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01.01.2019

08:05

Das Unternehmen stellt am liebsten Berufseinsteiger ein. Trivago

Arbeiten bei Trivago in Düsseldorf

Das Unternehmen stellt am liebsten Berufseinsteiger ein.

Arbeitspsychologe im Interview

„Künstliche Intelligenz darf nicht unser Chef werden“

Von: Katrin Terpitz

Im digitalen Zeitalter werden Hierarchien immer flacher. Arbeitspsychologe Michael Kastner warnt: KI droht diese Freiheiten wieder zunichte zu machen.

DüsseldorfProfessor Michael Kastner leitet das Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin in Herdecke. Der promovierte Mediziner, Diplom-Psychologe und Doktor der Philosophie berät seit vielen Jahren Konzerne von Volkswagen über RWE bis zu Mittelständlern wie ZF Friedrichshafen oder Vaillant.

Kastner treiben seit Jahren die neuen Arbeitswelten um, vor deren Risiken er warnt. Er ist Herausgeber des Buches „Digitalisierung und psychische Gefährdung“ sowie „Neue Selbstständigkeit in Organisationen: Selbstbestimmung, Selbsttäuschung, Selbstausbeutung?“ Zum Siegeszug der Künstlichen Intelligenz (KI) im Arbeitsalltag hat er eine dezidierte Meinung.

Herr Kastner, viele Unternehmen, die modern und erfolgreich sein wollen, setzen auf flache Hierarchien und auf Teams statt Chefs. Wie bewerten Sie das als Arbeitspsychologe?
Hierarchie kommt von griechisch „ierarchía“ und bedeutet „Heilige Ordnung“. Sie hat viele Vorteile, etwa wenn es schnell gehen muss, zum Beispiel bei der Bundeswehr. Ohne klare Ansagen gibt es oft Chaos. Hierarchien haben aber große Nachteile, wenn Kreatives entstehen soll. Je komplexer die Welt wird und je schneller sich alles ändert, umso problematischer sind Hierarchien.

Also Hierarchien abschaffen?
Heutzutage funktionieren Heterarchien besser, bei denen mehrere gleichzeitig das Kommando haben. Dabei ist es wichtig, dass jeder Mitarbeiter seinen eigenen Gehirnschmalz investiert und nicht auf die Entscheidung des Chefs wartet.  

Sind denn die meisten Mitarbeiter dazu in der Lage?
Wer lange in Hierarchien gearbeitet hat, kann sich schwer umstellen. Es kann ja auch sehr bequem sein: Wenn etwas schiefgeht, war der Chef oder die Chefin schuld. Der einzelne Mitarbeiter muss keine große Verantwortung tragen. Für Entscheidungen geradezustehen, das macht nicht jeder gerne. In Zukunft geht es aber nicht mehr ohne Mitarbeiter mit Selbstverantwortung. Ein Unternehmen muss seine Leute reif dafür machen. Das geht nicht von heute auf morgen.

„Künstliche Intelligenz ist unüberschaubar und fehlerbehaftet. Sie hat das Potenzial, die Welt ins Verderben zu stürzen.“

Michael Kastner

„Künstliche Intelligenz ist unüberschaubar und fehlerbehaftet. Sie hat das Potenzial, die Welt ins Verderben zu stürzen.“

Das Reiseportal Trivago spart sich die Mühe und stellt deshalb am liebsten Berufseinsteiger ein, die unvorbelastet sind.
Sicher, für die Generation Y ist es leichter, eigenverantwortlich zu arbeiten. Aber sie ordnet sich nicht so gerne unter, auch nicht in der Gruppe. Die jungen Leute sind kantiger, anspruchsvoller. Sie sind auch nicht so leicht zu binden an eine Organisation oder ein Unternehmen. Ihnen müssen Freiheiten im Job geboten werden.

Wer mag da noch Chef von solch sensiblen Mitarbeitern sein?
Es ist als Chef nicht einfach, solche Individualisten zu führen. Befehl und Gehorsam – das funktioniert nicht mehr. Die jungen Leute wollen überzeugt werden. „Perturbieren“ nenne ich das. Eine Führungskraft muss Mitarbeiter anregen, irritieren, in ihrer Eigendynamik stören. Das sind die eigentlichen Führungsaufgaben. Und die Mitarbeiter sollen dann so agieren, als wäre es ihr eigener Laden.

Was halten Sie davon, wenn Mitarbeiter ihren Chef und neue Kollegen selbst auswählen?
Als Psychologe nicht viel. Das verführt nur dazu, einen Chef auszusuchen, der einem wenig in die Suppe spucken kann, der nicht lästig wird. Ein Chef muss ja bereit sein, sich unbeliebt zu machen, um auch mal Unbequemes umzusetzen.

Warum ist dann in der Start-up-Szene die Chefwahl derzeit populär?
Das ist eine Gegenreaktion zu den vielen autoritären alten Säcken an der Spitze. Aber das Pendel schlägt auch wieder zurück. Ich halte nicht viel von Schwarmintelligenz nach dem Motto „Eine Million Fliegen können nicht irren“.

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Urlaub, so viel man will, arbeiten, wann man Lust hat. Das klingt nach großer Freiheit. Ein Trugschluss?
Je eigenverantwortlicher die Leute arbeiten, umso größer die Gefahr der Selbstausbeutung. Deshalb ist es gut, dass es Chefs gibt. Führungskräfte haben ja eine Fürsorgepflicht. Sie sollten ihren Mitarbeiter davor schützen, sich zu übernehmen. Selbstausbeutung ist heute keine Seltenheit mehr. Das haben wir bei selbstständigen IT-Spezialisten untersucht. Viele haben Angst, den nächsten Auftrag zu verpassen. Aber auch in Unternehmen greift Selbstausbeutung immer weiter um sich.

Woran liegt das in Zeiten annähernder Vollbeschäftigung?
Die Digitalisierung verändert alles. Jeder kann überall und jederzeit arbeiten. Die Trennung zwischen Arbeit und Privatleben ist aufgehoben. Der Arbeitsschutz aber hinkt hinter der technologischen Entwicklung weit hinterher. Hier müssen Unternehmen handeln, sonst erleiden sie bald einen kollektiven Burn-out.

Die schöne neue Arbeitswelt hat also Schattenseiten.
Nicht jeder ist vom Typ ein Selbstunternehmer. Viele kommen mit Stress am besten klar, wenn klar angesagt wird, was zu tun ist. Und nach Feierabend Ruhe ist.

Was ist an Digitalisierung so bedrohlich? Sie erleichtert ja auch das Arbeiten.
Die Digitalisierung kommt als Tsunami rasend schnell über uns. Es werden zahllose Berufe überflüssig vom Steuerberater bis zum Sachbearbeiter in der Versicherung. Es entstehen zwar neue Berufsbilder, aber erst zeitversetzt. Da wird es gewaltige Brüche geben. Viele Leute werden auf der Straße stehen und mühsam umlernen müssen. Wir werden schon bald in einer völlig anderen Arbeits- und Privatwelt leben. Da steckt viel sozialer Sprengstoff drin.

Digitalisierung bringt für Sie also mehr Nachteile als Vorteile?
Wir müssen eine Balance finden zwischen Nutzen und Schäden der Digitalisierung. Im technologischen Machbarkeitswahn – angetrieben durch Gier und Neugier – läuft die Menschheit Gefahr, soziale Innovationen sträflich zu vernachlässigen.

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Da sehen Sie die Unternehmen in der Pflicht?
Führungskräfte haben da eine besondere Verantwortung. Als Psychologe weiß ich: Der Mensch braucht eine gewisse Stabilität, Orientierung und Planbarkeit. Sonst wird er immer rappeliger. Die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind eine Gefahr, aber das hören viele nicht gerne.

Aber der Mensch ist es doch, der die Künstliche Intelligenz programmiert?
Künstliche Intelligenz ist unüberschaubar und fehlerbehaftet. Sie hat das Potenzial, die Welt ins Verderben stürzen. Man schaue sich nur das Social Credit System in China an. Das ist absolute soziale Kontrolle per KI. Der Mensch hat eine Welt, in der Algorithmen entscheiden, nicht mehr im Griff. Etwas im Griff zu haben ist aber ein Gesundmacher. Menschen haben Angst vor Kontrollverlust. Sie reagieren dann mit Ablehnung oder gar Hass.

Werden dann irgendwann Menschen Roboter stürmen wie einst die Maschinen?
Die Gefahr sehe ich durchaus. Aber der Widerstand wird vergebens sein. Schließlich lässt sich mit KI viel Geld verdienen. Wir müssen höllisch aufpassen, dass die KI nicht unser Chef wird. Denn sonst erübrigen sich alle Diskussionen über mehr Eigenverantwortung für Mitarbeiter.

Herr Professor Kastner, vielen Dank für das Interview.

Kommentare (1)

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Frau Annette Bollmohr

01.01.2019, 12:43 Uhr

We wäre es statt der Herrschaft eines „Chefs“, der KI oder des Geldes zur Abwechslung mal mit der Herrschaft der Vernunft?

Dass man sich da besser keinen Illusionen hingeben sollte und aktuell auch sonst wenig Anlass zur Hoffnung besteht, macht gleich die erste Meldung zum Thema Wirtschaft und Politik auf tagesschau.de deutlich: „Bolsonaro wird Präsident - Bedrohung oder Hoffnungsträger?“

Ein ausgewiesener Faschist kommt für „Wirtschaft“ - was immer genau man unter diesem Begriff verstehen mag - und einen großen Teil der Bevölkerung also offenbar ernsthaft als „Hoffnungsträger“ in Frage.

Das sagt eigentlich schon alles: Geld ist offenbar wichtiger als Leben.

Bleibt nur noch die Hoffnung, dass der angesichts der von Bolsonaro angekündigten Politik - zum Beispiel hartes „Durchgreifen“ gegen alle den angeblichen Interessen der „Wirtschaft“ im Wege stehen, etwa indem sie versuchen, eine weitere ungebremste Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch Raubbau an wertvollen und nicht nur im Falle des tropischen Regenwalds (der sogenannten „Wetterküche“ bzw. „grünen Lunge“ unserer Erde) absolut unersetzlichen natürlichen Ressourcen abzuwenden - aller Wahrscheinlichkeit nach bevorstehende Alptraum möglichst schnell wieder vorbei ist, und die Menschen diesmal nicht wieder erst, wenn der maximale Schaden angerichtet ist klug werden. Und dass danach noch genug Leben bzw. Raum für ein vernünftiges solches für alle übrig ist.

Eine schnelle „Erholung“ der Wirtschaft ist also beileibe nicht nur für die Demokratie schlecht, sondern gefährdet letztlich unser aller Existenz auf der Erde (nachfolgend ein Ausschnitt aus o.g. tagesschau.de-Meldung):

„Die große Frage ist zudem, wie schnell sich die Wirtschaft erholt. "Gelingt das zügig, kann das paradoxerweise schlecht für die Demokratie sein", analysiert Wissenschaftler Stuenkel. Denn im gebeutelten Brasilien dürfte es schwieriger werden, gegen einen Präsidenten aufzustehen, der das Land wirtschaftlich auf Kurs bringt.

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