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29.06.2022

17:00

Technologiekonzern

Siemens will digitale Plattform für die Industrie schaffen – und Unternehmen ins „Metaversum“ bringen

Von: Axel Höpner

Konzernchef Roland Busch will ein offenes digitales Ökosystem schaffen. Dabei soll ein enges Bündnis mit den Grafikspezialisten von Nvidia helfen. Noch sind einige Fragen offen.

Xcelerator von Siemens und Nvidia

Unternehmen ins „Metaversum“ bringen

Siemens und Nvidia wollen Off- und Onlinewelt verbinden.

München Gerade erst hatte Siemens-Chef Roland Busch eine milliardenschwere Softwareübernahme in den USA verkündet. Nun will er den Wandel des Traditionsunternehmens hin zu einem IT-Konzern mit einer neuen digitalen Plattform weiter beschleunigen – mithilfe des US-Grafikspezialisten Nvidia.

Gut ein Jahr nach Amtsantritt legte Busch am Mittwoch die von Investoren geforderte Digitalstrategie vor. Siemens will mit „Xcelerator“ die führende digitale Plattform für die Industrie schaffen. Hier sollen künftig Hardware- und Softwaremodule von Siemens vertrieben und zugleich Tausende externe Partner angebunden werden. So sollen ein Ökosystem sowie ein digitaler Marktplatz mit offenen Schnittstellen entstehen. „Niemand kann das allein machen“, sagte Busch mit Blick auf die digitale Transformation der Industrie.

Mit Jensen Huang hat Siemens einen sehr prominenten Partner gefunden. Der Gründer und CEO von Nvidia, einem der wertvollsten Unternehmen der Welt, war eigens nach München gereist, um das Bündnis mit Siemens zu verkünden.

„Siemens wird eines der größten Technologieunternehmen der Welt sein“, zeigte er sich überzeugt. Der Konzern habe das Fundament gelegt, viele Industrien zu digitalisieren. Wenn nun Künstliche Intelligenz dazukomme – auch direkt an der Maschine –, starte eine neue Ära.

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    Gemeinsam wollen Siemens und Nvidia die Unternehmen ins „Metaversum“ bringen, also Off- und Onlinewelt verbinden und mit viel Rechenleistung Simulationen in Echtzeit ermöglichen. Dazu sollen das Siemens-Xcelerator-Ökosystem und die „Omniverse“-Plattform von Nvidia verknüpft werden. „Das ist nur der erste Schritt unserer gemeinsamen Anstrengung, diese Vision für unsere Kunden und die weltweite Fertigungsindustrie zu verwirklichen“, sagt Huang.

    Siemens und Nvidia: „Digitaler Zwilling“ soll Industrie effizient machen

    Im Kern geht es bei der Zusammenarbeit um den digitalen Zwilling. Nvidia soll fotorealistische Grafik und Künstliche Intelligenz beisteuern, sodass die Kunden ein digitales Ebenbild in Echtzeit von ihren Anlagen und Gebäuden haben. „Sie können den digitalen Zwilling anschalten, wenn sie ihn brauchen, und dafür zahlen“, sagte Busch. Dann könnte zum Beispiel ein Bot mit Künstlicher Intelligenz die Optimierung von Einstellungen durchspielen und das System optimieren.

    Huang ist überzeugt, dass der Digitale Zwilling schon bald die am häufigsten benutzte Applikation in der Industrie sein wird. Schließlich gehe es immer darum, die Effizienz in Fertigung und Betrieb zu verbessern.

    Der Nvidia-Chef und der Siemens-CEO verkünden eine Zusammenarbeit für die Digitalplattform „Xcelerator“. Siemens

    Jensen Huang, Roland Busch

    Der Nvidia-Chef und der Siemens-CEO verkünden eine Zusammenarbeit für die Digitalplattform „Xcelerator“.

    In Industriekreisen wurde betont mit Blick auf „Xcelerator“ betont: „Für Siemens ist das ein Riesenschritt.“ Der Konzern stelle sein komplettes Vertriebsmodell um und hole die Entwickler aus ihren Silos.

    So sollen zum Beispiel die Softwareprotokolle transparent gemacht werden, damit Dritte digitale Lösungen entwickeln können, die daran anknüpfen. Zwar sollen über den Xcelerator–Marktplatz keine direkten Konkurrenzprodukte vertrieben werden. Es sei jedoch vorstellbar, dass man komplementäre Produkte von direkten Wettbewerbern zulasse.

    Allerdings ließ Siemens offen, was man sich wirtschaftlich konkret von der neuen Plattform verspricht und auch, wie das Geschäftsmodell aussieht. Es wurden auch keine neuen Wachstumsziele damit verknüpft.

    Xcelerator von Siemens soll Digital-Geschäft Wachstum bescheren

    Xcelerator solle dabei helfen, die bereits verkündeten Ambitionen zu erreichen, sagte Strategiechef Peter Körte. Auf einem Kapitalmarkttag hatte Siemens im vergangenen Jahr verkündet, das Geschäft mit Software und digitalen Lösungen solle im Schnitt jährlich prozentual zweistellig steigen. In den digitalen Industrien erzielte Siemens zuletzt Softwareumsätze in Höhe von 4,3 Milliarden Euro. Insgesamt beziffert Siemens die Digitalumsätze auf 5,6 Milliarden Euro.

    Anfang der Woche hatte Siemens als Teil der neuen Strategie bereits die Übernahme der US-Softwarefirma Brightly für mehr als 1,5 Milliarden Dollar verkündet. Das Unternehmen ist auf Software für Betrieb und Wartung zum Beispiel von Gebäuden und Energieanlagen spezialisiert. Auch bei Gebäuden spielen digitale Zwillinge eine zentrale Rolle. Viele Daten wie zum Beispiel von Temperatur, Energieverbrauch und Auslastung werden genutzt, um den Betrieb effizienter zu machen.

    Mit den jüngsten Verkündungen entwickelt CEO Busch den Konzern noch stärker in Richtung eines IT- und Softwarekonzerns weiter. Vernetzbare Hardware, etwa für und in Zügen, soll aber im Konzern verbleiben. Kein anderes Unternehmen könne die reale und die digitale Welt so gut miteinander vereinen, ist Busch überzeugt.

    Grafik

    Ob sich in der Digitalisierung der Industrie Automatisierungsspezialisten wie Siemens und Rockwell oder die großen US-IT-Konzerne wie Microsoft und Amazon mit ihren Cloud-Services Azure und AWS durchsetzen, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehbar.

    Um die eigenen Kräfte für den Wettbewerb zu bündeln, startet Siemens in enger Kooperation mit Kunden und Technologiepartnern die neue Plattform. Die Software des Münchener Konzerns, aber auch von anderen Unternehmen soll in einem Mietmodell in der Cloud angeboten werden. Auch die Hardware soll laut Unternehmenskreisen längerfristig „as a Service“ vertrieben werden. Kunden könnten dann regelmäßig für die Nutzung zum Beispiel eines Zugs zahlen, statt einmalig einen Kaufpreis zu überweisen.

    Investoren erhöhen Druck auf Siemens

    Investoren hatten in den vergangenen Monaten auf eine klarere Digitalstrategie gedrängt. Denn Siemens wird von den Aktienmärkten auch nach der Abspaltung der margenschwachen Energietechnik nicht wie ein IT-Unternehmen bewertet. Der Konzern müsse unter Busch endlich die Bewertungsabschläge zu den Wettbewerbern aufholen, forderte Ingo Speich von Deka Investment. „Das wird die Messlatte für seine erste Amtszeit als Vorstandschef sein.“

    Operativ läuft es bei Siemens derzeit in den Software- und Automatisierungsgeschäften gut. Die Siemens-Sparte „Digitale Industrien“ steigerte die Erlöse von Januar bis März um vergleichbar neun Prozent auf knapp 4,6 Milliarden Euro. Die Marge ging vor allem wegen des Umstiegs auf das „Software as a Service“-Mietmodell (SaaS) von 20,1 auf 18,1 Prozent zurück, kann sich im Branchenvergleich aber weiter sehen lassen.

    Die Umstellung auf SaaS hatte Busch vor einem Jahr verkündet. In der Softwarebranche setzen sich diese Modelle, bei denen eine regelmäßige Gebühr für die Nutzung der Software in der Cloud gezahlt wird, immer mehr durch. Mit SaaS können Umsätze verstetigt und auf längere Sicht höhere Margen erzielt werden.

    Allerdings taten sich selbst Branchenriesen wie SAP mit der Umstellung schwer. „So eine Transformation ist in der Tat eine große Herausforderung, daran haben sich andere verhoben“, räumte Siemens-Finanzvorstand Ralf Thomas im Gespräch mit dem Handelsblatt ein. „Wir haben großen Respekt davor.“

    Kernpartner Nvidia

    Siemens hatte schon einmal einen Anlauf gestartet, sich eine Schlüsselposition bei der Digitalisierung der Industrie zu sichern. Die Plattform Mindsphere sollte, hofften einige im Konzern, zum zentralen Betriebssystem der Industrie für das Internet der Dinge werden.

    Doch zeigte sich schnell, dass Mindsphere nur eines von vielen Elementen in einer Welt sein würde, in der offene Schnittstellen und Kooperationen dominieren. Zwar wurden mit der Zeit Millionen Maschinen angeschlossen und ein Nutzerklub wurde etabliert. Doch blieb Mindsphere ein Baustein von vielen, als eigenständiges Produkt wurde es wenig verkauft.

    Die Xcelerator-Strategie setzt nun radikal auf Offenheit. „Es kann nicht eine einzige Firma die Herausforderung unserer Kunden lösen“, sagte Strategiechef Körte. Auf der Plattform soll es ein kuratiertes Portfolio von Hard- und Software von Siemens, aber auch einen offenen Marktplatz für Partner geben.

    Als wichtigster Partner wurde nun Nvidia präsentiert. Der Hardwarehersteller rückt damit nach Mercedes an einen weiteren Dax-Konzern heran. Beim Stuttgarter Autobauer wird Nvidia vor allem beim autonomen Fahren eingebunden und erhält über ein „Revenue-Sharing“-Modell mehr als 40 Prozent der Einnahmen. Das ist ein Novum in der Autobranche und gilt bei Mercedes intern als umstritten.

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