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17.11.2022

11:06

Grippe-Impfung

Die Grippewelle kommt – aber nur wenige lassen sich impfen

Von: Maike Telgheder

Deutschland hat mehr als 28 Millionen Impfdosen beschafft, um die Bevölkerung gegen die Grippe zu impfen. Bislang ist die Nachfrage der Bürger aber gering.

Bereits Ende Oktober hat die Grippesaison in Deutschland begonnen – viel früher als in den Jahren vor der Pandemie. dpa

Zunehmende Grippeinfektionen

Bereits Ende Oktober hat die Grippesaison in Deutschland begonnen – viel früher als in den Jahren vor der Pandemie.

Frankfurt Die Zahl der Grippeinfektionen in Deutschland steigt – Ende Oktober hat in Deutschland laut Robert-Koch-Institut (RKI) die Grippewelle begonnen. Vor der Coronapandemie hatten Grippewellen meist erst im Januar eingesetzt und dann drei bis vier Monate gedauert.

Die Aktivität akuter Atemwegserkrankungen liegt laut RKI auf dem Niveau der vorpandemischen Jahre. Es zirkulieren derzeit vor allem Influenzaviren, gefolgt vom RSV (Respiratorisches Synzytial-Virus), an dem vor allem Kinder bis vier Jahre erkranken. Das Coronavirus wird dagegen derzeit deutlich weniger in den eingesandten Laborproben nachgewiesen.

In den letzten beiden Wintern ist eine Grippewelle ausgeblieben – auch wegen der Maskenpflicht, Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen in der Coronapandemie. Experten wie Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, warnen, dass sich das mit der Lockerung der Maßnahmen in diesem Winter ändern könnte.

Auf der Südhalbkugel, wo die Wintersaison ein halbes Jahr früher beginnt, hatte Australien die Wucht einer neuen Grippewelle schon zu spüren bekommen – mit Infektionsraten, die deutlich über dem Niveau vor der Pandemie lagen.

Die Befürchtung, dass das ein Vorbote für die Saison auf der Nordhalbkugel sein könnte, hat auch Jens Vollmar, medizinischer Leiter Impfstoffe beim Pharmakonzern GSK. „Durch die Pandemie und die damit verbundenen Schutzmaßnahmen in der Bevölkerung ist die Basisimmunität gegen über die Atemwege übertragene Erreger wie das Influenzavirus gesunken. Wenn wir keine covidbedingten Einschränkungen bekommen und die Bürger normale Bewegungsfreiheit haben, dürften wir eine heftigere Grippesaison erleben“, sagt er.

Schutz vor den Atemwegsviren bieten laut RKI das Einhalten der Hygieneregeln und das Tragen einer Maske bei Zusammenkünften in Innenräumen.

Zudem empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) bestimmten Bevölkerungsgruppen eine Grippeschutzimpfung: Menschen mit erhöhtem Risiko für schwere Krankheitsverläufe, also allen Frauen und Männern ab 60 Jahren, Schwangeren und chronisch Kranken jeden Alters, außerdem medizinischen Fachkräften und Pflegepersonal sowie ganz allgemein allen, die Risikopersonen gefährden können.

Grippe: Impfquote liegt bei 35 bis 38 Prozent

Grippeimpfstoff gibt es derzeit genug: Das Paul-Ehrlich-Institut hat bisher rund 28,4 Millionen Impfstoffdosen freigegeben. Das sind zwar etwas weniger als zum gleichen Zeitraum des Vorjahres, als 33,8 Millionen Dosen verfügbar waren. Das Problem in Deutschland ist aber nicht eine zu geringe Impfstoffmenge, sondern dass sich zu wenig Menschen gegen Influenza impfen lassen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt eine Impfquote von mindestens 75 Prozent bei Menschen ab 60 Jahren. Davon ist Deutschland weit entfernt. In den vergangenen Jahren ließen sich hierzulande nur etwa 35 bis 38 Prozent der über 60-Jährigen impfen. Eine Ausnahme war der erste Coronawinter, in dem sich 47,3 Prozent in dieser Altersgruppe impfen ließen – vermutlich auch, weil es damals zunächst noch keine Impfstoffe gegen Covid-19 gab und sich viele Menschen durch die Grippeimpfung einen gewissen Infektionsschutz holen wollten.

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Offizielle Zahlen, wie hoch die Quote im vergangenen Jahr war, gibt es noch nicht. Auswertungen der Techniker Krankenkasse zeigen, dass die Impfbereitschaft ihrer Versicherten auf etwa 44 Prozent gesunken ist.

Auch die Daten des Marktforschungsinstituts Iqvia, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen, legen diesen Schluss nahe. Nach einem deutlichen Sprung von 17 auf 25 Millionen Dosen in der Grippesaison 20/21 wurden im vergangenen Winter noch 24 Millionen Dosen abgegeben. Und bisher scheint auch in dieser Saison die Impfstoffnachfrage noch einmal gesunken zu sein: Die Bestellungen liegen laut Auskunft des Pharmagroßhandelsverbands Phagro bisher leicht unter dem Niveau des vergangenen Jahres.

Milliardenumsätze für Sanofi, GSK, CSL Seqirus und Viatris

Insgesamt neun Impfstoffe sind in diesem Jahr zum Einsatz gegen die saisonale Grippe zugelassen. Die meisten davon enthalten Antigene aus vier Grippevirenstämmen (je zwei Influenza-A- und Influenza-B-Viren), die gemäß WHO-Empfehlung angepasst worden sind.

Grippeimpfstoffe werden weltweit nur noch von wenigen Unternehmen angeboten. Sie erzielen damit zusammen Umsätze von einigen Milliarden Euro. Die Produktion gilt als aufwendig, bei den meisten Grippeimpfstoffen werden die Virusstämme im Hühnerei vermehrt. Zu den größten Anbietern gehören die französische Sanofi, GSK mit Sitz in Großbritannien, CSL Seqirus aus Australien und die US-amerikanische Viatris, ein Zusammenschluss des Generikaunternehmens Mylan mit der Markenproduktesparte von Pfizer.

Sanofi und Viatris haben in den vergangenen Jahren den überwiegenden Teil der Impfstoffdosen in Deutschland geliefert. GSK wiederum betreibt die größte Grippeimpfstoffproduktion in Deutschland: Am traditionsreichen Standort in Dresden werden jedes Jahr rund 50 Millionen Grippeimpfstoffdosen für die Nordhalbkugel sowie zehn Millionen für die Südhalbkugel hergestellt.

Ob die Impfbereitschaft der Deutschen vor dem Hintergrund der bereits gestarteten Grippewelle noch steigt, ist offen. Die Schwelle, sich impfen zu lassen, ist noch einmal dadurch gesenkt worden, dass seit diesem Monat auch Apotheken Grippeimpfungen durchführen können.

Die Coronapandemie habe gezeigt, wie wichtig eine zeitnahe Erfassung der Impfquoten sei, um Impfziele zu erreichen. Ein solches Monitoring gebe es aber für andere Impfungen in Deutschland nicht, kritisiert GSK-Impfstoffexperte Vollmar und findet: „Die Digitalisierung sollte bei einem Thema von so hohem Interesse für die öffentliche Gesundheit funktionieren.“ Der beste Schutz des Einzelnen vor schweren Infektionserkrankungen sei ein funktionierendes Impfsystem – mit hohen Impfquoten auch in Zeiten zwischen zwei Pandemien.

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