Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

31.05.2022

12:45

Telekommunikation

Warum die Deutsche Telekom bis heute an IT-Experten aus Russland hängt

Von: Philipp Alvares de Souza Soares

Ende März hatte der Konzern seinen Abzug aus Russland verkündet. Nun wird klar: Ein Teil der Mitarbeiter ist offenbar bis heute für die Telekom tätig. Von der Türkei oder Russland aus.

Deutsche Telekom imago images/Marc John

Solidaritätsbekundung mit der Ukraine am Hauptsitz der Deutschen Telekom

Früh stellte der Konzern sicher, dass die russischen Experten „in den meisten Szenarien, die wir uns vorstellen können, weiterarbeiten können“.

Hamburg Vier Wochen nach dem Überfall auf die Ukraine schien die Lage klar: Die Deutsche Telekom beende „ihre Entwicklertätigkeiten in Russland“, hieß es am 24. März in einer Konzernmitteilung. Man stelle die „Aktivitäten“ im Land ein. Damals arbeiteten gut 2000 russische IT-Spezialisten für die Telekom.

Nun, über zwei Monate später, zeigt sich, dass der Abschied offenbar weniger eindeutig war, als es damals erschien. Mehreren Insidern zufolge beschäftigt die Telekom nach wie vor eine erhebliche Anzahl an Mitarbeitern an ihren russischen Standorten. Interne Nachrichten deuten zudem darauf hin, dass Sicherheitsmaßnahmen in der Zwischenzeit wieder gelockert wurden.

Ein Konzernsprecher lässt auf Anfrage offen, wann der Abzug abgeschlossen werde. Er teilt lediglich mit, dass „die überwiegende Mehrheit der Dienstleistungen mittlerweile von außerhalb Russlands“ erbracht werde. Die Telekom schließe ihre russischen Standorte. Das sei ein „komplexer Prozess“, zu dem man sich nicht im Detail äußern wolle. Kunden könnten davon ausgehen, dass man „alle denkbaren Bedrohungsszenarien“ bei der Sicherheitsbewertung in Betracht ziehe.

Telekom ließ Geld und IT-Equipment nach Russland bringen

Die Telekom hatte nach Kriegsausbruch die Softwareentwicklung in Sankt Petersburg und an zwei weiteren Standorten zunächst aufrechterhalten. Das Management ließ sogar Geld und IT-Equipment nach Russland bringen, um notfalls über Monate hinweg trotz Sanktionen handlungsfähig zu bleiben. „Zum Glück sind unsere Mitarbeitenden in Russland im Moment in Sicherheit und können arbeiten“, hieß es damals in einer internen Mail von Technikvorständin Claudia Nemat. Neben dem Wohlergehen der Kollegen vor Ort ging es der Führung offenbar vor allem darum, sie trotz Ukraine-Krise ohne Unterbrechung einsetzen zu können. Man habe sichergestellt, „dass sie in den meisten Szenarien, die wir uns vorstellen können, weiterarbeiten können“, beruhigte Nemat.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die Zentrale in Bonn erhöhte indes die Sicherheitsvorkehrungen: Neuer Programmcode aus Russland musste nun vor der Einspeisung überprüft werden. Die Angst vor Geheimdiensten ging um, die russische Kollegen möglicherweise kompromittieren könnten.

    Russen arbeiten an entscheidenden Projekten

    Auch deshalb erlebten viele Mitarbeiter die Entscheidung für einen Abzug als Befreiung. Ihr gingen zwei öffentliche Briefe von Betriebsräten voraus, die den Vorstand zum Handeln aufforderten. Zusätzlicher Druck entstand, weil die Telekom in die „Hall of Shame“ der amerikanischen Eliteuniversität Yale – einer Art Pranger für Konzerne mit fortgesetztem Russlandengagement – aufgenommen worden war. Nur einen Tag nach der Listung wurde die Schließung der russischen Standorte verkündet.

    Derzeit stehen viele westliche Unternehmen vor der Herausforderung, ihr Russlandgeschäft abzuwickeln. Für viele ist es ein teurer, frustrierender Abschied. Konzerne wie Henkel oder Siemens reagierten erst, als der Druck der Öffentlichkeit das Geschäft zu gefährden drohte. SAP, das zunächst über Wochen zögerte, kürzte als Folge des Abzugs seine Umsatzprognose für das laufende Jahr kürzlich um 300 Millionen Euro.

    Die Telekom hatte kein nennenswertes Geschäft in Russland. Sie machte sich von Softwareentwicklern abhängig, die von Russland aus den Glasfaserausbau in Deutschland oder eine einheitliche Kunden-App vorantrieben. Strategisch wichtige Projekte, die der Vorstand offenbar nicht aufschieben möchte.

    Kollegen an anderen Standorten der Telekom können die Aufgaben ihrer russischen Kollegen dem Vernehmen nach nicht kurzfristig übernehmen. In Deutschland wurden entsprechende Fähigkeiten in der Vergangenheit abgebaut. Das Vorgehen der Konzernführung macht deutlich, wie sehr sie offenbar auf die Russen angewiesen ist.

    Schon Ende März hieß es, dass man den russischen Mitarbeitern angeboten habe, von anderen Ländern aus weiter für die Telekom zu arbeiten. „Viele“ von ihnen hätten diese Option auch genutzt. Konkrete Zahlen will der Konzern auch heute nicht nennen.

    Hunderte russische IT-Experte wurden in die Türkei ausgeflogen. dpa

    Strand im türkischen Antalya

    Hunderte russische IT-Experte wurden in die Türkei ausgeflogen.

    Was mit Ausland gemeint war, verriet Telekom-Chef Höttges indes auf der Hauptversammlung am 7. April. Auf die Frage eines Aktionärsvertreters hin sprach er von fast 2000 Menschen – russische Telekom-Mitarbeiter und ihre Familien -, die der Konzern in Ferienhotels im türkischen Antalya untergebracht habe. Ein ungewöhnliches Vorgehen, das manch ein Topmanager in Bonn mindestens für heikel hält.

    „Extended business trip“ nach Antalya

    Die „Wirtschaftswoche“ besuchte Ende April ein türkisches Fünf-Sterne-Ressort, das die Telekom gebucht hatte. Allein dort waren laut Bericht rund 400 russische Programmierer und ihre Familienangehörigen untergebracht. Sie waren froh und dankbar, ihr Heimatland verlassen zu können – blickten aber einer ungewissen Zukunft entgegen.

    Mit Urlaub hat der Aufenthalt in Antalya indes wenig gemein. Die Experten wurden Insidern zufolge gleich wieder eingesetzt. Als Sicherheitsvorkehrung stattete die Konzern-IT sie zuvor mit neuen Computern aus.

    Da die Russen sich nun im Ausland befinden, sollen manche von ihnen auch wieder in den Genuss erweiterter Zugriffsrechte als sogenannte „trusted user“ gekommen sein. Mitteilungen zufolge wurden sie etwa mit der Überprüfung von neuem Programmcode ihrer in Russland verbliebenen Kollegen beauftragt.

    Russen sollen an deutsche Telekom-Standorte wechseln 

    Offen bleibt, wie lange der intern „extended business trip“ genannte Aufenthalt noch verlängert wird. Normalerweise erlaubt die Türkei Gästen aus Russland einen Aufenthalt für drei Monate. Mittelfristig sollen die russischen Mitarbeiter an Telekom-Standorte in Europa wechseln – auch nach Deutschland. Solche Optionen hatten Höttges und Finanzchef Christian Illek bereits im Februar in Aussicht gestellt. Offenbar haben manche Programmierer Antalya indes wieder Richtung Heimat verlassen.

    Höttges nannte das ungewöhnliche Ausreiseprogramm auf der Hauptversammlung im April eine „zutiefst menschliche Lösung“. Von den in Russland verbliebenen Kollegen war damals keine Rede.
    Langfristig haben sie im Konzern wahrscheinlich keine Zukunft. Wenige Tage nach Höttges Äußerung teilte die Telekom mit, dass man Mitarbeiter, „die nicht außerhalb Russlands arbeiten können beziehungsweise wollen, nicht weiter beschäftigen“ werde. Eine großzügige Übergangsfrist kommt dabei wahrscheinlich beiden Seiten entgegen.

    Dieser Artikel erschien zuerst am 27.05.2022 um 9:53 Uhr. 

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×