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04.09.2019

15:44

Digitalmesse

Smart Home: Auf der IFA ringen die Konzerne um die Vorherrschaft

Von: Stephan Scheuer, Christof Kerkmann

Immer mehr Geräte werden vernetzt. US-Firmen liegen beim Kampf um eine zentrale Plattform weit vorn –doch jetzt greift ein europäisches Unternehmen an.

Digitalmesse IFA

Warum Ikea jetzt auch auf vernetzte Haushaltsgeräte setzt

Digitalmesse IFA: Warum Ikea jetzt auch auf vernetzte Haushaltsgeräte setzt

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Berlin Das Türschloss schickt eine Nachricht aufs Smartphone, wenn jemand nach Hause kommt. Der Saugroboter rollt los, wenn man ihm einen Befehl zuruft. Und der Kühlschrank macht Rezeptvorschläge, die zu den Vorräten passen. Das große Wettrennen um die Vernetzung des Alltags hat begonnen.

Nichts zeigt das so deutlich, wie die Initiative des Möbelriesen Ikea. „Wir haben uns entschieden, stark in Smart Home zu investieren“, kündigte Ikea-Manager Peter van der Poel an. Eine eigene Geschäftseinheit soll die Anstrengungen bündeln.

Vor zwei Jahren hatte Ikea die ersten smarten Lampen in das Sortiment aufgenommen. Jetzt will der Konzern das zögerliche Geschäft ausweiten. Dabei kann das Unternehmen auf eine gewaltige Marktmacht zurückgreifen. 780 Millionen Kunden besuchen die Filialen des Möbelhauses in der ganzen Welt jedes Jahr.

Noch setzt Ikea mit seinem Portal Tradfri auf alle gängigen Anbieter, wie die Sprachsteuerung Google Assistant, Siri von Apple oder Alexa von Amazon. Das könnte sich künftig jedoch ändern, wenn Ikea seinen eigenen Anspruch in dem wachsenden Geschäft behaupten will.

Bei dem Wettrennen geht es nicht nur um die Geräte. Die zentrale Rolle kommt den Plattformen zu, die verschiedene Produkte steuern und überhaupt erst nützlich für Endkunden machen könnten. Wer die Plattform kontrolliert, bestimmt das Geschäft.

Das sind die zentralen Lehren aus dem Erfolg von Google, Apple und Facebook. Und die US-Konzerne bringen sich in Stellung, um auch beim Thema Smart Home die dominanten Spieler zu werden. Ein Schaulaufen der verschiedenen Anbieter wird es ab Freitag in Berlin geben, wo die globale Branche für Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräte zur Leitmesse IFA zusammenkommt.

Vernetze Haushaltsgeräte sind auf dem Vormarsch. Drei von zehn Deutschen haben mindestens ein vernetztes Gerät zuhause, hat eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom ergeben. Im Vorjahr lag der Anteil noch bei 26 Prozent der Bundesbürger.

Dabei zählt der Verband smarte Fernseher nicht mit, die heute bereits zum Standard gehören. Er konzentriert sich hingegen auf klassische Heimanwendungen, wie digital gesteuerte Lampen oder Heizkörperthermostate.

Bis zum Jahresende werden weltweit 830 Millionen smarte Haushaltsgeräte verkauft werden, schätzt der Marktforscher IDC. Bis zum Jahr 2023 soll sich die Zahl des jährlichen Absatzes auf 1,6 Milliarden verdoppeln.

Plattformen erhöhen den Nutzen

Siemens, AEG, Hisens: Dutzende Unternehmen haben verbesserte Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen oder Elektroherde für die Küche angekündigt, die das Leben für die Kundschaft verbessern sollen. Zentrales Verkaufsargument ist für viele Firmen die Steuerung per App vom Smartphone aus. Besonders im Kommen sind Sensoren für die Küche. Die Firma Safera hat einen im Angebot, der die Luftqualität überwachen, vor Feuer warnen und beim Kochen helfen soll.

Wirklich nützlich werden solche Geräte jedoch erst über die Plattformen. Sie könnten beispielsweise reagieren, wenn der Sensor zu viel Bratfett in der Luft misst und dann die Dunstabzugshaube einschalten und das Fenster kippen. Solche Kombinationsketten könnten das smarte Zuhause erst richtig nützlich für die Verbraucher machen.

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Die Entwicklung ist besonders für die Plattform-Betreiber wichtig. Wer die Standards für die Geräte kontrolliert, hat den Zugang zu den Endkunden. Apple setzt das Prinzip seit Jahren gezielt im Umgang mit anderen Geräteherstellern wie etwa Lautsprechern ein. Smarte Boxen lassen sich bequem per Apple-System mit Musik versorgen sowie in der Lautstärke regulieren.

Die Hersteller müssten dafür ihre Produkte an die Apple-Schnittstelle anpassen und in vielen Fällen Lizenzgebühren zahlen. Der US-Konzern kontrolliert den Zugang zu kaufkräftigen Kunden.

Bernd Kotschi, Gründer der Strategieberatung Kotschi Consulting, sagt: „Es drängen immer mehr Unternehmen aus immer mehr Branchen in den Smart-Home-Markt.“ Das gelte für die Hersteller von Unterhaltungsgeräten, Waschmaschinen und Küchengeräten, die auf der Messe in großer Zahl präsent sein werden. Aber auch für Energieversorger, Möbelhersteller, die Heizungsindustrie und Anbieter von Fertighäusern – also für alle, die einen Bezug zum Zuhause haben.

„Die Anbindung an Ökosysteme wird zum Muss“, sagt Kotschi daher. Für viele Smart-Home-Produkte sind die vernetzten Lautsprecher von Apple, Amazon oder Google ein wichtiger Zugang. In Deutschland spielten aber auch Plattformen wie Qivicon von der Deutschen Telekom, Conrad Connect von der gleichnamigen Handelskette eine Rolle, ebenso Initiativen wie Eebus, die offene Standards entwickeln will.

Es geht nicht ohne die Plattformen – aber mit ihnen ist es auch nicht immer leicht. Denn die Gerätehersteller geben mit der Anbindung ihrer Geräte die Kontrolle über ihre Kunden und deren Daten ab, wenn es schlecht läuft. Ob Lichtsteuerung oder Heizung: Wenn Nutzer die Geräte nur noch per Sprachbefehl oder über die Apps kompatibler Plattformen steuern, öffnen sie die Spezial-Apps vermutlich nur noch selten.

Kotschi warnt: „Im schlechtesten Fall verlieren die Hersteller den Zugang zu ihren Kunden“ – und damit auch die Möglichkeit, zusätzliche digitale Dienstleistungen anzubieten oder ergänzende neue Produkte zu verkaufen. „Der Zugang zu den Daten ist absolut kriegsentscheidend.“ Ohne diese werde ein Unternehmen zum reinen Hardware-Verkäufer degradiert.

Smartphone als zentrale Schaltstelle

Für die Kunden kann das jedoch verwirrend werden. „Wir leben größtenteils in Vielmarken-Haushalten“, sagt Kotschi. Das Smartphone ist von Apple, der Lautsprecher von Amazon, die Waschmaschine von Bosch. IFA-Besucher, die ihr eigenes Zuhause aufrüsten wollen, sollten sich daher Gedanken machen, was sie eigentlich bezwecken – erst dann lassen sich die passenden Produkte und Plattformen auswählen.

Wollen sie lediglich Lampen aus der Ferne schalten, um Diebe abzuschrecken? Oder ist ihnen wichtig, dass das Licht auf Zuruf angeht, wenn sie die Tür öffnen? Je mehr Geräte in Szenarien eingebunden sind, desto wichtiger sei die Interoperabilität, sagt Berater Kotschi. Die Anbieter reagieren darauf: Auf Produkten wie Fernsehern kleben bereits die Logos mehrerer Plattformen.

Langfristig könnten sich dabei nur wenige Spieler durchsetzen. So weit ist es aber noch nicht, argumentiert Klaus Böhm, Direktor Media beim Unternehmensberater Deloitte. „Wir leben noch nicht in einem Zeitalter der Gleichschaltung“, sagt der Berater. Auch kleinere Anbieter aus Deutschland hätten noch Chancen gegen die Übermacht der US-Konzerne.
Bitkom-Präsident Achim Berg ist überzeugt, dass der vernetzte Haushalt viele Vorteile bringt: „Smart-Home-Technologien stoßen in der Bevölkerung auf großes Interesse und verhelfen den Menschen zu größerer Sicherheit, mehr Lebensqualität und einer effizienteren Energienutzung.“

Dabei hat sich laut der Umfrage des Digitalverbands bereits das Smartphone als zentrale Schaltstelle etabliert. Acht von zehn Deutschen steuern ihre smarten Haushaltsgeräte über ihr Smartphone. Im Vorjahr waren es 76 Prozent. Noch ist dieser Weg deutlich beliebter als über digitale Sprachassistenten. Per Siri, Alexa oder Cortana steuerten bislang 44 Prozent der Befragten die digital vernetzen Haushaltshelfer. Das waren sieben Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.

Wichtig ist jedoch: Auf den Smartphones gibt es zwei dominante Betriebssysteme. Android von Google und iOS von Apple. Dadurch haben die beiden US-Konzerne große Vorteile, die Steuerung von Haushaltsgeräten tief in ihre Betriebssysteme zu integrieren. Das gibt ihnen einen großen Startvorteil im Ringen um die Dominanz bei den Systemen.

Deutsche Anbieter könnten versuchen, sich etwa mit hohen Datenschutzstandards von der Konkurrenz abzuheben, argumentiert Deloitte-Berater Böhm. In Lösungen für Industriekunden gebe es bereits entsprechende Ansätze.

Und es wäre auch möglich, diese Konzepte auf Privatkunden zu übertragen. „Die Chance ist da“, sagte Böhm. Bislang gebe es aber kaum Lösungen, die sich mit einem hohen Datenschutz und gleichzeitig auch großem Funktionsumfang an Endverbraucher richteten. Der Kampf der Systeme ist noch nicht entschieden.

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