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17.09.2019

19:00

Kooperation

Deutsche Börse entwickelt gemeinsam mit Google Finanzdienste aus der Cloud

Von: Larissa Holzki, Andreas Kröner

Im Interview erklären Google-Cloud-Chefin Annette Maier und Deutsche-Börse-Vorstand Christoph Böhm, was hinter der Zusammenarbeit der beiden Unternehmen steckt.

Die Deutsche Börse wird digitaler und setzt auf eine Multi-Cloud-Strategie. Sie nutzt unter anderem Dienste von Microsoft und jetzt auch von Google. Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

Cloud-Geschäft

Die Deutsche Börse wird digitaler und setzt auf eine Multi-Cloud-Strategie. Sie nutzt unter anderem Dienste von Microsoft und jetzt auch von Google.

Düsseldorf, Frankfurt Die Deutsche Börse und Google vereinbaren eine umfangreiche Cloud-Kooperation. Im Rahmen der Zusammenarbeit werde die Deutsche Börse interne Prozesse digitalisieren und neue Angebote für Kunden entwickeln, sagte Deutsche-Börse-Vorstand Christoph Böhm dem Handelsblatt.

„Ein wesentliches Ziel bei der Zusammenarbeit mit Google ist es, gemeinsam Angebote für die Finanzmarktindustrie im Bereich Datenschutz und Datensicherheit zu entwickeln“, sagte Böhm.

Google will sich mit der Kooperation in dem hochsensiblen Umfeld weiterentwickeln und positionieren: „Für uns ist der Bereich Banken und Versicherung ein wichtiges Feld, in dem wir den Kunden besser verstehen wollen, um die passenden Lösungen zu entwickeln“, sagte Annette Maier, die Google-Cloud-Chefin für die Region Deutschland, Österreich und der Schweiz dem Handelsblatt.

Im Hinblick auf allgemeine Sicherheitsbedenken sagte sie: „Wir haben weder Zugriff auf die von der Börse modifizierten Modelle noch auf deren Daten.“  

Etwa drei Viertel der deutschen Unternehmen nutzen bereits Cloud-Computing, etwa um Serverkapazitäten auszulagern. Allerdings nutzt nur gut ein Drittel wie die Deutsche Börse die sogenannte Public Cloud. Dabei liegen alle Dienste bei dem externen Anbieter. Um solche Lösungen sicherer zu machen und kontrollieren zu können, haben sich 28 Finanzinstitute zur Cloud Audit Group zusammengeschlossen.

Der Markt für die Public Cloud wird von den Tech-Riesen beherrscht. Die fünf größten Dienstleister – Amazon, Microsoft, Alibaba, Google und IBM – bieten laut Marktforschungsinstitut Gartner zusammen etwa 73 Prozent dieser Cloud-Services an.
Amazon hat dabei mit nahezu 48 Prozent Marktanteil die Nase vorn. Google liegt mit nur vier Prozent abgeschlagen auf Platz vier. Umso wichtiger ist für den US-Konzern ein namhafter Partner wie die Deutsche Börse, an dem sich andere Unternehmen orientieren könnten.

Lesen Sie hier das gesamte Interview 

Die Deutsche Börse hat kürzlich eine Cloud-Zusammenarbeit mit Microsoft vereinbart. Wozu brauchen Sie jetzt noch Google?
Christoph Böhm: Wir verfolgen eine Multi-Cloud-Strategie, das bedeutet, dass wir mit mehreren Anbietern zusammenarbeiten. Wir wollen von jedem Technologiepartner die Angebote nutzen, in denen er jeweils am besten ist. Darüber hinaus ist die Risikostreuung ein Grund: Wir wollen natürlich nicht alle Eier in ein Körbchen legen.

Was kann Google, was Microsoft nicht kann?
Böhm: Beide ergänzen sich: Microsoft ist unter anderem führend, wenn es darum geht, Werkzeuge zur Zusammenarbeit wie zum Beispiel E-Mail oder Office-Anwendungen in der Cloud zu integrieren. Google hingegen hat Stärken bei der Entwicklung von Technologien, die unabhängig von einer Plattform funktionieren, oder beim maschinellen Lernen zur Analyse von großen Datenmengen.

In welchen Bereichen wollen Sie das einsetzen?
Böhm: Wir stellen unseren Kunden über Schnittstellen sehr viele Daten zur Verfügung. Viele Kunden analysieren diese Daten und leiten daraus beispielsweise Vorhersagen ab. Hier sehen wir eine starke Nachfrage, neben den Daten auch Auswertungsangebote, wie Vorhersage- und Risikobewertungsmodelle zur Verfügung zu stellen. Da es sich um einen gigantischen Datenbestand handelt, werden wir dazu modernste Technologien wie etwa maschinelles Lernen einsetzen. Die Cloud dient grundsätzlich als Katalysator für die Weiterentwicklung von neuen Technologien. Darauf haben wir einen starken Fokus.

Werden Kundenanfragen bei Ihnen künftig auch von einer Maschine beantwortet?
Böhm: Viele Anfragen per E-Mail, Telefon oder Brief sowie Informationen, zum Beispiel bei Kapitalmarktmaßnahmen, die uns von außen erreichen, wiederholen sich. Diese Prozesse wollen wir digitalisieren. Maschinen sollen die Anfragen ordnen und Empfehlungen geben, wie man sie beantworten kann. Diese Effizienzen ermöglichen uns, unsere Mitarbeiter für qualifiziertere Aufgaben einzusetzen. Die letzte Entscheidung, wie wir antworten, sollen jedoch weiterhin Menschen treffen.

Viele Politiker und auch Finanzmanager wie Commerzbank-Chef Martin Zielke fordern eine europäische Cloud, um nicht von amerikanischen und chinesischen Anbietern abhängig zu sein. Wie beurteilen Sie das?
Böhm: Wir würden es begrüßen, wenn es im Wettbewerb der Cloud-Anbieter eine starke europäische Alternative gäbe. Die würden wir dann auch sehr gerne nutzen. Aktuell gibt es ein solches Angebot jedoch nicht. Da wir schwerpunktmäßig in Europa tätig sind und europäischer Aufsicht unterliegen, brauchen wir natürlich Angebote, die auf Europa zugeschnitten sind und bei denen Daten in europäischen Rechenzentren gespeichert werden. Amerikanische Cloud-Anbieter haben immer mehr derartige Angebote, chinesische Anbieter bisher so gut wie gar nicht.

Viele deutsche Unternehmen legen Wert darauf, dass ihre Daten nur auf Servern in Deutschland gespeichert werden. Geht das bei Google?
Maier: Diese Option gibt es für unsere Kunden. Sie können wählen, ob sie Angebote nur in bestimmten Regionen nutzen wollen. Aktuell haben die Kunden die Auswahl zwischen weltweit 20 Cloud-Regionen. Darunter gibt es in Europa unter anderem auch eine Region in Frankfurt sowie eine in Zürich.

Ist es nicht nur eine vermeintliche Sicherheit, wenn Daten auf europäischen Servern gespeichert werden? Die USA können darauf durch den Cloud Act der Trump-Regierung dennoch zugreifen.
Böhm: Der Cloud Act ist kein einseitiges Gesetz. Wenn es entsprechende Gerichtsbeschlüsse gibt, dürfen deutsche Strafverfolgungsbehörden auf Daten in Amerika zugreifen und andersherum.
Annette Maier: Wenn wir Anfragen von Behörden bekommen, geben wir diese in den allermeisten Fällen direkt an unsere Kunden weiter – es geht schließlich um deren Daten. Ob die Anfragen aus Deutschland, Frankreich oder Amerika kommen, spielt dabei keine Rolle. Wenn es um Strafverfolgung geht, stellen wir Daten nur bereit, wenn es entsprechende Gerichtsbeschlüsse gibt. Auch für die US-Behörden gibt es kein Hintertürchen zu den Daten. Sie müssen sich an diesen formalen Weg halten.

Wie schützt die Deutsche Börse ihre Daten?
Böhm: Wenn wir Datensätze bei Drittanbietern speichern, sind sie sowohl durch uns verschlüsselt als auch durch unsere Cloud-Technologiepartner. Dieses übereinandergestapelte Verschlüsselungsprinzip verschafft ein höheres Sicherheitsniveau, als wenn man sich nur auf eine Technologie verlässt.

Das heißt, wenn jemand illegal Zugriff auf Daten in der Cloud erlangt, kann er damit nichts anfangen?
Böhm: Das ist so, wenn sie doppelt verschlüsseln. Ein Schlüssel, um die Daten lesen zu können, sollte sich stets auf ihren eigenen Systemen befinden. Dieses Prinzip wenden wir bei der Deutschen Börse auch an, wir bringen unsere eigenen Schlüssel mit. Grundsätzlich gilt: Das Verschlüsseln von Daten wird in der digitalen Welt immer wichtiger. Die Diskussion, die wir hier führen, zeigt ja: Bei der Digitalisierung gibt es viel Unsicherheit.

Was können Sie dagegen tun?
Böhm: Wir müssen Transparenz schaffen und kontinuierliche Kontrollen etablieren. Denn dann kann jeder nachvollziehen, was mit den Daten passiert, und auf der Kontrolle baut sich dann auch Vertrauen auf. Ein weiteres wesentliches Ziel bei der Zusammenarbeit mit Google ist es, gemeinsam Angebote für die Finanzmarktindustrie im Bereich Datenschutz und Datensicherheit zu entwickeln.

Die Deutsche Börse hat eine Cloud Audit Group ins Leben gerufen, an der 28 europäische Finanzkonzerne beteiligt sind. Diese kontrolliert Drittanbieter wie Microsoft gemeinsam. Wird die Gruppe auch Google auf die Finger schauen?
Maier: Wir sind noch dabei, eine Organisationsstruktur zu erarbeiten.

Haben Aufsichtsbehörden wie die Bafin oder die hessische Börsenaufsicht die Möglichkeit, die Google Cloud bei Bedarf zu überprüfen?
Maier: Wir gehen mit dem Thema sehr offen um und arbeiten mit den entsprechenden Behörden gut zusammen. Zudem haben wir die nötige C5-Zertifizierung vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik.

Was verspicht sich Google von der Kooperation? Im Cloud-Geschäft ist der Konzern im Vergleich zu Microsoft oder Amazon bisher ja nur eine Randfigur.
Maier: Für uns ist der Bereich Banken und Versicherung ein wichtiges Feld, in dem wir den Kunden besser verstehen wollen, um die passenden Lösungen zu entwickeln. Doch natürlich gilt das auch für andere Branchen, denn die Google Cloud passt zu jedem Dienstleistungssektor, zu jeder Industrie und zu jedem Gewerbe.

Verspricht sich Google durch die Kooperation Erkenntnisse für seine eigenen Finanzaktivitäten im Finanzsektor, beispielsweise für Google Pay?
Maier: Ganz klar: Nein. Google Pay läuft separat, das ist eine andere Sparte innerhalb des Konzerns. Als Google Cloud helfen wir der Deutschen Börse dabei, Modelle zu entwickeln, die sie braucht, um ihre Daten besser zu nutzen. Das Modell wird von der Börse selbst für ihr eigenes Geschäft angepasst. Wir haben weder Zugriff auf die von der Börse modifizierten Modelle noch auf deren Daten.
Böhm: Wir stellen Marktplätze bereit und wollen dabei Dienstleistungen nutzen, die optimal auf unsere Kunden zugeschnitten sind. Aber wir möchten nicht selbst entwickeln, was wir bei wichtigen Partnern aus der Cloud sehr standardisiert nutzen können, denn das ist nicht unser Kerngeschäft. Uns ist wichtig, hier einen Mehrwert durch finanzmarktspezifische Services zu erzeugen, die darauf aufsetzen.

Wem gehören die gemeinsam entwickelten Modelle und Produkte am Ende? Kann Google sie weiterverkaufen oder die Deutsche Börse?
Maier: Wenn die Deutsche Börse auf unserer Plattform Services entwickelt, gehören sie der Deutschen Börse, und das Unternehmen hat auch die Möglichkeit, diese anderen Finanzmarktteilnehmern zur Verfügung zu stellen.

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