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01.05.2019

05:14

Facebook-CEO Mark Zuckerberg verspricht mehr Privatsphäre, bleibt aber vage. AFP

F8 Entwicklerkonferenz

Facebook-CEO Mark Zuckerberg verspricht mehr Privatsphäre, bleibt aber vage.

Entwicklerkonferenz

„Get-together“ statt Skandale? Bei Facebooks neuer Strategie bleiben viele Fragen offen

Von: Britta Weddeling

Mark Zuckerberg stellt auf Facebooks Entwicklerkonferenz ein Redesign vor. Er will mehr Wert auf Privatsphäre legen. Wie das geschehen soll, bleibt ungeklärt.

San José Mark Zuckerberg versucht es mit einem Witz. „Ich verstehe, dass sich viele Leute nicht sicher sind, ob wir das ernst meinen“, sagt der Facebook-Chef. Er erntet ein paar müde Lacher im Saal.

Es ist kurz nach zehn Uhr morgens im McEnvoy Convention Center in San José. Der 34-jährige Netzwerk-Gründer hat bei seiner Keynote zur Entwicklerkonferenz F8 gerade die neue Facebook-Strategie vorgestellt. Und die ist so überraschend, dass Zuckerberg doch noch mal betonen muss, wie ernst es ihm ist: Ja, bei Facebook stehe nun Privatsphäre im Zentrum.

Ein „neues Kapitel“ für die Plattform soll beginnen, ein „massives Vorhaben“, alles werde auf den Kopf gestellt, erklärt der Facebook-Gründer. „Wir müssen in vielen Dingen ändern, wie wir die Firma geführt haben.“ Um einen Management-Wechsel geht es dabei nicht, auch wenn Investoren Zuckerberg in der Krise schon öfter zum Rücktritt aufgefordert haben. Stattdessen will der Facebook-Chef zeigen, dass er nach all den Skandalen auf Kritik reagiert.

Facebook kündigt an, künftig die Kommunikation im Netzwerk bei Messenger und Instagram so Ende-zu-Ende zu verschlüsseln wie es bereits bei WhatsApp der Fall ist. Ein entsprechendes Vorhaben hatte Zuckerberg bereits im März angekündigt. Nutzer können über den Messenger nun auch Freunde bei Instagram und WhatsApp erreichen. Zudem will Facebook den Austausch in Gruppen ebenso fördern wie die visuellen „Stories“, die nach kurzer Zeit verschwinden.

Mit der neuen Strategie lenkt Zuckerberg die Aufmerksamkeit weg von den problematischen Inhalten im Newsfeed, mit seinen manipulativen Fake-News, den politischen Debatten, Hass-Aufrufen, durch die Facebook wieder und wieder in die Kritik geraten ist. Statt öffentlichen Debatten soll der Schwerpunkt auf dem „Get-together“ mit Freunden liegen.

Viele Problemlösungen blieben vage

David Kirkpatrick, Journalist und Autor, hält die Ankündigungen von Facebook für eine Farce und den Wandel für oberflächlich. „Ungeklärt bleibt, wie die Firma die furchtbaren Probleme angehen will, die sie verursacht hat. Hass-Reden, Terroristen-Rekrutierung und politische Manipulation, um nur drei zu nennen“, kritisiert der Urheber des Bestsellers „The Facebook Effect“ den Aufstieg Facebooks zum Tech-Giganten.

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Das Netzwerk hat in den vergangenen Jahren Daten von rund 1,5 Millionen Nutzern hochgeladen – ohne deren Erlaubnis. Die Panne ist inzwischen behoben.

Zuckerberg habe die eigentlichen Herausforderungen für seine Firma unterschlagen, das sei „sehr enttäuschend“, so der Autor. Kirkpatrick, ein langjähriger Vertrauter von Zuckerberg, glaubt, die neue Privatsphäre-Strategie sei nur ein Weg, „um die Probleme zu vertuschen ohne irgendetwas Bedeutsames zu tun, um sie zu reduzieren“. Zuckerberg könne „einfach nicht wirklich akzeptieren, wie viel Unheil sein System verursacht hat, und weigert sich, es zuzugeben“.

Die US-Wettbewerbsbehörde Federal Trade Commission (FTC) entscheidet noch, wie hoch die Strafe ausfällt, die es dem Netzwerk wegen Datenschutzverstößen im Skandal um den britischen Konzern Cambridge Analytica aufbrummen will – drei oder fünf Milliarden Dollar.

Zuckerberg erklärt vorsorglich den Start einer neuen Ära. „Die Zukunft ist privat“, lautet das Mantra, das er und andere Facebook-Manager dem Publikum immer wieder vortragen.

Auch an Signalwirkung fehlt es nicht. Als sichtbarstes äußeres Zeichen der großen Facebook-Katharsis verabschiedet sich das Netzwerk vom markigen Blau, in dem es seit 2004 leuchtete. Die mobile Version des neuen Designs soll sofort verfügbar sein. Selbstverständlich sei damit nicht alles gelöst, räumt Zuckerberg ein. Er sei sich sicher, dass die „alten Probleme“ noch für eine Weile auftreten würden, „so dass es sich anfangs vielleicht so anfühlt, als würden wir keinen Fortschritt machen“.

Mit schmeichelnden Reden hier und kleineren Zugeständnissen da nutzt er die Entwicklerkonferenz, auf der die Firma jedes Jahr Programmierer und Kunden um sich schart, um den Ruf aufzupolieren – ohne etwas signifikant an dem eigentlichen Kurs zu ändern. Von den Desastern der vergangenen 15 Monate ist kaum die Rede – und auch nicht davon, welche Konsequenzen Facebook aus vielen Vorfälle zieht.

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Die Informationen von Millionen von Nutzern tauchten auf den Cloud-Servern bei Amazon auf – öffentlich zugänglich. 540 Millionen Datensätze sollen betroffen sein.

Dabei liest sich die Liste der Fehltritte endlos: Vergangenes Jahr wurde das Netzwerk dabei ertappt, Minderjährige im Alter von 13 Jahren dazu verleitet zu haben, sich von Facebook komplett ausspionieren zu lassen. Im Oktober musste die Plattform einräumen, dass Hacker über ein Jahr lang unbeobachtet im Netzwerk 30 Millionen Profile einsehen konnten. Und vor etwas mehr als einem Jahr führte das Debakel um Cambridge Analytica dazu, dass Zuckerberg und seine Top-Managerin Sheryl Sandberg mehrfach vor den US-Kongress zitiert wurden.

Geoff Blaber vom Analysehaus CCS Insights glaubt hingegen an die Ernsthaftigkeit von Zuckerberg. Der 34-Jährige habe in der Keynote zur F8 kaum über neue Produkte gesprochen, sondern bewusst den Fokus auf den Strategiewechsel gelegt. „Das ist ein starker Kontrast zu den vorherigen Jahren und zeigt, wie wichtig Facebook diesen Wandel nimmt.“

Der Druck auf das Netzwerk wächst. Wenn Facebook sich nicht selbst wandelt, droht der Gesetzgeber, es zu tun. Mit der FTC-Strafe könnten empfindliche Änderungen in Facebooks Werbemodell anstehen. Regierungen in Europa, darunter in Deutschland, Frankreich und Großbritannien, oder in Australien, Indien und Neuseeland gehen ebenfalls gegen das Netzwerk vor. Die US-Senatorin Elizabeth Warren forderte öffentlich eine Zerschlagung großer Tech-Unternehmen, die Bemerkung zielte auch auf Facebook.

Facebook will gegensteuern und guten Willen zeigen. Der Messenger, den zwei Milliarden Menschen nutzen, will Zuckerberg zum „Wohnzimmer in der Hosentasche“ ausbauen. Privatheit sei eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die Nutzer sich so ausdrücken, wie sie wirklich sind, glaubt er. Wie genau Zuckerberg die neue „Privatsphäre“ definiert, lässt er offen.

Bislang kündigte er lediglich eine Verschlüsselung für die Kommunikation zwischen einzelnen Nutzern an. Was Nutzer aber im Netzwerk tun, anklicken, anschauen, kommentieren, „liken“, mit wem sie wie lange chatten und von wo aus – alle diese wertvollen Informationen sammelt das Netzwerk offenbar nach wie vor. „Facebook muss 100 Prozent transparent machen, welche Daten es sammelt oder wer auf welche Daten zugreifen kann“, fordert Ramon Llamas von der Datenfirma IDC.

„Es fällt es schwer, Facebook zu glauben“

„Facebooks Umgang mit Privatsphäre war, milde ausgedrückt, bislang eher unklar“ und im Ton „nicht immer aufrichtig“, kritisiert Debra Williamson von eMarketer. „So oft Facebook auch über Privatsphäre gesprochen hat – immer wieder kamen später Fehltritte und Enthüllungen heraus“, sagt Williamson. „Es fällt es schwer, Facebook zu glauben.“

Umso stärker versichert Facebook-Chef Zuckerberg, dass das Netzwerk aus der Vergangenheit gelernt haben will. Dieses Mal werde die Firma bei den Veränderungen vorsichtiger und besonnener vorgehen, Probleme und mögliche negative Nebeneffekte werde man „proaktiver“ angehen, verspricht er. Die oft zitierte Facebook-Strategie vom „Move fast and break things“ soll der Vergangenheit angehören.

Zuckerberg bleibt keine Wahl. Das weltgrößte Netzwerk muss Betriebsamkeit vorschützen, schon allein, um die entnervten Politiker in Washington und Europa bei Laune zu halten.

Facebooks Geschäft indes hat sich von den Skandalen längst wieder erholt. Die Facebook-Aktie legte in den vergangenen drei Monaten um mehr als 35 Prozent zu. Bei den letzten Quartalsergebnissen meldete Facebook erneut steigende Umsätze. Die Beliebtheit der Plattform wuchs. 2,7 Milliarden Menschen nutzen inzwischen das Angebot, davon 2,1 Milliarden täglich. So kündigt Zuckerberg marginale Änderungen im Produkt an und erfindet gleichzeitig immer wieder neue Wege, um die Nutzer noch länger auf der Plattform zu halten.

Der Messenger wird künftig auch auf Mac und Windows verfügbar sein. Facebooks Gruppen werden im Netzwerk prominenter dargestellt. Hinzu kommen neue Funktionen für Online-Dating. Seit 2018, als Facebook die Ideen für digitale Kuppelei erstmals vorgestellt hat, startete die App in fünf Ländern, darunter in Kanada und Thailand, nun kommen 14 neue Länder hinzu, Ende des Jahres die USA.

Was bedeutet die neue Strategie für die Werbeumsätze?

Mit „Secret Crush“ können Nutzer eine Liste von Freunden anlegen, an denen sie romantisches Interesse haben. Stehen sie ebenfalls auf der Liste dieser Freude, kommt es zum „Match“, Facebook verbindet sie miteinander. „Meet New Friends“ zeigt Vorschläge für Freundschaften. Der Ton bleibt spielerisch und viele Fragen offen.

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Das gilt auch für Facebooks Werbekunden. Was die neue Privatsphäre-Strategie für das Geschäftsmodell mit Werbung bedeutet, erklärte Zuckerberg nicht. Nach wie vor stammt die Mehrheit der Facebook-Einnahmen aus dem datengetriebenen Werbegeschäft. Laut eMarketer wird die Plattform dieses Jahr 67 Milliarden Dollar mit Werbung umsetzen, die Mehrheit der Anzeigen taucht in den Newsfeeds von Facebook und Instagram auf. „Verschlüsselte Nachrichten werden die Menge an Informationen für gezieltes Werbung reduzieren, das wird viele Werber besorgen“, sagt Debra Williamson von eMarketer.

Doch Facebook kommt inzwischen mit sehr viel weniger Daten aus, um seine Werbung effektiv auszuliefern. Die These vertritt zumindest der Design-Philosoph Tristan Harris, der früher bei Google und Apple arbeitete und heute die Tech-Industrie kritisiert. Immer wieder führten Daten- und Privatsphäre-Skandale wie bei Facebook zu einem kurzen Aufschrei in der Öffentlichkeit. Doch echte Lösungen seien nicht gefunden. Er glaubt nicht, dass mehr Datenschutz oder Privatsphäre die Lösung ist. „Unternehmen wie Facebook besitzen schon jetzt so viele Daten, dass sie unser Verhalten einfach vorausberechnen können.“

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