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12.05.2020

04:00

Compugroup-Chef Frank Gotthardt

Der Pionier der digitalen Medizin hört auf

Von: Julian Olk

Frank Gotthardt hat die Compugroup Medical vom Einmannunternehmen zum Marktführer für digitale Medizin gemacht. Nach 33 Jahren tritt er nun ab.

Der Gründer der CompuGroup Medical will künftig nur noch Aufseher sein. Rudolf Wichert für Handelsblatt

Frank Gotthardt

Der Gründer der CompuGroup Medical will künftig nur noch Aufseher sein.

Koblenz Frank Gotthardt gibt auf. Das gilt zumindest für sein Büro. Noch sitzt er hier, in Etage drei, dem obersten Stockwerk der Zentrale seines Unternehmens in Koblenz: der Compugroup Medical (CGM). Das geräumige Büro in Braun- und Grautönen wirkt kaum genutzt, im ganzen Raum findet sich kein einziges Blatt Papier. Den Drucker in der Ecke habe er ewig nicht angerührt, sagt Gotthardt. Er arbeite schon lange komplett papierlos.

Briefe nimmt er gar nicht mehr entgegen, die scannen seine Assistenten gleich nach Empfang für ihn ein. Mitarbeiter berichten von der typischen Gotthardt’schen Wischbewegung: Jedes Mal, wenn ihm in einer Besprechung Papiere vorgelegt würden, wische er sie spätestens am Ende des Termins weg von sich und zurück zum Mitarbeiter.

Der 69-Jährige – dessen Erscheinungsbild mit goldener Uhr, Manschettenknöpfen, rahmenloser Brille und streng zurückgekämmten grauen Haaren weder daherkommt wie das eines hippen digitalen Vordenkers noch eines nerdigen ITlers – ist damit Vorbild für seine Kunden.

Die CGM ist vielfach Marktführer für IT-Systeme in Gesundheitseinrichtungen, Tausende Ärzte in mittlerweile 56 Ländern müssen dank der Systeme nicht mehr auf Papier dokumentieren oder können Sprechstunden per Videochat anbieten. Vor 33 Jahren hat Gotthardt die CGM gegründet und von Koblenz aus zum Multimillionen-Konzern gemacht. Nun hört er auf.

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    Gotthardt wird sein Büro verlassen, den Posten als Vorstandsvorsitzender abgeben und an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln. Die Zeit sei reif, seit etwa drei bis vier Jahren suche er nach einem Nachfolger: „Und immer wieder dachte ich, das passt noch nicht. Dann kam Dirk Wössner, und da war ich ziemlich schnell überzeugt.“ Dirk Wössner? In Gotthardts Branche ist der rund 20-Jahre jüngere Manager den wenigsten ein Begriff, Wössner war bislang Deutschlandchef der Telekom.

    Die fehlende Kompetenz im Bereich Gesundheits-IT sei Wössners „einziges kleines Manko“, sagt Gotthardt. Das sorge ihn aber nicht, Wössner sei ein „super erfahrener Manager“ und bodenständig: „Im Gesundheitswesen kann man nicht abgehoben als Jetsetter durch die Gegend plaudern. Nur so bekommt man Vertrauen.“

    Vom Gestalter zum Aufseher

    So hat auch Gotthardt es zu der Koryphäe in der Branche gebracht, die er heute ist. Gotthardt ist kein Trittbrettfahrer, der auf den in den vergangenen Jahren entstandenen Hype um die Digitalisierung aufgesprungen ist. Eigentlich war er viel zu früh dabei, zu einer Zeit, als besonders in der Medizin noch keiner über Bits und Bytes gesprochen hat. Außer Gotthardt.

    Alles begann Mitte der Achtzigerjahre; gleich nach seinem Studium machte sich der Informatiker selbstständig, entwickelte damals aber noch Software für die Fleischwarenindustrie. Zum Geschäft mit Körpern mit Puls brachte ihn seine spätere Frau, die Zahnärztin Brigitte Gotthardt. So gründete er 1987 die heutige CGM.

    Sohn Daniel ist ebenfalls Mediziner geworden und realisiert wie der Vater IT-Projekte in diesem Bereich. Die naheliegende familieninterne Nachfolge an die CGM-Spitze stand aber nie zur Debatte, Sohn Daniel hatte sich von Anfang an etwas Eigenes aufbauen wollen. Das machte für Frank Gotthardt die Suche nach einem externen Nachfolger notwendig.

    Wann Telekom-Mann Wössner das Büro von Gotthardt übernimmt, ist noch nicht klar, sein Vertrag bei der Telekom läuft noch bis zum Jahresende. Dann wird Gotthardt auch vom Gestalter zum Aufseher – aber zu keinem stillen. Er werde zwar auf das operative Geschäft keinen Einfluss haben, aber sich mit seinem Nachfolger in jedem Fall mehr als viermal im Jahr besprechen, kündigt er an.

    Wössner müsse sich aber nicht sorgen, den Konzern künftig mit ihm als Doppelspitze führen zu müssen: „Die letztendlichen Entscheidungen wird Herr Wössner treffen. Das Einzige, was ich dann bei weitreichenden Entscheidungen noch tun kann, ist Nein zu sagen.“ Die angedachte Zurückhaltung will Gotthardt auch ganz praktisch zeigen, indem er ihm das Büro im obersten Stockwerk der Konzernzentrale überlässt. „Selbst, wenn das Herrn Wössner egal sei, kann ich es nicht behalten, denn dann bleibe ich im Geschehen“, begründet er das.

    Doch vergessen wird Gotthardt nicht werden. Wer den Weg zur CGM-Firmenzentrale in einem tristen Koblenzer Gewerbegebiet antritt, sieht sich schnell in das Gotthardt-Imperium hineinversetzt. Den langen Weg bis zum Haupttor säumen mehrere Tochterfirmen der CGM und von Gotthardt.

    Künftig ist Gotthardts Lebenswerk wohl in ganz Koblenz sichtbar: Mit 88 Meter Höhe und 18 Geschossen soll der geplante CGM-Tower zum höchsten Gebäude in ganz Koblenz werden – sofern man das zwölf Meter hohe CGM-Logo großzügig zum Hochhaus dazuzählt.

    Nicht nur räumlich will Gotthardt wachsen. Bei seiner letzten Hauptversammlung als Vorstandsvorsitzender will er an diesem Mittwoch den Aktionären – wobei er zusammen mit Frau und Sohn etwas weniger als die Hälfte der Anteile hält – die Umwandlung der CGM von einer europäischen Aktiengesellschaft in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) vorschlagen.

    „Gotthardt regiert durch“

    Akquisitionen hat die CGM bislang fast immer über Fremdkapital gestemmt. „Jetzt kommen wir aber in Größenordnungen, in denen wir auch einmal einen größeren Brocken übernehmen könnten, bei der wir um eine Kapitalerhöhung nicht herumkommen“, sagt Gotthardt. Kapitalerhöhungen sind in einer KGaA leichter zu realisieren, und trotzdem behält die Familie dabei die Kontrolle.

    Man wolle weiter im Bereich Software für Arztpraxen, Krankenhäuser, Apotheken und Labore wachsen, sagt Gotthardt: „Dieser Markt ist schon so weit computerisiert, dass es in Teilen einen Verdrängungswettbewerb gibt und wir für weiteres Wachstum anorganisch schneller vorankommen können.“ Im Februar hatte Gotthardt bereits bekanntgegeben, Klinik-Software, insbesondere umsatzstarke Krankenhausinformationssysteme, vom US-Konkurrenten Cerner für 225 Millionen Euro zu übernehmen.

    Gotthardt weiß, wie Wachstum funktioniert. Vom Einmannunternehmen hat er die CGM im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 746 Millionen gebracht. Das „Manager Magazin“ taxiert das Vermögen seiner Familie auf 1,4 Milliarden Euro. Gotthardt wird im Unternehmen geschätzt, man ist ihm dankbar für das, was er geschaffen hat. Doch ist er auch jemand, der weiß, wie man ein Unternehmen auf Wachstum trimmt. „Gotthardt regiert durch“, bemerken manche Mitarbeiter.

    Der Konzernchef hat in den vergangenen Jahren zwar einen mittlerweile sechsköpfigen Vorstand um sich herum aufgebaut. Doch es sei nach wie vor Gotthardt, der das Sagen habe, der auch in die Bereichsverantwortung seiner Vorstandskollegen eingreife, wenn er das für nötig hält.

    Bei der Konkurrenz ist Gotthardt ebenfalls berüchtigt. Die CGM wird manchmal als „Staubsauger der Branche“ bezeichnet, Kritiker werfen Gotthardt aggressive Marktpolitik vor, durch Übernahmen und Expansionen wolle er Monopolpreise durchsetzen. Dazu gehörten auch Maßnahmen technischer Abschottung: Ärzte, die ein IT-System von der CGM einsetzten, müssten auch so ziemlich jedes andere von der CGM kaufen, damit alles einwandfrei miteinander funktioniere.

    Seit Jahren gibt es diese Kritik, seit Jahren lässt sie Gotthardt kalt: „Die, die das sagen, sollten genauer hinsehen.“ Man arbeite schon immer interoperabel und mit etablierten Standards, bei Praxis- und Klinik-Software steht man mit rund 200 Anbietern im Wettbewerb.

    Auch im Umgang mit Arbeitnehmervertretern weiß Gotthardt, wie er für Tempo im Konzern sorgt. 2016 hatte er aus der damaligen nationalen eine europäische Aktiengesellschaft gemacht, mit dem Nebeneffekt, dass der Aufsichtsrat nur noch mit einem Drittel Arbeitnehmervertretern besetzt werden muss. Die CGM stand damals kurz vor der Schwelle von 2000 Mitarbeitern, bei Überschreiten in der alten Rechtsform wäre Gotthardt zur Hälfte anstatt von einem Drittel Arbeitnehmervertreter kontrolliert worden. In der künftigen KGaA wird allerdings wieder Parität im Aufsichtsrat gelten.

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    Während der Coronakrise muss Gotthardt auf eins seiner liebsten Hobbys verzichten: Eishockey. Gotthardt ließ sich in der Vergangenheit gern im Stadion der Kölner Haie blicken, nachdem er diese 2010 vor der Insolvenz gerettet hatte. Bis heute hält er 96 Prozent an dem Verein.

    Doch einen so schlechten Einfluss wie auf sein Sportteam hat das Coronavirus dafür auf sein eigentliches Geschäft nicht. Gesundheits-IT boomt in der Krise, allein die Nutzerzahlen der Videosprechstunden-Software von CGM hat sich in der Krise auf 80.000 Nutzer verhundertfacht. Gotthardts Unternehmen stattet unter anderem gemeinsam mit Intel und Microsoft Corona-Ambulanzen in Sporthallen oder Containern aus.

    Die Pläne des Konzerns, ein Umsatzwachstum von bis zu neun Prozent für 2020 und auch die avisierten Zukäufe, würden laut Gotthardt nicht durch die Krise beeinflusst, obwohl 5.000 der 5.800 Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten. Gotthardt selbst führt die CGM weiter von seinem papierlosen Büro in Etage drei der Koblenzer Konzernzentrale aus – noch.

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