonderen Nachdruck bekommt diese Forderung durch den Hedgefonds Elliott Management, der für seine rüden Methoden bekannt ist. Die Investmentgesellschaft, mit knapp einem Prozent beteiligt, bezeichnet SAP als eines der führenden Technologieunternehmen weltweit, aber „konsequent unterbewertet“. Es sei möglich, den Gewinn pro Aktie bis 2023 auf 8,50 Euro zu steigern – deutlich mehr, als Analysten bis dato prognostiziert hatten.

Es war kein Zufall, dass SAP am Tag des Einstiegs von Elliott ein Effizienzprogramm bekanntgab. Das Management kündigte an, die operative Marge bis 2023 um jeweils einen Prozentpunkt zu steigern. Auch wurde ein Spezialgremium eingerichtet, das die internen Prozesse besser und effizienter machen soll. Das sei der „magische Moment, auf den die Leute gewartet haben“, sagte McDermott damals.

Hohe Kosten für Restrukturierung

Doch statt Magie herrscht erst einmal Ernüchterung. Im zweiten Quartal verzeichnete SAP weiterhin hohe Kosten für die Milliardenübernahme des Marktforschungsspezialisten Qualtrics – etwa durch Aktienoptionen. Zudem fielen erneut Restrukturierungskosten an, weil mehr Mitarbeiter in Deutschland das Angebot für Abfindung und Vorruhestand annehmen wollen. Im gesamten Geschäftsjahr dürfte das Programm rund 1,1 Milliarden Euro kosten.

Deshalb sank das Betriebsergebnis im zweiten Quartal um 21 Prozent auf 827 Millionen Euro. Im Auftaktquartal hatte der Konzern sogar einen Verlust verzeichnet. Der Cashflow aus betrieblicher Tätigkeit lag mit 122 Millionen Euro im Minus. Das ist für ein sonst hochprofitables Unternehmen ungewöhnlich.

Gleichzeitig lief das Geschäft nicht in allen Bereichen so rund, wie Beobachter erwartet hatten. Den Umsatz mit dem Cloud-Computing steigerte der Softwarehersteller zwar um rund 40 Prozent auf 1,69 Milliarden Euro – nicht zuletzt mithilfe der Übernahmen von Qualtrics und Callidus. Allerdings stockte der Verkauf von Softwarelizenzen, namentlich in Asien. Der Handelskonflikt verunsichert offenbar einige Kunden, sie verschoben deswegen Vertragsabschlüsse.

Grund zur Sorge ist das noch nicht. Das Unternehmen bleibt bei seinem Ausblick für 2019 und darüber hinaus. Das Betriebsergebnis soll stärker steigen als der Umsatz, die Profitabilität sich verbessern. SAP mache große Fortschritte, betont Finanzchef Mucic. Wenn es in einem Quartal mal nicht so gut laufe, müsse man das nicht überinterpretieren.

Die meisten Analysten dürften zustimmen. Es handele sich nur um eine moderate Abweichung von den Erwartungen, erklärt Mohammed Moawalla von Goldman Sachs. Da sich am Ausblick nichts ändert, behält die Investmentbank den IT-Konzern auf ihrer „Conviction Buy List“. Sie empfiehlt die Aktie also mit Überzeugung. Der aktuelle Abschlag habe auch mit dem jüngsten, rasanten Kursanstieg zu tun, erläutert Moawalla. Anders gesagt: SAP hat bei den Aktionären hohe Erwartungen geweckt.

Verkauf kleiner Sparten

Auch wenn die Belastung aus den Sondereffekten bald entfällt: SAP muss mehr tun, um die hochgesteckten Ziele zu erreichen. Das Management setzt auf ein Bündel an Maßnahmen. So organisiert es das Produktportfolio neu. Geschäfte, die weder einträglich noch zukunftsträchtig sind, sollen abgegeben werden.

Den Bereich „Content as a Service“, der Inhalte zu Themen wie Gesundheit und Sicherheit zur Verfügung stellt, verkaufte SAP für knapp 60 Millionen Euro an die Firma Verisk, die auf Compliance-Lösungen spezialisiert ist. Weitere solcher Transaktionen im „kleineren Umfang“ seien denkbar, so Mucic. Zudem ist geplant, Programme und Funktionen, die beispielsweise aufgrund von Zukäufen doppelt vorhanden sind, zusammenzuführen. Das gelte etwa für eine Lösung zur Rechnungsstellung.

Ein neues Restrukturierungsprogramm schließt der Vorstand aber ebenso aus wie tiefe Einschnitte bei der Bezahlung. Weitere Abbauprogramme sind laut Mucic nicht geplant. Für Weiterbildungen stehe sogar ein größeres Budget zur Verfügung – die Belegschaft soll sich auf die neuen Technologien und Geschäftsmodelle einstellen.

Ein Effekt dürfte in den nächsten Jahren helfen: Beim Cloud-Computing hat SAP eine kritische Masse erreicht. Mit jedem Kunden steigt die Auslastung der Rechenzentren, damit fallen die Kosten immer weniger ins Gewicht. Gleichzeitig hilft eine Vereinheitlichung der Infrastruktur, die Betriebskosten der vielen Lösungen zu senken, die der Softwarekonzern in den vergangenen Jahren gekauft hat. Beispiel Success Factors: Die Personallösung läuft seit Kurzem auf der Datenbank Hana, die ein Entwicklerteam selbst programmiert hat. Die Einsparungen betrugen allein 18 Millionen Euro.

Was ebenfalls hilft: Viele Kunden lassen die Cloud-Dienste von SAP auf der Infrastruktur von Amazon-Tochter AWS, Microsoft oder Google laufen. Diese betreiben die IT besonders kostengünstig. Der deutsche Konzern arbeitet daher mit den amerikanischen Anbietern zusammen.

Und dann ist da noch Qualtrics. SAP schloss die Übernahme des Marktforschungsspezialisten im Januar ab, nun machen sich beide Unternehmen daran, die Lösungen technisch zu integrieren und den Verkauf aufeinander abzustimmen. Im ersten Halbjahr erwirtschaftete die Einheit bereinigt 215 Millionen Euro. Der Zukauf werde ein „Wachstumskatalysator“, versprach McDermott.

Das Resultat aller Bemühungen: Im zweiten Quartal blieb bei den Diensten aus der Datenwolke deutlich mehr übrig, die bereinigte Bruttomarge stieg um vier Prozentpunkte auf 67,9 Prozent. Die Zielmarke für das Jahr 2023 liegt aber bei 75 Prozent. Bequem wird es für die SAP-Mitarbeiter sicher nicht.

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