Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

10.10.2019

08:24

Cloud Computing

Mit diesem Vorhaben will ein deutscher Familienunternehmer Amazon und Microsoft herausfordern

Von: Christof Kerkmann, Anja Müller, Moritz Koch

Familienunternehmer Friedhelm Loh will der Industrie die Vernetzung erleichtern. So will er einen Anteil zur Digitalisierung Deutschlands beitragen.

Der Unternehmer Friedhelm Loh sieht in der Vernetzung der Industrie eine große Chance für sein Unternehmen. dpa

Rechenzentrum von Rittal

Der Unternehmer Friedhelm Loh sieht in der Vernetzung der Industrie eine große Chance für sein Unternehmen.

Düsseldorf, Berlin Friedhelm Loh ist gerne mit von der Partie, wenn es um die Zukunft geht: um die Zukunft seines Unternehmens, der Friedhelm Loh Group, aber auch um die Zukunft des deutschen Mittelstands. So stieg er früh beim Augsburger Roboterhersteller Kuka ein. Loh wollte verstehen, wie sich die Industrie entwickeln würde.

Der zukunftsgewandte Familienunternehmer ist auch maßgeblich am größten unterirdischen Rechenzentrum Westeuropas, der Lefdal Mine in Norwegen, beteiligt. Dieses Rechenzentrum wird mit grüner Energie betrieben und mit Meerwasser gekühlt.

Am Donnerstag wird er vielen erneut einen Schritt vorauseilen, wie das Handelsblatt vorab erfahren hat. Ein Tochterunternehmen der Friedhelm Loh Group, German Edge Cloud, wird gemeinsam mit einer Tochter des Bosch-Konzerns und dem Start-up Iotos ein Mini-Rechenzentrum für die Industrie 4.0 vorstellen.

Dieses System mit dem Namen Oncite soll ermöglichen, Fabriken zu vernetzen – und zwar ohne Kontrollverlust: Unternehmen sollen selbst entscheiden können, wo ihre Daten bleiben. Das Konsortium aus den drei Firmen nimmt vor allem Automobilzulieferer in den Blick.

So leisten die Beteiligten womöglich einen Beitrag zur digitalen Souveränität Deutschlands: Loh positioniert das neue Produkt als Teil der digitalen Infrastruktur Gaia-X, mit der Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von Cloud-Anbietern aus den USA wie Amazon und Microsoft verringern will. Der Mittelständler fordert die Konzerne heraus, zumindest mit einem Produkt.

Der Unternehmer marschiert gerne voran. FLG

Friedhelm Loh

Der Unternehmer marschiert gerne voran.

„Schon Anfang 2018 haben wir über die Digitalisierung des Mittelstands intensive Gespräche mit der Bundesregierung geführt“, erklärt Loh dem Handelsblatt. Es gehe um die Konkurrenzfähigkeit im internationalen Wettbewerb.

Im Dialog sei deutlich geworden: „Die Lösung, die der Mittelstand für die Digitalisierung braucht, gibt es noch nicht.“ So sei die Entwicklung von Gaia-X in Gang gekommen. Bevor Altmaier das Projekt Ende Oktober auf dem Digitalgipfel offiziell vorstellt, beginnt Loh schon mit der Vermarktung.

Datenverarbeitung neben der Produktionsstraße

Oncite ist ein System, das direkt in der Fabrik die Daten aus der Produktion verarbeitet – womöglich nur wenige Meter von der Produktionsstraße entfernt. Einerseits geht es darum, die Fertigung zu optimieren oder die Qualität zu verbessern, zum Beispiel mit intelligenten Analysen. Andererseits soll das System die Verbindung zu anderen Plattformen herstellen. Zulieferer beispielsweise können sich so mit Industriekonzernen vernetzen. Dieses Vorgehen ist in der Automobilindustrie gang und gäbe.

Neu ist das Prinzip nicht. Die Digitalisierung der Produktion beschäftigt die Industrie unter dem Schlagwort Industrie 4.0 schon seit Jahren. Für Speicherung, Austausch und Analyse der Daten nutzen die Unternehmen jedoch häufig Cloud-Dienste. Das heißt: Sie nutzen IT-Ressourcen aus dem Rechenzentrum eines Dienstleisters, das womöglich Hunderte Kilometer entfernt steht.

Volkswagen arbeitet zum Beispiel mit Amazon Web Services (AWS) zusammen, Microsoft hat eine Partnerschaft mit BMW. Im Markt für Infrastruktur und Plattformlösungen aus der Datenwolke dominieren die beiden US-amerikanischen Anbieter, gefolgt von Google, IBM und Alibaba. Mit Investitionen in Milliardenhöhe haben diese Konzerne Plattformen aufgebaut, die der Konkurrenz bei der Funktionalität weit voraus sind. Daher haben es europäische Anbieter schwer auf dem Markt.

Die heutigen Cloud-Lösungen hätten einen „entscheidenden Nachteil“, argumentiert Loh: „Das Unternehmen kann nicht frei entscheiden, wem es welche Daten gibt. Das heißt, die Datensouveränität ist nicht gegeben.“ Bedenken haben viele Entscheidungsträger beispielsweise wegen des sogenannten Cloud Acts, der US-Behörden seit 2018 erlaubt, auch auf jene Daten zuzugreifen, die US-amerikanische IT-Anbieter im Ausland speichern.

Hier setzt Oncite an: Das System speichert die Daten zunächst in einem kleinen Rechenzentrum lokal. Die Firmen entscheiden, wo ihre Daten bleiben.

Grafik

Auch Boris Otto, geschäftsführender Leiter des Fraunhofer-Instituts ISST, sieht in der Cloud- und Datensouveränität Erfolgsfaktoren für die Digitalisierung der deutschen Industrie. Es müsse sichergestellt sein, dass der Austausch, die Nutzung und auch die Speicherung der Daten sicher sind. Oncite adressiere im Zusammenspiel mit dem sicheren Datenraum „Industrial Data Space“, den seine Organisation entwickelt, „Kernbedarfe der deutschen Industrie“.

Handelsblatt Premium

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×