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13.08.2019

13:51

Min Wanli

Ein KI-Vordenker verlässt Alibaba – und will der deutschen Industrie helfen

Von: Stephan Scheuer

Für den chinesischen Plattformbetreiber leitete Min Wanli als Chef-Datenanalyst einen Zukunftsbereich. Nun macht er sich selbstständig.

Alibaba: Chef-Datenanalyst Min Wanli verlässt den Technologiekonzern Valéry Kloubert für Handelsblatt

Min Wanli

Im Juli gründete er seinen eigenen Fonds.

Düsseldorf Min Wanli hatte alles, was er brauchte. Bei Alibaba, einem der größten Technologieunternehmen Chinas, verantwortete er als Chef-Datenanalyst ein Team aus 500 IT-Spezialisten. Er reiste um die Welt, um die neuesten Modelle auf Basis Künstlicher Intelligenz (KI) für globale Konzerne anzupreisen. Doch dann stieg er aus.

Im Juli hat der KI-Vordenker Alibaba verlassen und seinen eigenen Fonds gegründet. „Ich will auf eigenen Beinen stehen“, sagt Min. Als Gründer und CEO von North Summit Capital wolle er Ideen weiter und radikaler denken, als er es bei Alibaba konnte. Dabei steht für den 41-Jährigen der Fokus auf Leistungen digitaler Produkte im Vordergrund.

„Die Digitalbranche dreht sich um sich selbst“, klagt Min. Alibaba habe sich als Chinas größter Onlinehändler besonders mit besseren Lösungen für den Handel beschäftigt. Dabei ließen sich viele Lösungen auch auf andere Branchen anwenden. „Onlinehandel mag für viele Menschen ein attraktives Geschäft sein. Aber ohne klassische Industrien läuft gar nichts“, sagt Min.

Deshalb schaut er nun auf Sektoren wie das produzierende Gewerbe, Landwirtschaft oder den Gesundheitssektor. „Die Digitalisierung bringt gewaltige Chancen etwa für die Industrie. Doch dort ist davon bislang noch sehr wenig angekommen“, sagt Min.

Das will er ändern. Mit seinem Fonds North Summit Capital will er gleich an zwei Stellen ansetzen: Auf der einen Seite will er helfen, die Arbeit von Firmen in traditionellen Branchen durch digitale Lösungen effizienter zu machen. Auf der anderen Seite will er als Investor auch das Geld mitbringen, um den Firmen finanziell bei ihrer Transformation zu helfen.

Für das ambitionierte Projekt hat er einen Investor aus Abu Dhabi gewinnen können. „Von ihm kommt die erste Finanzierungsrunde“, sagt Min. Mit mehr als 300 Millionen Dollar starte sein Fonds. Künftig könnte er das Geschäft aber noch weiter ausweiten.

Min wurde schon als Jugendlicher als Hochbegabter gefördert. Mit 14 Jahren besuchte er bereits eine Universität. In China machte er einen Bachelorabschluss in Physik. An der University of Chicago promovierte er in Statistik. Anschließend arbeitete er bei IBM und Google, bevor er 2013 von Alibaba abgeworben wurde.

Dort konzentrierte er sich zunächst auf Konzepte, um mithilfe der Analyse großer Datenmengen den Onlinehandel effizienter zu gestalten. Ab Juni 2015 entwickelte er als Chief Data Scientist von Alibaba Cloud dann digitale Lösungen auch für Firmen außerhalb der Handelsbranche.

„Anfangs war ich allein“, erinnert sich Min. Unter dem Namen ET Brains ließ er ein Portfolio an digitalen Projekten aufbauen. Dazu zählte zum Beispiel ein durch Datenanalyse optimierter Produktionsablauf für Solarzellen. Das Konzept von Alibaba half dabei, weniger Abfall zu produzieren und gleichzeitig die Energieeffizienz der Solarzellen zu steigern. In einem Projekt für besser gesteuerte Städte gelang es seinem Team, die Staus im Xiaoshan-Distrikt der ostchinesischen Stadt Hangzhou zu reduzieren.

Statt zähfließendem Verkehr konnte das Tempo auf den Straßen um 15 Prozent gesteigert werden. Besser abgestimmte Ampeln und Verkehrsführung konnten darüber hinaus die Fahrzeit für Rettungsfahrzeuge halbieren, sodass in Notfällen Patienten schneller erreicht werden konnten.

„Zum Schluss hatte mein Team rund 500 Mitarbeiter“, sagt Min. Doch das reichte ihm noch nicht. Innerhalb des eigentlich auf E-Commerce konzentrierten Technologieunternehmens Alibaba fühlte er sich eingeschränkt. Mit seinem eigenen Fonds will er nun die Arbeit in Maschinenbau, Landwirtschaft und Medizinindustrie konsequent fortsetzen.
Dabei will er gerade Deutschland in den Blick nehmen. „Deutschland ist ein starker Industriestandort“, sagt Min. Für Alibaba sei er oft in die Bundesrepublik gereist. Er habe den Eindruck, dass deutsche Industriekonzerne noch nicht konsequent alle Chancen der Digitalisierung nutzen.

Genau dort wolle er ansetzen. „Es laufen auch schon erste Gespräche mit einem Partner in der Bundesrepublik. Mehr kann ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht verraten“, sagt Min.

Sorge um den Datenschutz

Der Markt dürfte riesig sein. Allein das Bundeswirtschaftsministerium beziffert die jährlichen, geplanten Ausgaben für die vernetzte Produktion, auch Industrie 4.0 genannt, der deutschen Industrie mit 40 Milliarden Euro. Durch Industrie 4.0 soll laut dem Ministerium bis zum Jahr 2020 ein zusätzliches volkswirtschaftliches Wachstum von 153 Milliarden Euro entstehen.

Entsprechend groß ist auch das Angebot von Dienstleistern. Europäische und US-amerikanische Digitalisierungsfirmen werben seit Jahren um Aufträge in der deutschen Industrie. Chinesische Firmen spielen bislang noch keine besonders große Rolle bei diesem Thema in Deutschland.

Der Schanghaier Technologieberater Georg Stieler sagt: „Deutsche Unternehmen sind enorm skeptisch bei der Zusammenarbeit mit chinesischen Dienstleistern.“ Es gebe große Sorgen, das Thema Datenschutz werde von Firmen aus der Volksrepublik nicht ernst genug genommen. Bislang gebe es kaum deutsche Unternehmen, die sich auf Partner aus China für die Optimierung ihrer Geschäftsprozesse einließen.

„Ein chinesisches Unternehmen muss etwas außergewöhnliches leisten können, damit ein Mittelständler sich dafür entscheidet“, zeigt sich Stieler überzeugt. Gerade bei deutschen Technologieunternehmen gebe es große Vorbehalte, chinesischen Firmen Zugang zu den sensiblen Details ihrer Produktionsprozesse zu geben. Die Angst vor Produktpiraterie sei enorm.

Für den Fonds von Min Wanli sieht Stieler ein weiteres Problem: „Fachwissen über Datenanalyse allein ist noch nicht viel wert. Der Fonds von Min braucht auch große Detailkenntnis der Branchen, für die er Lösungen anbieten will.“ Gerade in der Industrieproduktion könnten Digitalkonzepte nur wirklich hilfreich sein, wenn sie genau auf die Abläufe in den Firmen abgestimmt sein.

Gründer Min sind die Vorbehalte bewusst. Er fühlt sich trotzdem gut aufgestellt. „Ich bin es gewohnt, völlig neue Konzepte zu entwickeln“, sagt er. Natürlich müsse er sich dafür mit den Details der Abläufe in den Firmen beschäftigen. Und er ist überzeugt, dass ihm das auch in größerem Stil gelingen wird.

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