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09.05.2019

16:00

Übertragung von Amateurspielen

Samsung bringt Kölner Start-up auf seine Smart-TVs

Von: Christian Wermke

Der IT-Riese geht eine Partnerschaft mit dem Streamingportal ein. Künftig können Zuschauer Amateursport auf ihrem Flatscreen im Wohnzimmer schauen.

Künftig können Kunden auch auf ihren Samsung-Flatscreens Amateurspiele sehen. Pressefoto

Sporttotal-App

Künftig können Kunden auch auf ihren Samsung-Flatscreens Amateurspiele sehen.

Köln Um Besuchern zeigen zu können, wie hochauflösend seine Streams von deutschen Bolzplätzen und Hallen künftig in die Wohnzimmer kommen sollen, hat Peter Lauterbach extra ein Fernsehungetüm an die Wand seines Kölner Konferenzraums hängen lassen. Über den 80 Zoll großen Flatscreen flimmern jetzt Eishockeyspiele, Volleyball-Partien und Fußballspiele. Alles in HD und ruckelfrei.

Sporttotal.tv heißt das Streamingportal, das schon rund 500 vollautomatisierte Kamerasysteme in der Republik installiert hat – und Woche für Woche Hunderte von Amateurpartien ins Netz überträgt. Anschauen konnten sich Sportfans die bisher im Browser oder mobil per App.

Ab diesem Sommer werden die Streams auch direkt über den Fernseher abrufbar sein. Zumindest, wenn dieser von Samsung stammt. Wie das Handelsblatt vorab erfahren hat, geht die Deutschland-Tochter des koreanischen IT-Riesen eine langfristige Partnerschaft mit Sporttotal ein. In der Sportworld, einer App für Samsungs Smart-TVs, die der Konzern vor gut einem Jahr gestartet hat, können Kunden direkt auf kostenpflichtige Streamingangebote von Sky, Dazn und Eurosport zugreifen.

Zum Start der Saison 2019/2020 stehen dort auch die Inhalte von Sporttotal zum Abruf – kostenfrei, aber gleichwertig neben den Sportgiganten. „Sporttotal.tv ist eine hochinteressante Ergänzung der Sportworld“, erklärt Mike Henkelmann, Marketingchef für den Fernsehbereich bei Samsung Deutschland. Auch künftig wolle man als Marktführer weiter daran arbeiten, das umfangreichste Angebot an Sportinhalten auf dem Smart-TV zu bieten.

Sporttotal wird mit diesem Schritt massiv seine Reichweite erhöhen. „Das ist für uns der Ritterschlag“, sagt Peter Lauterbach. Der 42-Jährige war früher Journalist, beim Sky-Vorläufer Premiere berichtete er aus der Formel-1-Boxengasse, kommentierte später auch die Rennen. 2003 gründete er in München eine Marketingberatung, die 2011 von der Kölner Wige Medien AG übernommen wurde. Lauterbach, damals 34, wurde zum geschäftsführenden Gesellschafter, zwei Jahre später Firmenchef.

„Das ist für uns der Ritterschlag.“ Pressefoto

Peter Lauterbach

„Das ist für uns der Ritterschlag.“

Seit Ende der 1970er-Jahre war Wige ein klassischer Dienstleister für Fernsehproduktionen, stattete VIP-Logen mit Medientechnik aus, fuhr mit Übertragungswagen zu Sportevents, bespielte Videowände. Doch die Margen im Geschäft wurden immer kleiner. Lauterbach spaltete Teile ab und drehte das Geschäft voll auf Digitalisierung. Seit 2017 heißt das Unternehmen daher auch Sporttotal – genau wie die erfolgsversprechende Tochter Sporttotal.tv.

Die Muttergesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren gesundgeschrumpft, 320 Stellen waren es mal. Heute sind es noch 180, Tendenz wieder steigend. Trotzdem schreibt die AG noch Verluste. 2018 waren es acht Millionen Euro – bei einem Umsatz von 37,6 Millionen.

Auch die Streamingtochter schrieb 2018 rote Zahlen, vier Millionen Euro waren es. 2019 werden sie nochmal bei einem ähnlichen Ergebnis landen, gerade wird alles in die Plattform investiert – bis dato waren es schon 15 Millionen Euro. 2020 dann, so Lauterbachs Plan, soll Sporttotal.tv profitabel werden.

Ein Team von 30 Leuten sitzt heute in Köln, dazu kommen zehn Entwickler in Berlin und viele Freelancer. Anfangs kam die Technik noch komplett aus Israel, mittlerweile haben sie das Team von Viacom Europe ins Haus geholt. Die erste Partie, die sie live streamten, war im Sommer 2016 ein Freundschaftsspiel zwischen dem FC Bayern München und dem damaligen Oberligisten SV Lippstadt.

Heute zeigt Sporttotal Fußball bis rauf zur Regionalliga, der vierthöchsten Spielklasse. Auch Football gibt es zu sehen, Hockey, Eishockey, Basketball. Die Vereine hätten kaum Personal und Geld, um sich medial zu professionalisieren, sagt Lauterbach. „Wir bringen die Technologien des großen Sports auch in unterrepräsentierte Ligen.“

Im Volleyball überträgt das Unternehmen sogar die Herren- und die Damen-Bundesliga. Dafür hat Lauterbach eigens einen Regieraum in seine Zentrale bauen lassen, wie man sie von Sport-Livesendungen kennt: Schnittplätze, Mischpulte, ein Arbeitsplatz für Zeitlupen, viele Bildschirme. Das Besondere: Von hier aus lassen sich auch bis zu fünf Kameras zeitgleich per Joystick fernsteuern. Sie sind fest in den Volleyballhallen montiert – und werden aus Köln gelenkt. Ein Unterschied zum Kameramann vor Ort ist nicht zu merken.

Im Sommer, also zu dem Zeitpunkt, ab dem die Sport-Streams auch auf den smarten Fernsehern zu sehen sind, soll auch eine neue Version der Plattform auf den Markt kommen. Sie bietet dann Kapazitäten für 100 Millionen Nutzer gleichzeitig. Noch sind das absurd hohe Zahlen.

Bei einem Topspiel in der Fußball-Regionalliga klinken sich derzeit gut 12.000 Leute ein, bei einem Volleyball-Bundesligaspiel sind es bis zu 15.000 Zuschauer. Aber die Masse macht’s. An einem normalen Wochenende laufen schon mal um die 300 Livespiele über den Server.

Mit der neuen Plattform startet auch eine weitere Erlösquelle: Bisher zahlen die Vereine nur einen niedrigen dreistelligen Betrag im Jahr für die Bereitstellung der Kamera. Ab Sommer kommt ein Portal dazu, in dem lokale Unternehmen Werbung schalten können. Bäckereien, Metzger oder die örtliche Sparkasse können so den Verein sponsern. Eine Hälfte der Einnahmen geht an die Klubs, die andere an Sporttotal. Ein ähnliches Konzept fährt auch der Konkurrent Soccerwatch aus Essen, der sich bislang auf Fußballübertragungen konzentriert hat.

Übertragung von Amateurspielen: DFB kooperiert mit Streaming-Start-up Soccerwatch

Übertragung von Amateurspielen

DFB kooperiert mit Streaming-Start-up Soccerwatch

Der Deutsche Fußball-Bund hat eine Partnerschaft mit dem Streaming-Start-up Soccerwatch vereinbart. Die Gründer wollen zum Marktführer bei Amateur-Übertragungen werden.

Langfristig will Lauterbach auch die Videos selbst monetarisieren. „Für Streaming zu zahlen ist dank Netflix und Co. gelernt“, meint er. Noch sei es dafür im deutschen Amateurbereich zu früh. „Aber gerade im Ausland denken wir schon über Tages- oder Saisonpässe nach.“

Laut Statistischem Bundesamt nutzten vergangenes Jahr rund 31 Prozent der Deutschen mindestens einmal pro Woche einen Streamingdienst, zwölf Prozent davon sogar täglich. Und auch die Bereitschaft, Geld für Streaming auszugeben, ist da: Laut einer Befragung von Next Media sind 36 Prozent der Deutschen bereit, pro Monat fünf bis 15 Euro für Streaming-Services zu zahlen.

Von Anfang an hatte Lauterbach starke Partner: Telekom, Allianz, Deutsche Post, die „Bild“-Zeitung, dazu lokale Medienhäuser. Mit 19 von 21 Fußball-Landesverbänden gibt es langfristige Verträge, da sie die meisten Rechte an den Spielen halten. Hinzu kommen Verträge mit inzwischen 530 Vereinen.

Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) kooperierte früh mit Sporttotal. Allerdings war das für die junge Firma nicht nur von Vorteil: Lauterbach und der DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius kennen sich noch aus der Schulzeit, sind seitdem befreundet. Einige Medien warfen ihnen vergangenes Jahr Kungelei vor.

Lauterbach hat das persönlich sehr getroffen, auch die Firma hat es geschwächt: die Aktie stürzte zeitweise auf 80 Cent ab. „Es war ein Ohnmachtsgefühl, einige Investoren haben das Vertrauen in uns verloren“, erinnert sich Lauterbach. Der Entscheidungs-Prozess des DFB in Abstimmung mit allen Landesverbänden sei damals „absolut fair und transparent“ gewesen. Inzwischen seien alle Zweifel aus der Welt geräumt.

Sporttotals Langfristplan ist der globale Angriff. Über einen Fonds in Luxemburg will das Unternehmen erst im europäischen Ausland starten, später sogar darüber hinaus. In den ersten fünf Jahren soll der Fonds in verschiedenen Tranchen bis zu 250 Millionen Euro einsammeln.

Obendrein soll eine weitere Neugründung künftig digitale Werbebanden vermarkten, die sich beliebig überblenden lassen – je nach Zuschauer und Land. „Peu a peu wollen wir ein Inkubator für digitale Geschäftsfelder im Sportsegment werden“, betont Lauterbach. Er träumt davon, das Netflix des Sports zu werden. Der neue Deal mit Samsung – er ist nur ein Anfang.

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