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05.07.2019

03:57

Andy Jassy Im Interview

CEO von Amazon Web Services: „Das meiste wird in die Cloud gehen“

Von: Christof Kerkmann, Thomas Hanke

Das Geschäft von Amazon Web Services boomt. Doch nach Ansicht von Andy Jassy ist das Potenzial nicht ausgeschöpft: Er will die ganze Firmen-IT in die Cloud bringen.

„Die Kunden entscheiden darüber, wo ihre Daten gespeichert werden.“ Getty Images

Andy Jassy

„Die Kunden entscheiden darüber, wo ihre Daten gespeichert werden.“

Paris Andy Jassy, Chef von Amazon Web Services (AWS), fordert eine staatliche Regulierung für Gesichtserkennung. „Wir als AWS können natürlich niemanden ins Gefängnis stecken. Aber es sollte Konsequenzen haben, wenn Unternehmen die Technologie missbrauchen“, sagte er in einem Interview mit dem Handelsblatt. „Ich würde mir wünschen, dass Regierungen in dieser Hinsicht handeln.“ Das Tochterunternehmen von Amazon bietet mit Rekognition eine Gesichtserkennungssoftware aus der Cloud an.

Bürgerrechtler wie die Organisation ACLU kritisieren, dass die Gesichtserkennung bei Menschen mit dunkler Haut und Frauen häufiger Fehler macht, was zur Diskriminierung bestimmter Gruppen führen könne. Jassy entgegnete, dass man die Technologie richtig einsetzen müsse: „In der technischen Dokumentation machen wir klar deutlich, dass Strafverfolgungsbehörden nur Vorhersagen mit 99-prozentiger Sicherheit nutzen sollten, und das auch nur als ein Element in einer von Menschen geführten Untersuchung.“

Ein Verbot der Technologie, wie es jüngst beispielsweise die Stadt San Francisco beschlossen hat, lehnt der Manager jedoch ab: „Die Gesichtserkennung hat ja auch viel Gutes für die Gesellschaft getan“ – so nutze die Organisation Thorn den Dienst Rekognition, um Opfer von Kindesmissbrauch zu finden. „Nur weil eine Technologie missbräuchlich eingesetzt werden kann, bedeutet das nicht, dass man sie verbieten sollte.“

Lesen Sie hier das Interview:

Herr Jassy, AWS baut als Cloud-Anbieter Rechenzentren, neuerdings aber auch einige Satellitenstationen. Warum?
Viele unserer Kunden nutzen bereits Satelliten, zum Beispiel für Wettervorhersagen und die Landwirtschaft. Die Übertragung ist bislang umständlich und teuer. Mit AWS können sie die Daten direkt in die Rechenzentren schicken, speichern, Analysen machen und weiterverarbeiten.

Das Projekt zeigt die Ambitionen von AWS. Welches Potenzial hat das Cloud-Computing?
Unser Geschäft wächst um 41 Prozent und erreicht in diesem Jahr hochgerechnet 31 Milliarden Dollar Umsatz. Aber es werden erst drei Prozent aller IT-Aufgaben in der Cloud abgewickelt. Wir sind noch ganz am Anfang der größten technologischen Transformation unseres Lebens.

Wie groß kann der Anteil der IT-Aufgaben, die in die Cloud gehen, noch werden?
Technisch gesehen bis zu 100 Prozent. In zehn oder 20 Jahren werden die meisten Unternehmen keine eigenen Rechenzentren mehr haben. Nur Aufgaben, bei denen es auf die Nähe ankommt – zum Beispiel in einer Fabrik – werden künftig noch vor Ort erledigt. Das meiste wird in die Cloud gehen.

Welchen Anteil kann sich AWS sichern?
Die Marktsegmente, in denen AWS aktiv ist, sind zusammen Billionen von Dollar wert. Größe ist wichtig, um mithalten zu können, daher wird es nur eine Handvoll erfolgreicher Anbieter geben. Ich bin optimistisch, dass wir weiterhin mit Abstand Marktführer bleiben.

Der Wettbewerb wird allerdings härter. Wie heben Sie sich ab?
Uns ist immer klar gewesen, dass praktisch jedes große IT-Unternehmen auf die Cloud setzen würde – die Vorteile für die Kunden sind einfach zu groß. Ich bin eher überrascht, dass es so lange gedauert hat, bis andere Hersteller etwas mitbekommen haben…

Wie Microsoft, das derzeit mächtig aufholt.
Es gibt einige Dinge, mit denen wir uns unterscheiden. AWS bietet die größte Zahl an Funktionen, mit denen Entwickler etwas bauen können. Wir haben ein viel größeres und dynamischeres Ökosystem von Partnern, die unsere Lösungen vermarkten, und Softwareanbietern, die unsere Plattform nutzen. Und wir haben eine größere Reife. Wir haben unser Geschäft bereits 2006 gestartet und bedienen weltweit Millionen von Kunden. Es gibt bei uns einen Satz: Es gibt keinen Kompressionsalgorithmus für Erfahrung.

Allerdings haben Microsoft und IBM, anders als AWS, exzellente Zugänge zu großen Firmen.
Die älteren Anbieter haben Beziehungen zu Unternehmen, die mehrere Jahrzehnte andauern. Wir sind in Kontakt mit vielen Programmierern, aber noch nicht allen CEOs. Wir arbeiten aber wirklich hart an solchen Beziehungen und haben viele Fortschritte gemacht. Schon über 5 000 Behörden in aller Welt nutzen AWS.

Reicht das, um an große Projekte zu kommen?
Wenn Unternehmen in die Cloud gehen, vergleichen sie die Anbieter – das ist ja eine gigantische Entscheidung. Auch wenn jemand anders das Angebot gemacht, gewinnen wir oft den Vertrag.

Warum stellen Sie nicht mehr Vertriebler ein?
Wir haben schon eine große Vertriebsorganisation, die aus mehreren tausend Leuten besteht, werden die aber weiter ausbauen. Wenn ein Unternehmen wie unseres schnell wächst, muss es allerdings aufpassen, dass es die richtigen Leute einstellt. Wir brauchen Vertriebler, die das tun, was für den Kunden am besten ist, nicht für sie selbst. Und sie müssen Ahnung von Technologie haben. Wir werden bei unseren Einstellungsstandards keine Kompromisse eingehen.

Viele Konzerne der Old Economy tun sich derzeit mit Cloud-Anbietern zusammen. Nehmen wir Volkswagen als Beispiel: Warum soll AWS die Fabriken vernetzen – und nicht Microsoft oder SAP?
Die Zusammenarbeit mit Volkswagen ist eine sehr strategische. Sie ist aus mehreren Gründen entstanden: Wir bieten die meisten Fertigkeiten, wir haben eine Menge Erfahrung mit der Lieferkette und der Logistik. Außerdem helfen wir bei der Entwicklung von Innovationen: Bevor wir eine Zeile programmieren, schreiben wir gemeinsam mit dem Kunden eine Pressemitteilung und ein FAQ, um die Ziele genau herauszuarbeiten, und arbeiten rückwärts auf dieses Ziel hin.

Die Amazon-Methode. Wie weit gehen Sie in das Geschäft eines Kunden hinein?
Wir bieten unseren Kunden Bausteine an – einige wollen aber, dass wir uns an den Projekten beteiligen, ob bei der Konzeption oder Entwicklung. Oder sie wollen, dass wir ihre Mitarbeiter schulen, zum Beispiel für Künstliche Intelligenz. Wir betrachten das aber weniger als Profitcenter, es geht darum, Kunden dabei zu helfen, ihr Geschäft voranzutreiben und Neues zu entwickeln.

Volkswagen-Chef Herbert Diess hat kurz vor der Ankündigung der Partnerschaft ein Selfie mit Jeff Bezos gepostet. Seit wann mischen sich die CEOs in die IT-Beschaffung ein?
In den letzten drei Jahren haben wir immer mehr Beziehungen zu den Vorständen aufgebaut. Für die meisten Unternehmen ist es eine große Entscheidung, in die Cloud zu wechseln, daher ist der Gesprächsbedarf groß. Meistens fangen die Unternehmen mit einigen Prototypen an. Wenn sie beginnen, mehr und mehr Aufgaben in die Cloud auszulagern, ist üblicherweise der Zeitpunkt, ab dem CFOs und CEOs involviert sein wollen.

Amazon ist ja in vielen Geschäftsfeldern aktiv. Können sich BMW und Volkswagen darauf verlassen, dass Sie ihnen nicht Konkurrenz machen?
Wir planen nicht, Autos zu bauen. Es gibt natürlich die Möglichkeit, dass Amazon mit dem Privatkundengeschäft in einem Markt aktiv wird, in dem auch Kunden agieren. Aber diese Segmente sind so riesig, dass dort mehrere Unternehmen Erfolg haben können. Zumal auch bei uns nicht jede Markteinführung ein Erfolg wird.

Wenn Amazon in einen neuen Markt eintritt, stürzen die Aktienkurse etablierter Anbieter oft ab.
Zunächst mal handelt es sich meist nicht um Ankündigungen von uns, sondern falsche Gerüchte. Aber die Börse ist kurzfristig ein Beliebtheitsbarometer und langfristig eine Waage: Der Kurs normalisiert sich im Laufe der Zeit wieder.

Das gilt allerdings nicht immer.
Amazon hatte nur auf eine relativ kleine Anzahl von Marktsegmenten eine disruptive Wirkung: im Einzelhandel und bei Infrastrukturtechnologie. In beiden Fällen handelte es sich um veraltete Geschäftsmodelle, von denen die Kunden nicht begeistert waren. Wo sich die etablierten Unternehmen anpassen, geht es ihnen gut.

AWS ist Teil des Amazon-Konzerns. Ist die Zusammenarbeit da nicht enger als bei anderen Kunden?
Wir behandeln Amazon wie alle anderen Kunden auch, auf diese Abgrenzung achten wir genau. Das funktioniert auch – schauen Sie sich Netflix an: Obwohl das Unternehmen aggressiv mit Amazon Prime Video konkurriert, lässt es seine gesamte IT bei uns laufen. Sie wissen, dass sie für uns als Kunde genauso wichtig sind wie das Verbrauchergeschäft von Amazon.

Gilt das auch für den Umgang mit Daten?
Es gibt niemanden außerhalb von AWS, der Zugang zu den Daten unserer Kunden hat. Und auch wir schauen nicht in die Daten unserer Kunden. Einzig die Kunden entscheiden darüber, wo ihre Daten gespeichert werden.

Welche Rolle spielt AWS für Amazon insgesamt?
Alle Entwickler bei Amazon setzen auf AWS. Dass sich das Verbrauchergeschäft von Amazon immer wieder neu erfindet, hat damit zu tun – es liegt an der Agilität, den Möglichkeiten und der Kostenstruktur.

Gesichtserkennung sorgt für Kontroversen, auch in den USA. Microsoft und Google verkaufen diese Technologie nicht mehr an Polizeibehörden. Warum tut AWS das?
Die Bürgerrechte sind mir und den anderen Führungskräften bei Amazon und AWS sehr wichtig. Aber nur weil eine Technologie missbräuchlich eingesetzt werden kann, bedeutet das nicht, dass man sie verbieten sollte. Die Gesichtserkennung hat ja auch viel Gutes für die Gesellschaft getan. Eine Organisation wie Thorn nutzt zum Beispiel unsere Technologie, um Opfer von Menschenhandel zu identifizieren.

Die Kritik entzündet sich auch daran, dass die Technologie bei bestimmten Gruppen wie farbigen Menschen öfter Fehler macht.
In der technischen Dokumentation machen wir klar deutlich, dass Strafverfolgungsbehörden nur Vorhersagen mit 99-prozentiger Sicherheit nutzen sollten, und das auch nur als ein Element in einer von Menschen geführten Untersuchung. Die Nutzungsbedingungen sehen außerdem vor, dass Kunden, die die Technologie missbrauchen, unsere Plattform und Dienstleistungen nicht mehr nutzen können.

Überwachen Sie die Nutzung denn?
Wir können nicht sagen, wofür die Leute den Service nutzen. Wenn wir Berichte über Missbrauch erhielten, würden wir die Unternehmen unbedingt suspendieren. Aber das war noch nicht der Fall.

Unabhängig von technischen Vorgaben, wo sollte eine Regulierung denn ansetzen?
Wir als AWS können natürlich niemanden ins Gefängnis stecken. Aber es sollte Konsequenzen haben, wenn Unternehmen die Technologie missbrauchen. Ich würde mir wünschen, dass Regierungen in dieser Hinsicht handeln.

Amazon ist das Ziel von Politikern, die die große Macht der Technologiekonzerne beklagen. Was sagen Sie zu der Forderung, Firmen aufzuspalten?
Wir haben ein großes Geschäft, aber wir sind im Vergleich zum Gesamtmarkt klein: Der Handel macht 25 Billionen Dollar Umsatz – Amazon hat einen Marktanteil von einem Prozent. Und das Cloud-Computing macht nur drei Prozent des gesamten IT-Marktes aus. Es gibt also keinen guten Grund, Amazon aufzuspalten.

Eine persönliche Frage: Amazon-Chef Jeff Bezos kümmert sich immer mehr um Projekte wie die „Washington Post“ und seine Raketenfirma Blue Origin. Wie verändert sich Ihre Rolle dadurch?
Meine Rolle hat sich nicht sehr verändert: Jeff ist ja schon länger an diversen Projekten beteiligt und gibt seinen Führungskräften seit jeher Autonomie. AWS interessiert die Menschen aber mehr, weshalb ich häufiger öffentlich auftrete. Verändert hat sich meine Arbeit trotzdem – durch das schnelle Wachstum tut sich in ein paar Monaten unheimlich viel.

Herr Jassy, vielen Dank für das Interview.

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