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14.11.2022

11:24

Forschung

Alzheimer-Wirkstoff von Roche scheitert in Studien – Aktie reagiert deutlich

Von: Siegfried Hofmann

Der Hoffnungsträger Gantenerumab hat einen Nachweis seiner Wirksamkeit verfehlt. Der zweite Rückschlag für Roche enttäuscht die Aktionäre des Partners Morphosys.

Die Schweizer haben erneut einen Rückschlag in der Alzheimer-Forschung erlitten. RERUTERS

Gebäude von Roche

Die Schweizer haben erneut einen Rückschlag in der Alzheimer-Forschung erlitten.

Zürich Der Pharmakonzern Roche und sein deutscher Partner Morphosys müssen einen neuen Rückschlag bei der Entwicklung ihres Alzheimer-Medikaments hinnehmen. Wie Roche am Montagmorgen mitteilte, verfehlte der Wirkstoff Gantenerumab in zwei größeren Studien das Ziel, den Krankheitsverlauf bei Alzheimer-Patienten im Frühstadium signifikant zu verzögern.

Damit haben sich Hoffnungen zerschlagen, dass dieses Mittel im Kampf gegen Alzheimer doch noch eine Rolle spielen könnte. Roche hatte den Wirkstoff in zwei Studien mit knapp 2000 Teilnehmern über einen relativ langen Zeitraum von 27 Monaten getestet. Jeweils die Hälfte der Teilnehmer erhielt dabei entweder Gantenerumab oder ein Placebo.

Zwar wurde bei den behandelten Patienten in beiden Studien eine leichte Verzögerung des kognitiven Verfalls von acht und sechs Prozent beobachtet. Doch waren die Ergebnisse statistisch nicht signifikant. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass sie nur auf Zufall beruhten, war relativ hoch – neun Prozent in der einen Studie und fast 30 Prozent in der zweiten Studie.

Gantenerumab richtet sich gegen bestimmte Proteinablagerungen in den Gehirnzellen, die sogenannten Beta-Amyloid-Plaques, die viele Forscher bisher als Mitauslöser der Alzheimer-Demenz betrachten. Der Wirkstoff war in früheren Studien schon einmal gescheitert, ebenso wie zahlreiche andere Medikamentenkandidaten, die an den Amyloid-Ablagerungen ansetzten.

Doch in der Pharmabranche wuchs zuletzt die Zuversicht für das Molekül und die gesamte Amyloid-Hypothese, nachdem ein ähnlicher Wirkstoff der Pharmafirmen Biogen und Eisai vor wenigen Wochen in einer großen Studie überraschend positive Daten vorweisen konnte. Lecanemab verlangsamte den Verlust der geistigen Fähigkeiten bei Patienten um 27 Prozent und befindet sich in den USA inzwischen im Zulassungsverfahren. In Europa wollen Biogen und Eisai die Zulassung im kommenden Jahr beantragen.

Roche-Aktie sinkt deutlich

Gantenerumab verfolgte ein ähnliches Wirkprinzip wie das Konkurrenzprodukt von Biogen. Es handelt sich ebenfalls um einen Antikörper, das heißt um ein spezielles Eiweißmolekül mit sehr spezifischen Bindungseigenschaften. Und auch Gantenerumab zielte auf die Beseitigung der Amyloid-Ablagerungen. Das Molekül basiert auf der Antikörper-Technologie der Münchener Biotech-Firma Morphosys, der im Erfolgsfall Lizenzansprüche von 5,5 bis sieben Prozent des Umsatzes zugestanden hätten.

Investoren reagierten am Montag mit einiger Enttäuschung auf die Resultate. Der Aktienkurs von Roche gab am Montagmorgen um knapp fünf Prozent nach, Morphosys verlor sogar fast 30 Prozent an Wert, obwohl das Biotech-Unternehmen im vergangenen Jahr bereits 60 Prozent seiner potenziellen Lizenzansprüche auf Gantenerumab an Royalty Pharma verkauft hatte.

Viele Analysten waren – vor dem Hintergrund der zahlreichen Fehlschläge in der Alzheimer-Forschung – ohnehin eher skeptisch gegenüber dem Projekt von Roche eingestellt. Man habe in den Schätzungen für die Erlöse von Roche ohnehin stets auf eine Berücksichtigung von Alzheimer-bezogenen Umsätzen verzichtet, schrieb Vontobel-Analyst Stefan Schneider in einem Kommentar zu den Testdaten. „Aus dem einfachen Grund, weil uns Alzheimer-Studien wegen der unbewiesenen Beta-Amyloid-Theorie als zu riskant erschienen.“

Der Fehlschlag folgt bei Roche indessen auf eine Reihe weiterer Flops in anderen Bereichen, so etwa in der Entwicklung neuer Medikamente gegen Lungenkrebs. Zudem war zuvor bereits ein weiteres Alzheimer-Projekt gescheitert, das der Baseler Konzern mit der Biotech-Firma AC Immune verfolgt hatte.

„Dementsprechend scheint für die Baseler nun der Zug bei den Alzheimer-Medikamenten abgefahren“, kommentierte Michael Kunz, Analyst der Luzerner Kantonalbank. Experten hatten Gantenerumab im Erfolgsfall einen Spitzenumsatz von bis zu zehn Milliarden Dollar jährlich zugetraut.

Position von Biogen und Eisai wird gestärkt

Inwieweit der neue Fehlschlag von Roche den Kritikern der Amyloid-Hypothese neuen Auftrieb gibt, bleibt indessen offen. Denn der Pharmakonzern verwies darauf, dass der Abbau der Amyloid-Plaques bei den behandelten Patienten geringer gewesen sei als ursprünglich erwartet. Die schwachen Testresultate erscheinen insofern nicht unbedingt als Beleg dafür, dass die Grundannahme nicht stimmt. Sie könnten auch darauf beruhen, dass das Mittel den angestrebten biologischen Effekt, also die Reduzierung der Ablagerungen, nicht hinreichend bewirkte.

Gantenerumab dürfte angesichts der Resultate im Rennen um eine Alzheimer-Therapie aber keine Rolle mehr spielen. Das wiederum könnte die Stellung von Biogen und Eisai stärken, sollte ihr Wirkstoff im kommenden Jahr tatsächlich wie angestrebt eine reguläre Zulassung erhalten. Die Biogen-Aktie legte in Reaktion auf die schwachen Daten von Roche vorbörslich um rund vier Prozent zu. Der Bedarf an Alzheimer-Medikamenten gilt als riesig, da es bisher keine wirksamen Therapien gibt. Erfolgreichen Produkten trauen Marktbeobachter daher zweistellige Milliardenumsätze zu.

Als potenzieller Konkurrent bleibt damit nur noch ein ebenfalls gegen Amyloid gerichteter Wirkstoff des US-Konzerns Eli Lilly, für den klinische Daten aus einer größeren Studie im kommenden Jahr erwartet werden. Die meisten anderen Entwicklungsprojekte im Bereich Alzheimer befinden noch in früheren Stadien der klinischen Entwicklung.

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